Warum drei Soldaten genau diesen einen Stuhl für ihn freihielten-thtruc2710

Der Soldat, der den Stuhl verschoben hatte, legte zwei Finger an die Lehne.

„Von hier siehst du die Tür“, sagte er. „Und hinter dir ist die Wand. Niemand kann unbemerkt an dich herantreten.“

Der Verwundete blickte über seine Schulter.

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Der Stuhl stand tatsächlich nicht gerade am Tisch, sondern leicht schräg, sodass er den Eingang sehen konnte, ohne sich ständig umzudrehen.

Gleichzeitig blieb der Gang neben ihm frei.

Kein Rucksack lag im Weg, kein weiterer Stuhl versperrte ihm den kürzesten Weg nach draußen, und keiner der drei Soldaten saß so, dass er ihn hätte festhalten oder zum Bleiben zwingen können.

„Woher wusstet ihr das?“, fragte er.

Seine Stimme war so leise, dass ich sie zwischen dem Klappern des Geschirrs beinahe überhört hätte.

Der Soldat mit dem Brotkorb sah kurz zu mir und dann auf meine angeschlagene Teetasse.

„Wir wussten es nicht sofort“, sagte er. „Aber wir haben gesehen, welchen Tisch du nachts nimmst. Immer den mit der Wand im Rücken. Immer so, dass du die Tür sehen kannst.“

Der Verwundete umklammerte den Löffel erneut.

„Ihr wart nachts hier?“

„Manchmal“, antwortete der Mann neben ihm. „Nicht im Speisesaal. Draußen im Gang oder bei der Ausgabe. Wir wollten nicht hereinkommen und dir das Gefühl geben, dass du beobachtet wirst.“

Der dritte Soldat schob seine Suppe ein Stück zur Seite.

„Wir haben auch gesehen, dass du bleibst, wenn seine Tasse auf dem Tisch steht“, sagte er und deutete auf mich. „Also dachten wir, dass du vielleicht nicht unbedingt einen leeren Raum brauchst. Vielleicht brauchst du nur einen Raum, in dem niemand etwas von dir verlangt.“

Der Verwundete sah die drei nacheinander an.

Sein Gesicht veränderte sich nicht sofort, doch seine Finger lösten sich langsam vom Rand des Tabletts.

„Ihr versteht das nicht“, sagte er schließlich. „Ich bin nicht nur wegen des Lärms erst um Mitternacht gekommen.“

Der Soldat gegenüber legte das Brot aus der Hand.

„Wir wissen es“, antwortete er.

Der Verwundete hob den Blick.

Der andere hielt ihn aus, ohne Mitleid und ohne Vorwurf.

„Wir waren alle drei in dem Wagen.“

Der Satz ging im Lärm des Speisesaals beinahe unter, aber am Tisch hörte plötzlich jeder auf, sich zu bewegen.

Auch ich kannte nur Bruchstücke von dem, was geschehen war.

Ein Unfall während einer nächtlichen Übung, ein Fahrzeug, das auf nassem Boden seitlich weggerutscht war, lose Ausrüstung im Innenraum und mehrere Männer, die danach untersucht worden waren.

Mehr hatte mir niemand erzählt.

Der Verwundete war einige Wochen später auf den Posten zurückgekehrt, den rechten Arm noch steif, eine frische Narbe nahe der Schläfe und mit einem Gang, als erwartete er unter jedem Schritt einen Boden, der erneut nachgeben könnte.

In den ersten Tagen hatte er den Speisesaal überhaupt nicht betreten.

Dann war er kurz vor Mitternacht erschienen, wenn die meisten Lichter bereits ausgeschaltet waren und nur ich noch die Küche für den nächsten Morgen vorbereitete.

Er setzte sich immer an denselben Tisch.

Er sprach kaum, aß langsam und sah bei jedem Geräusch zur Tür.

Ich hatte nie gefragt, weshalb.

Nicht, weil es mich nicht interessierte, sondern weil ich früh merkte, dass jede direkte Frage ihn kleiner werden ließ.

Also setzte ich mich eines Abends mit meinem Tee in seine Nähe, ohne ihn anzusehen und ohne ein Gespräch zu beginnen.

Am nächsten Abend tat ich es wieder.

Nach einigen Tagen begann er zu essen, bevor das Essen vollständig kalt geworden war.

Das war alles, was ich zu wissen glaubte.

Nun saß er den drei Männern gegenüber, die bei dem Unfall dabei gewesen waren, und sein Blick sprang nicht mehr zur Tür, sondern zwischen ihren Gesichtern hin und her.

„Dann wisst ihr auch, was ich getan habe“, sagte er.

Keiner antwortete sofort.

Der Verwundete lachte einmal kurz auf, doch es war kein amüsiertes Lachen.

„Genau deshalb wollte ich euch nicht sehen.“

Der Soldat neben ihm legte seine Hand nicht auf dessen Arm und rückte auch nicht näher.

Er ließ den Abstand zwischen ihnen bestehen.

„Was glaubst du denn, was du getan hast?“, fragte er.

Der Verwundete starrte auf seine Suppe.

„Ich bin stehen geblieben.“

Am Nebentisch begann wieder jemand über den Küchendienst zu reden, und an der Ausgabe schlug eine Klappe zu.

Der Verwundete zuckte dieses Mal nur mit den Schultern, als müsste sein Körper die Bewegung noch ausführen, obwohl er bereits wusste, woher das Geräusch kam.

„Das Fahrzeug lag schräg“, fuhr er fort. „Das Licht war aus. Irgendetwas war gegen die Tür gerutscht, und jemand hat geschrien. Ich weiß noch, dass ich den Griff in der Hand hatte. Danach weiß ich nur noch, dass ich nichts getan habe.“

Der Mann gegenüber schüttelte langsam den Kopf.

„Das stimmt nicht.“

„Ich habe euch nicht geholfen.“

„Du hast die hintere Tür geöffnet.“

„Und dann habe ich sie wieder losgelassen.“

„Nein“, sagte der Soldat. „Du hast sie mit dem Fuß aufgehalten.“

Der Verwundete sah ihn an, als hätte er die Worte nicht verstanden.

„Was?“

„Der Wagen lag so schräg, dass die Tür immer wieder zufallen wollte. Du hattest den Griff mit der rechten Hand gezogen, obwohl dein Arm bereits verletzt war. Als du ihn nicht mehr halten konntest, hast du deinen Stiefel dazwischengestellt.“

Der Verwundete blickte auf seinen rechten Fuß.

Genau jener Fuß war vor wenigen Minuten rückwärts zur Tür gerutscht, als er beinahe wieder gegangen wäre.

„Ich erinnere mich nicht daran“, sagte er.

„Du musst dich nicht erinnern, damit es passiert ist.“

Der dritte Soldat, der bisher fast nur seine Suppe umgerührt hatte, zog seinen Stuhl ein wenig zurück.

„Ich war der Letzte im Wagen“, sagte er. „Eine Kiste war gegen mein Bein gerutscht. Die anderen beiden konnten sie nicht sofort bewegen.“

Der Verwundete wurde blass.

„Ich habe dich dort gelassen.“

„Du hast den Ausgang offengehalten.“

„Ich hätte zu dir kommen müssen.“

„Dann wäre die Tür zugefallen.“

„Vielleicht hätte ich trotzdem helfen können.“

Der andere lehnte sich vor, jedoch nur so weit, dass seine Stimme nicht lauter werden musste.

„Du hast getan, was ich dir zugerufen habe.“

Der Verwundete schüttelte den Kopf.

„Du hast geschrien.“

„Ja. Ich habe geschrien: Halt die Tür offen.“

Der Satz blieb zwischen ihnen liegen.

Der Verwundete öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder.

Sein Blick glitt zur Tür des Speisesaals, dann zu dem freien Weg neben seinem Stuhl und schließlich hinunter zu seinem Fuß.

Ich sah, wie sich seine Stirn zusammenzog, als versuchte er, eine Erinnerung aus einzelnen Geräuschen, Bewegungen und Schmerzen neu zusammenzusetzen.

„Ich dachte, du hättest meinen Namen gerufen“, sagte er.

„Habe ich auch“, antwortete der Soldat. „Danach habe ich gesagt, du sollst die Tür halten. Du hast mich gehört.“

„Aber ich bin nicht zurückgekommen.“

„Weil zwei andere bei mir waren und alle durch genau diese Tür hinausmussten.“

Der Soldat neben ihm nahm den Brotkorb und stellte ihn wieder in die Mitte des Tisches.

„Wir konnten die Kiste anheben, weil Licht von draußen hereinfiel“, sagte er. „Das Licht kam durch die Tür, die du offengehalten hast.“

Der Verwundete schwieg.

Ich kannte diesen Ausdruck von den späten Mahlzeiten.

Er zeigte sich immer dann, wenn ein Geräusch im Raum ihn nicht nur erschreckte, sondern an etwas erinnerte, das er selbst nicht vollständig greifen konnte.

Bis zu diesem Abend hatte ich angenommen, er kämpfe gegen eine klare Erinnerung.

Nun begriff ich, dass möglicherweise das Gegenteil der Fall war.

Er kämpfte gegen eine Lücke, die sein Kopf mit der schlimmstmöglichen Erklärung gefüllt hatte.

„Als ihr draußen wart“, sagte der Verwundete, „habt ihr mich angesehen.“

„Natürlich haben wir dich angesehen“, antwortete einer.

„Als wäre etwas passiert.“

„Es war auch etwas passiert.“

„Nein. Als hätte ich versagt.“

Der Soldat gegenüber atmete langsam aus.

„Du hattest Blut an der Schläfe, dein Arm hing herunter, und dein Fuß steckte noch immer zwischen Tür und Rahmen. Wir haben dich angesehen, weil keiner von uns verstanden hat, wie du die Tür so lange offenhalten konntest.“

Der Verwundete hob unwillkürlich die rechte Hand.

Seine Finger bewegten sich kurz, als prüfe er, ob sie ihm noch gehorchten.

„Warum hat mir das niemand gesagt?“

Die Frage klang schärfer als alles, was er an diesem Abend zuvor gesagt hatte.

Der dritte Soldat nahm sie hin.

„Wir haben es versucht.“

„Wann?“

„Am nächsten Morgen im Sanitätsbereich. Du warst bei einer Untersuchung und wolltest niemanden sehen.“

„Ich wusste nicht, dass ihr da wart.“

„Später noch einmal. Da hast du durch jemanden ausrichten lassen, dass du Ruhe brauchst.“

Der Verwundete senkte den Blick.

„Das stimmt.“

„Also haben wir dir Ruhe gelassen.“

„Und danach?“

„Danach kamst du zurück und bist jedes Mal umgedreht, sobald einer von uns in deine Richtung ging.“

Der Mann mit dem Brotkorb rieb mit dem Daumen über eine Kerbe im Holz.

„Wir wussten nicht, ob du Angst vor uns hattest, ob du wütend warst oder ob du einfach nicht sprechen konntest. Deshalb haben wir aufgehört, dich abzufangen.“

Der Verwundete sah auf die drei zusammengeschobenen Teller.

„Aber heute habt ihr diesen Platz gemacht.“

„Heute bist du nicht umgedreht.“

„Ich war kurz davor.“

„Wir auch“, sagte der Soldat neben ihm.

Der Verwundete runzelte die Stirn.

„Wovor?“

„Dich doch wieder anzusprechen.“

Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte einer der drei offen, aber das Lächeln war unsicher.

„Wir hatten keine Ahnung, ob das mit dem Stuhl eine gute Idee war oder ob du denkst, wir hätten dich die ganze Zeit beobachtet.“

„Das habt ihr doch.“

„Nur genug, um dich nicht noch einmal in die Enge zu treiben.“

Der Verwundete blickte zu mir.

„Und die Tasse?“

Ich hob sie ein wenig an.

An einer Seite fehlte ein kleines Stück der Glasur, und der Henkel war vor langer Zeit geklebt worden.

Sie war weder besonders schön noch besonders wertvoll.

Ich benutzte sie nur deshalb jeden Abend, weil sie groß genug war und niemand sonst sie haben wollte.

„Was ist mit der Tasse?“, fragte ich.

Der Verwundete strich mit dem Finger über den Rand seines Tellers.

„In der ersten Nacht, in der ich hier gegessen habe, standen Sie an der Ausgabe. Als draußen jemand durch den Gang lief, bin ich aufgestanden.“

Daran erinnerte ich mich.

Er hatte das Tablett bereits in der Hand gehalten, und ich war sicher gewesen, dass er gehen würde.

„Sie haben nichts gesagt“, fuhr er fort. „Sie haben nur die Tasse vom Tresen genommen und sich an den Tisch bei der Wand gesetzt.“

„Ich wollte meinen Tee trinken.“

„Nein“, sagte er erneut. „Sie haben sich so hingesetzt, dass ich zur Tür gehen konnte, ohne an Ihnen vorbeizumüssen.“

Ich sah auf die Tasse in meinen Händen.

Damals hatte ich nicht über die genaue Position meines Stuhls nachgedacht.

Ich hatte lediglich gespürt, dass jeder Schritt auf ihn zu falsch gewesen wäre.

Also hatte ich Abstand gehalten.

„Am nächsten Abend stand die Tasse wieder da“, sagte er. „Da wusste ich, dass Sie bleiben würden, aber nicht näher kommen.“

Der Soldat gegenüber nickte.

„Genau das haben wir gesehen.“

Der Verwundete fuhr mit den Fingern durch sein Brot, ohne ein Stück abzubrechen.

„Ihr habt also den Koch nachgemacht.“

„Nicht besonders gut“, sagte der Mann neben ihm. „Er hat eine Tasse. Wir brauchten drei Stühle, einen freien Gang und eine halbe Stunde Diskussion darüber, wer wo sitzen darf.“

Ein kurzes, leises Lachen ging um den Tisch.

Der Verwundete lachte nicht sofort mit, doch seine Schultern sanken ein weiteres Stück.

Dann fragte er: „Warum habt ihr überhaupt weitergemacht?“

Die drei sahen einander an.

Diesmal dauerte ihre Antwort länger.

Schließlich schob der Soldat, der im Fahrzeug als Letzter festgesessen hatte, seinen Teller weg.

„Weil du glaubst, du hättest mich dort gelassen“, sagte er. „Und weil ich seit Wochen versuche, dir zu sagen, dass ich nur herauskam, weil du geblieben bist.“

Der Verwundete presste die Lippen zusammen.

„Ich bin nicht geblieben. Ich konnte mich nicht bewegen.“

„Vielleicht konntest du dich nicht bewegen“, erwiderte der andere. „Aber dein Fuß blieb in der Tür.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Für mich schon.“

Der Verwundete sah ihn lange an.

Rundherum wurde gegessen, gesprochen und Geschirr weggetragen.

Der Raum nahm keine Rücksicht auf diesen Moment, und vielleicht war gerade das hilfreich.

Niemand stellte sich um den Tisch.

Niemand forderte eine Erklärung, eine Entschuldigung oder eine sichtbare Reaktion.

Die Männer saßen einfach da, während der Verwundete versuchte, eine Geschichte loszulassen, die er sich selbst so oft erzählt hatte, dass sie sich wie eine Erinnerung anfühlte.

„Ich habe euch am ersten Tag nach meiner Rückkehr im Gang reden hören“, sagte er schließlich.

Die drei warteten.

„Einer von euch sagte: Er hätte zurückkommen müssen.“

Der Soldat mit dem Brotkorb zog die Augenbrauen zusammen.

Dann drehte er sich zu dem Mann neben sich.

„Das warst du.“

Der Angesprochene brauchte einen Moment, bevor er verstand.

„Ich habe nicht von ihm gesprochen.“

Der Verwundete wurde vollkommen still.

„Wovon dann?“

„Von einem fehlenden Werkzeugkasten. Ich hatte ihn bei der Übung in einem anderen Fahrzeug gelassen. Unser Vorgesetzter wollte wissen, warum der Kasten nicht zurückgekommen war.“

Der Verwundete starrte ihn an.

Der Soldat schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du dachtest, ich hätte über dich gesprochen?“

„Ihr habt sofort geschwiegen, als ihr mich gesehen habt.“

„Weil du aussahst, als würdest du jeden Moment umkippen.“

„Und einer von euch hat gesagt, wir reden später weiter.“

„Über den Werkzeugkasten.“

Der Verwundete ließ sich langsam gegen die Rückenlehne sinken.

Nun saß er zum ersten Mal vollständig auf dem Stuhl, statt nur auf der vorderen Kante.

„Deshalb“, sagte der Soldat neben ihm leise. „Deshalb bist du immer gegangen, wenn du uns gesehen hast.“

Der Verwundete nickte.

„Ich dachte, ihr würdet warten, bis ich außer Hörweite bin, um darüber zu sprechen, was ich im Wagen getan habe.“

„Wir haben meistens darüber gesprochen, wie wir dich dazu bringen, uns fünf Minuten zuzuhören.“

Der dritte Soldat hob seinen Löffel.

„Und manchmal über den Werkzeugkasten. Der ist übrigens immer noch nicht aufgetaucht.“

Diesmal kam das Lachen des Verwundeten überraschend.

Es war kurz und rau, aber echt.

Einige Köpfe an den anderen Tischen drehten sich zu ihm, doch der Mann neben ihm begann sofort wieder über das Gemüse zu schimpfen, bis sich die Blicke verloren.

Der Verwundete nahm einen weiteren Bissen.

Danach fragte er den Soldaten gegenüber, wie lange dessen Bein nach dem Unfall geschmerzt hatte.

Die Antwort war sachlich.

Einige Wochen, beim Treppensteigen länger, inzwischen nur noch manchmal nach langem Stehen.

Dann erzählte der andere, dass er in den ersten Nächten ebenfalls bei jedem metallischen Geräusch aufgewacht war.

Er sagte es ohne Vergleich und ohne den Versuch, aus zwei verschiedenen Erfahrungen dieselbe zu machen.

Der Verwundete hörte zu.

Nach einer Weile fragte er: „Warum habt ihr mir das nicht einfach in einer Nachricht geschrieben?“

„Haben wir“, sagte einer.

Der Verwundete blickte überrascht auf.

„Du hast sie nicht geöffnet.“

Er griff in die Tasche seiner Uniform, als könnte sich das alte Telefon dort befinden, obwohl es längst nicht mehr dasselbe Gerät war.

„Ich habe damals alle Nachrichten gelöscht, ohne sie zu lesen.“

„Das haben wir vermutet.“

„Und ihr wart nicht wütend?“

„Doch“, antwortete der Mann mit dem Brotkorb. „Aber nicht so, wie du denkst.“

„Wie dann?“

„Darüber, dass du allein mit etwas herumläufst, bei dem wir dabei waren.“

Der Verwundete legte den Löffel hin.

Für einen Moment dachte ich, er würde nun doch aufstehen.

Stattdessen legte er beide Hände flach neben sein Tablett.

„Ich weiß nicht, was davon ich glauben kann“, sagte er.

Der Soldat gegenüber nickte.

„Dann glaub heute nur das, was du selbst sehen kannst.“

Er zeigte auf den Stuhl.

„Die Tür ist frei.“

Dann auf die anderen beiden Männer.

„Wir sitzen hier.“

Schließlich deutete er auf den Teller des Verwundeten.

„Und niemand verlangt, dass du schneller isst.“

Der Verwundete blickte zu mir.

Ich hob meine Tasse.

„Der Tee ist auch noch da“, sagte ich.

Er atmete langsam durch die Nase ein und wieder aus.

„Dann bleibe ich, bis der Teller leer ist.“

Keiner gratulierte ihm zu diesem Satz.

Niemand klopfte auf den Tisch.

Der Soldat neben ihm reichte ihm lediglich das Brot, und das Gespräch wanderte zu einer kaputten Lampe im Flur, einer verschwundenen Mütze und der Frage, ob mein Eintopf am nächsten Tag wieder zu scharf werden würde.

„Er war nie zu scharf“, sagte ich.

Drei Männer widersprachen gleichzeitig.

Der Verwundete nahm noch ein Stück Brot.

Als die meisten anderen Soldaten ihre Tabletts bereits weggebracht hatten, saß er noch immer auf dem schräg gestellten Stuhl.

Seine Suppe war inzwischen kalt, doch er aß den letzten Löffel trotzdem.

Dann hob er sein Tablett an.

Seine Hände zitterten leicht.

Der Mann neben ihm stand auf, nahm ihm das Tablett jedoch nicht ab.

Er rückte nur seinen eigenen Stuhl zur Seite, damit der Gang frei blieb.

Der Verwundete ging selbst zur Ausgabe.

Kurz vor der Tür blieb er stehen und drehte sich um.

„Morgen wieder?“, fragte der Soldat mit dem Brotkorb.

Der Verwundete sah auf den Tisch, auf den schrägen Stuhl und auf meine angeschlagene Tasse.

„Nicht an einem anderen Platz“, sagte er.

„Nicht irgendein Platz“, antwortete der andere. „Genau dieser.“

Am nächsten Abend kam der Verwundete sechs Minuten nach Beginn der Essenszeit.

Der Speisesaal war bereits laut, und an zwei Tischen wurde gleichzeitig über eine verlorene Jacke gestritten.

Er blieb erneut hinter der Tür stehen.

Doch diesmal suchte sein Blick nicht zuerst den Ausgang.

Er suchte den Tisch.

Die drei Soldaten saßen dort, ihre Stühle ein wenig enger zusammengeschoben, der vierte Platz im gleichen Winkel wie am Vortag.

Ich stellte meine Tasse auf das Tischende, ohne etwas zu sagen.

Der Verwundete kam herüber und setzte sich.

In den folgenden Tagen änderte sich nichts plötzlich.

Manchmal betrat er den Speisesaal und ging nach wenigen Sekunden wieder hinaus.

Manchmal setzte er sich, aß drei Bissen und brachte das Tablett zurück.

An anderen Abenden blieb er bis zum Schluss und hörte mehr zu, als er sprach.

Die drei Soldaten behandelten keinen dieser Tage wie einen Sieg oder eine Niederlage.

Sie hielten den Platz frei, solange es nötig war.

Wenn er nicht kam, aßen sie trotzdem.

Wenn er kam, musste er nichts erklären.

Eine Woche später fiel wieder ein Becher zu Boden.

Der Verwundete zuckte so heftig zusammen, dass sein Knie gegen die Tischkante schlug.

Sein Atem beschleunigte sich, und seine rechte Hand griff nach der Lehne.

Der Gang zur Tür war frei.

Niemand versperrte ihn.

Er sah hin, blieb aber sitzen.

Der Soldat neben ihm fragte: „Noch Brot?“

Der Verwundete brauchte einige Sekunden.

Dann sagte er: „Ja.“

Mehr geschah nicht.

Gerade deshalb war es wichtig.

Später erzählte er mir, dass er in den Wochen vor diesem Abend nicht wirklich bis Mitternacht gewartet hatte, weil er Hunger erst so spät bekam.

Er hatte gewartet, bis er sicher sein konnte, dass die drei Männer nicht mehr dort waren.

Er hatte ihre üblichen Zeiten gekannt, ihre Stimmen im Gang erkannt und jeden Kontakt vermieden, weil er überzeugt gewesen war, in ihren Gesichtern sein eigenes Versagen zu sehen.

Die drei wiederum hatten nach seiner Rückkehr immer wieder länger in der Nähe des Speisesaals gewartet.

Nicht, um ihn zu stellen, sondern in der Hoffnung, er würde eines Tages selbst näher kommen.

Wenn sie bemerkten, dass er an der Tür erstarrte, gingen sie fort.

Er hatte also gewartet, bis sie verschwanden.

Und sie hatten gewartet, bis er bleiben konnte.

Erst an jenem Abend hatten drei verschobene Stühle, ein freier Gang und eine alte Teetasse dafür gesorgt, dass beide Seiten gleichzeitig mit dem Warten aufhörten.

Einige Wochen danach kam ich etwas später aus der Küche.

Mein Tee stand bereits auf dem Tisch.

Der Verwundete hatte meine angeschlagene Tasse an den Platz gestellt, an dem sonst mein Hocker stand.

Sein eigener Stuhl war noch immer leicht zur Tür gedreht, aber nicht mehr so stark wie zuvor.

Die drei anderen Soldaten diskutierten darüber, wer beim Küchendienst einen Topf hatte stehen lassen.

Der Verwundete sah mich kommen und schob den Hocker mit dem Fuß ein Stück zurück, damit ich mich setzen konnte.

„Das Essen wird kalt“, sagte er.

Ich nahm meine Tasse und setzte mich.

Niemand sprach über den Unfall.

Niemand musste es.

Der freie Platz war nicht mehr nur ein Fluchtweg, und die Tasse war nicht länger bloß das Zeichen, dass jemand in seiner Nähe bleiben würde.

An diesem Abend hatte er sie selbst hingestellt.

Nicht irgendeine Tasse.

Genau diese.

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