Der Übungsleiter griff nach dem unnummerierten Blatt, doch ich zog es zurück, bevor seine Finger den handschriftlichen Satz verdecken konnten.
„Das gehört nicht zu den offiziellen Unterlagen“, sagte er. „Geben Sie es mir.“
Seine Stimme klang jetzt nicht mehr abwehrend, sondern dringlich, und zum ersten Mal seit dem vierten Schuss sah er nicht mich an, sondern ausschließlich das Papier in meiner Hand.

Ich legte das Blatt nicht wieder auf den Tisch, sondern hielt es gegen das Licht der Leitstelle.
Auf der Rückseite waren Druckspuren zu erkennen, als hätte jemand auf einem darüberliegenden Papier kräftig geschrieben: zwölf kurze Markierungen, eine Pause, wieder zwölf und darunter zwei Wörter, von denen ich zunächst nur das zweite lesen konnte.
Nach Abbruch.
„Niemand verlässt den Raum“, sagte ich.
Der Übungsleiter machte einen Schritt zum Bedienpult, doch ich stellte mich zwischen ihn und die Schalter, während einer der Soldaten an der Tür meldete, dass medizinisches Personal meinen Richtschützen übernommen habe.
Der Kanadier kam wenige Augenblicke später herein, noch immer mit Betonstaub auf den Schultern und Blut an der Kompresse, die er bis zuletzt gegen die Schläfe meines Mannes gedrückt hatte.
Als er den Übungsleiter sah, blieb er stehen.
„Der war unten“, sagte er. „Kurz nach dem dritten Schuss. Er wollte mein Gewehr kontrollieren, obwohl Ihr Mann noch am Boden lag.“
Der Übungsleiter schüttelte den Kopf, doch der Kanadier hob sein Gewehr so weit an, dass wir das unbeschädigte Platzpatronenmagazin sehen konnten.
„Er griff genau hierhin“, sagte er und deutete auf die Magazinaufnahme. „Nicht an meine Schulter, nicht an den Verschluss. An das Magazin.“
Nun erkannte ich auch das erste eingedrückte Wort auf der Rückseite des Blattes.
Wechsel nach Abbruch.
Der Plan hatte nicht nur festgelegt, wo geschossen werden sollte.
Er hatte vorgesehen, nach dem Abbruch ein Magazin auszutauschen.
Der Übungsleiter schlug mit der Hand auf das Bedienpult, und aus mehreren Helmen im Gebäude ertönte plötzlich wieder die abgehackte Schleife: zwölf Schritte, halten, drehen, weiter.
Im selben Moment riss er eine schmale Seitentür auf und verschwand in dem Verbindungsgang zur Unterstützungsstraße.
Dann hörten wir draußen das metallische Klacken eines Gewehrverschlusses.
Diesmal war es keine Aufnahme.
Ich befahl den Männern in der Leitstelle, keinen zentralen Kanal mehr zu benutzen, und zog dem nächsten Soldaten den Empfänger vom Helm, bevor die Schleife ihn wieder in Bewegung setzen konnte.
Jeder weitere Befehl musste von Angesicht zu Angesicht weitergegeben werden, denn der Übungsleiter hatte bewiesen, dass er noch immer in die Empfänger senden konnte, obwohl die Hauptanlage abgeschaltet war.
Der Kanadier sah auf die Seitentür.
„Mein Gewehr wollte er nicht prüfen“, sagte er. „Er wollte etwas hineinbringen.“
„Oder etwas herausnehmen“, antwortete ich.
Wir kehrten zum Treppenhaus zurück, weil der schmale Versorgungsgang laut dem unnummerierten Blatt dort begann und oberhalb der Betondecke bis zur Unterstützungsstraße verlief.
Mein Richtschütze war bereits fortgebracht worden, doch auf dem Podest lagen die benutzte Verpackung der Kompresse, kleine Blutflecken und jene feine Spur aus Betonstaub, die bei jedem vierten Schritt von oben herabgerieselt war.
Ich hatte zunächst angenommen, die gleichmäßigen Geräusche stammten von den vier Soldaten im zweiten Stock.
Doch ihre Schritte waren nur der hörbare Teil der Täuschung gewesen.
Der Staub hatte etwas anderes gezeigt.
Während die Schleife zwölf künstlich gleichmäßige Tritte in die Helme spielte, hatte sich tatsächlich jemand durch den Versorgungsgang bewegt, und jedes vierte Auftreten hatte eine beschädigte Fuge über dem Treppenpodest belastet.
Die Aufnahme hatte nicht die Schritte des Täters wiedergegeben.
Sie hatte sie versteckt.
Der Kanadier kniete kurz nieder und betrachtete die Staubspur, ohne sie zu berühren.
„Er ging nach dem dritten Schuss in Richtung Straße“, sagte er. „Dann kam die Kugel von dort zurück durch die Wand.“
Das erklärte die Reihenfolge auf dem Blatt: drei Striche am Treppenhaus, eine Pause und der vierte Strich an der Unterstützungsstraße.
Der Übungsleiter hatte den Weg bereits vor Beginn der Übung geplant.
Die ersten drei Schüsse sollten aus dem Versorgungsgang kommen, während die marschierenden Soldaten den Korridor blockierten und die künstlichen Tritte jede genaue Ortung unmöglich machten.
Dann sollte er über den Ausgang an die Unterstützungsstraße wechseln und von dort den vierten Schuss abgeben.
Dadurch würde es so wirken, als bewege sich ein unbekannter Schütze frei zwischen unseren eigenen Teams.
In der entstehenden Unordnung wollte er zum Treppenhaus zurückkehren, das Gewehr des Kanadiers an sich nehmen und dessen versiegeltes Magazin gegen ein vorbereitetes scharfes Magazin austauschen.
Am Ende hätte man einen bewusstlosen deutschen Soldaten, einen bewaffneten Kanadier neben ihm und ein Gewehr mit scharfer Munition gefunden.
Die eigentliche Frage war deshalb nicht mehr, wer die Schüsse abgegeben hatte.
Wir mussten herausfinden, weshalb mein Richtschütze zum Schweigen gebracht und der Kanadier zum sichtbaren Verdächtigen gemacht werden sollte.
Über uns erklang die Schleife erneut.
Zwölf Schritte.
Pause.
Zwölf Schritte.
Diesmal bewegte sich jedoch keiner der Soldaten im Korridor, denn wir hatten ihnen die Empfänger abgenommen und den Abbruch direkt bestätigt.
Trotzdem fiel nach dem vierten künstlichen Schritt wieder Staub auf das Podest.
Der Übungsleiter war noch über uns.
Er hatte die Unterstützungsstraße nicht verlassen, sondern war durch einen zweiten Zugang zurück in den Versorgungsgang gelangt und bewegte sich nun in Richtung Leitstelle.
Wahrscheinlich glaubte er, das unnummerierte Blatt liege noch auf seinem Tisch.
Ich faltete es zweimal und reichte es dem Kanadier.
„Stecken Sie es unter Ihre Schutzweste“, sagte ich. „Wenn er mich durchsucht, darf er es nicht finden.“
Der Kanadier nahm das Blatt, zögerte aber.
„Und wenn er Sie nicht durchsucht?“
„Dann will er zuerst schießen.“
Wir gingen nicht den Geräuschen nach, sondern beobachteten die Deckenfugen.
Nach jedem vierten Tritt lösten sich einige Körner, und die Spur führte vom Treppenhaus fort, durch den Korridor und bis zu einer schmalen Wartungsöffnung, die hinter einer Betonstütze lag.
Der Übungsleiter hatte nicht erwartet, dass jemand nach oben statt nach vorn sehen würde.
Vor der Öffnung blieb ich stehen und gab dem Kanadier ein Zeichen, an der Wand zurückzubleiben.
Ich trug selbst nur ein Gewehr mit versiegelten Platzpatronen, und der Mann hinter der Wartungstür wusste das vermutlich besser als jeder andere auf dem Gelände.
Die Schleife verstummte.
Für einige Sekunden hörte ich nur ein unregelmäßiges Schaben, dann das leise Anstoßen eines metallischen Gegenstands gegen Beton.
„Legen Sie das Blatt auf den Boden“, sagte der Übungsleiter aus dem Gang.
Seine Stimme kam nun ohne Lautsprecher und ohne Funk direkt durch die schmale Öffnung.
„Sie wissen nicht, was Sie da gefunden haben.“
„Vier Schüsse und einen geplanten Magazintausch“, sagte ich. „Das reicht fürs Erste.“
„Sie haben nur ein Stück Papier.“
„Ein Stück Papier aus Ihren Unterlagen.“
Er schwieg, und über mir rieselte erneut Staub herab.
Diesmal nach nur zwei Schritten.
Er hatte seinen eigenen Rhythmus verlassen.
Die Schleife war immer seine Deckung gewesen, aber nun musste er gleichzeitig sprechen, das Gewehr halten und sich durch einen Gang bewegen, der kaum breit genug war, um sich umzudrehen.
„Der Kanadier hat Sie erkannt“, sagte ich.
„Er hat jemanden in einer Übungsweste gesehen.“
„Er hat gesehen, wohin Sie gegriffen haben.“
Hinter der Öffnung bewegte sich der Lauf eines Gewehrs in den schmalen Lichtstreifen.
Ich ging nicht zurück.
Stattdessen stellte ich mich seitlich an die schwere Wartungstür und wartete auf den nächsten echten Schritt, nicht auf den Takt, den er zuvor über die Empfänger geschickt hatte.
Der erste Schritt war kaum hörbar.
Beim zweiten kratzte Stoff über Beton.
Beim dritten stieß der Gewehrriemen gegen die Wand.
Beim vierten brach feiner Staub aus der Fuge direkt über der Tür.
Ich riss sie nach innen, noch bevor der Übungsleiter sein Gewicht vollständig auf den vorderen Fuß verlagern konnte.
Der Lauf schlug gegen die Türkante, der Schuss ging in die Decke des Versorgungsgangs, und der Rückstoß drückte das Gewehr aus seiner schrägen Haltung.
Ich packte den Riemen, zog ihn durch den Türspalt und klemmte die Waffe zwischen Metall und Beton fest.
Der Übungsleiter ließ nicht sofort los.
Er versuchte, den Lauf zurückzureißen, doch im engen Gang konnte er weder ausweichen noch genügend Kraft aufbauen, ohne erneut auf die beschädigte Fuge zu treten.
Der Kanadier trat nun offen neben mich, nicht überraschend und nicht aus einem Versteck, sondern so, dass der Übungsleiter ihn sehen konnte.
„Mein Magazin bekommen Sie nicht“, sagte er.
Für einen Moment verlor der Übungsleiter den Blickkontakt mit mir.
Das genügte.
Ich drehte den Gewehrriemen um die Türkante, drückte die Tür weiter auf und zwang ihn, die Waffe loszulassen, bevor seine Hand zwischen Metall und Rahmen geriet.
Das Gewehr fiel auf unsere Seite des Korridors.
Der Kanadier schob es mit dem Stiefel fort, während ich den Übungsleiter aus dem Versorgungsgang zog und zu Boden brachte.
In einer Tasche seiner Weste fanden wir ein zweites Magazin.
Es war nicht versiegelt.
Ich öffnete es nicht und berührte die Patronen nicht, doch schon das Gewicht und die sichtbaren Geschossspitzen unterschieden es deutlich von unseren Platzpatronenmagazinen.
Der vorgesehene Wechsel nach dem Abbruch war damit nicht mehr nur eine eingedrückte Notiz auf der Rückseite eines Blattes.
Er hatte das vorbereitete Magazin bei sich getragen.
Trotzdem erklärte das noch nicht, weshalb mein Richtschütze hatte bewusstlos bleiben sollen.
Diese Antwort bekamen wir erst, als ich später in den Sanitätsraum gerufen wurde.
Mein Mann lag mit verbundenem Kopf auf einer Liege, war ansprechbar und konnte sich an einzelne Bilder erinnern, auch wenn ihm die Minuten unmittelbar vor den Schüssen fehlten.
Der Kanadier blieb an der Tür stehen, bis der Richtschütze ihn erkannte und mit einer kleinen Bewegung der Hand zu sich bat.
„Sie haben mich nicht liegen lassen“, sagte mein Mann.
„Sie haben noch geatmet“, antwortete der Kanadier.
Es waren fast dieselben Worte, die er im Treppenhaus benutzt hatte, nur dass mein Richtschütze sie diesmal hören konnte.
Ich zeigte ihm das unnummerierte Blatt nicht sofort, sondern fragte, was er vor dem ersten Schuss oberhalb des Treppenhauses gesehen hatte.
Er schloss die Augen und tastete mit zwei Fingern an den Rand seines Verbandes.
„Keinen Schützen“, sagte er schließlich. „Ein kleines Sendegerät.“
Während sein Trupp der Durchsage gefolgt war, hatte er an der offenen Wartungstür einen Mann bemerkt, der ein tragbares Gerät an eine Leitung im Versorgungsgang anschloss.
Der Richtschütze kannte die normalen Funkgeräte und hatte erkannt, dass dieses Gerät nicht zur Ausstattung seines Teams gehörte.
Er war zurückgeblieben, hatte nach oben geleuchtet und den Übungsleiter angesprochen.
Der Mann hatte zunächst behauptet, er behebe eine Störung.
Dann war aus dem Helm des Richtschützen eine Anweisung gekommen, die zeitlich nicht zu den sichtbaren Bewegungen seines Trupps passte.
Zwölf Schritte, halten, drehen, weiter.
Als mein Richtschütze nach dem Sender greifen wollte, hatte der Übungsleiter ihn mit dem harten Gehäuse des Geräts an der Schläfe getroffen.
Der Schlag hatte ihn gegen die Betonwand geworfen und zu Boden gehen lassen.
Kurz darauf war der Kanadier aus einem benachbarten Übungsabschnitt ins Treppenhaus gekommen, weil er die ersten ungewöhnlichen Geräusche gehört hatte.
Der Übungsleiter hatte sich bereits nach oben zurückgezogen und die drei Schüsse abgegeben, bevor der Kanadier meinen bewusstlosen Mann vollständig abschirmen konnte.
„Er kam danach wieder herunter“, sagte der Kanadier. „Er trug keine Waffe sichtbar. Er sagte, er müsse mein Magazin wegen einer Sicherheitsprüfung herausnehmen.“
Der Kanadier hatte sich geweigert, weil weder ein bestätigter Abbruch noch eine erkennbare Kontrolle vorlag und weil er seinen Platz neben dem Verletzten nicht verlassen wollte.
Genau darauf hatte der Übungsleiter offenbar gesetzt.
Die Notiz „Der Kanadier bleibt im Treppenhaus“ war kein Befehl an den Kanadier gewesen.
Sie war eine Vorhersage seines Verhaltens.
Bei einer vorherigen Übungssequenz hatte der Übungsleiter beobachtet, dass der kanadische Soldat selbst nach einem simulierten Treffer bei einem Verwundeten geblieben war, bis eine Ablösung tatsächlich vor ihm stand.
Er hatte diese Verlässlichkeit nicht als Stärke betrachtet, sondern als Werkzeug.
Der Kanadier sollte an einem vorherbestimmten Ort bleiben, während alle anderen Teams durch die Funkschleife bewegt wurden.
Dann sollte das vorbereitete scharfe Magazin in sein Gewehr gelangen, und der bewusstlose Richtschütze sollte als einzig möglicher Zeuge ausgeschaltet bleiben.
Der Übungsleiter hatte jedoch zwei Dinge falsch eingeschätzt.
Der Kanadier gab sein Gewehr nicht aus der Hand, und mein Richtschütze hatte lange genug bei Bewusstsein gelegen, um auf die Decke zu zeigen.
Als der Magazintausch scheiterte, war der Übungsleiter zur Unterstützungsstraße gelaufen und hatte den vierten Schuss abgegeben.
Damit wollte er neuen Druck erzeugen, die Teams weiter auseinanderziehen und eine zweite Gelegenheit schaffen, ins Treppenhaus zurückzukehren.
Mein vollständiger Abbruch aller Übungsgeräusche hatte ihm zwar die zentrale Anlage genommen, nicht aber den tragbaren Sender, über den seine vorbereitete Schleife weiterhin in einzelne Helmempfänger lief.
In den folgenden Tagen wurde der Versorgungsgang vollständig überprüft.
Hinter einer abnehmbaren Abdeckung fanden die Prüfer die provisorische Verbindung, mit der der tragbare Sender mehrere Empfänger unabhängig von der Leitstelle erreichen konnte.
Die Anlage hatte deshalb keinen zentralen Fehler angezeigt.
Aus Sicht des Hauptsystems war tatsächlich alles abgeschaltet gewesen.
Die gefälschte Anweisung war an der Leitstelle vorbeigelaufen.
Auch der offene Wartungszugang war nicht zufällig ungesichert geblieben.
In den regulären Unterlagen war er als verschlossen eingetragen, doch auf dem unnummerierten Blatt war der gesamte Weg vom Treppenhaus bis zur Unterstützungsstraße eingezeichnet.
Die Druckspuren auf der Rückseite gehörten zu einer weiteren Notiz, die beim Festsetzen des Übungsleiters nicht mehr in seiner Mappe lag.
Das Blatt selbst reichte jedoch aus, um Reihenfolge, Standorte, Pausen und den geplanten Magazintausch mit den tatsächlichen Schüssen zu vergleichen.
Jeder seiner vier Striche entsprach einem Einschlag.
Jede eingezeichnete Bewegung entsprach der Staubspur über dem Treppenpodest.
Und der Satz über meinen Richtschützen entsprach dem Schlag mit dem Sender, den er nur durch Zufall überlebt hatte, ohne eine schwerere Verletzung davonzutragen.
Der Übungsleiter versuchte zunächst, das Papier als private Gedächtnisstütze für eine harmlose Störsimulation darzustellen.
Er behauptete, die scharfe Munition sei ihm erst nach dem Abbruch aufgefallen und er habe sie sichern wollen.
Doch diese Erklärung zerfiel an der zeitlichen Reihenfolge.
Niemand konnte einen Magazintausch nach dem Abbruch planen, bevor angeblich bekannt war, dass ein falsches Magazin existierte.
Niemand markierte drei Schüsse im Treppenhaus und einen vierten an der Unterstützungsstraße, wenn er nur auf einen unvorhergesehenen Zwischenfall reagierte.
Und niemand schrieb, ein verletzter Soldat dürfe nicht aufwachen, wenn es ihm um dessen Schutz ging.
Später wurde deutlich, weshalb er ein scheinbares Versagen eines einzelnen Soldaten gebraucht hatte.
Er hatte die tragbare Umgehung der Funkanlage bereits zuvor für nicht genehmigte Übungsänderungen verwendet und in mehreren Berichten erklärt, alle Abläufe seien ausschließlich über die reguläre Leitstelle gesteuert worden.
Eine geplante technische Prüfung hätte die zusätzlichen Verbindungen und die offenen Wartungswege sichtbar gemacht.
Ein schwerer Vorfall mit einem angeblich falsch geladenen Teilnehmer hätte die Aufmerksamkeit dagegen auf Waffenhandhabung, persönliche Verantwortung und die ausländische Einheit gelenkt.
Der Übungsleiter hatte gehofft, seine eigenen Eingriffe würden im Chaos als Reaktion auf den Zwischenfall erscheinen, nicht als dessen Ursache.
Dafür brauchte er einen sichtbaren Verdächtigen, einen ausgeschalteten Zeugen und einen Bewegungsablauf, der so vertraut klang, dass niemand ihn hinterfragte.
Die zwölf Schritte waren nie nur eine Marschanweisung gewesen.
Sie waren ein Käfig aus Gewohnheit.
Ich musste mir eingestehen, dass ich selbst diesen Käfig mitgebaut hatte.
Wir hatten unseren Männern beigebracht, auf präzise Signale sofort zu reagieren, den vorgegebenen Rhythmus einzuhalten und in engen Gebäuden nicht bei jeder Abweichung stehen zu bleiben.
Unter normalen Übungsbedingungen schuf das Ordnung.
An diesem Tag hatte es vier bewaffnete Soldaten dazu gebracht, einen Korridor zu blockieren, obwohl ein realer Abbruch längst erfolgt war und ein Vorgesetzter direkt vor ihnen stand.
Der Übungsleiter hatte nicht nur Technik manipuliert.
Er hatte unsere Erwartung ausgenutzt, dass eine klare Stimme aus einem bekannten Empfänger verlässlicher sein müsse als ein Mensch, der uns widersprach.
Mein Richtschütze fragte mich einige Tage später, ob ich früher hätte erkennen können, dass die Schritte nicht echt waren.
Ich sagte ihm nicht, dass niemand damit rechnen konnte, denn das wäre eine bequeme Antwort gewesen.
„Ich hätte nach dem ersten echten Schuss alle Empfänger persönlich kontrollieren lassen müssen“, sagte ich. „Und ich hätte nicht annehmen dürfen, dass eine abgeschaltete Leitstelle auch jeden Nebenweg abschaltet.“
Er nickte, ohne mich von dieser Verantwortung zu entlasten.
Der Kanadier saß auf der anderen Seite des Raumes und hielt das inzwischen überprüfte, weiterhin unbeschädigte Platzpatronenmagazin meines Richtschützen in beiden Händen.
Er hatte darauf bestanden, es ihm selbst zurückzugeben.
Nicht als Andenken, sondern weil der Übungsleiter genau dieses sichtbare Zeichen hatte zerstören wollen: zwei versiegelte Magazine, die bewiesen, dass keiner der Männer im Treppenhaus die scharfen Schüsse abgegeben hatte.
Mein Richtschütze nahm das Magazin entgegen und betrachtete die unversehrte Markierung.
„Er wollte, dass Sie bei mir bleiben“, sagte er zum Kanadier.
„Ja.“
„Dann hat er wenigstens einmal richtig geplant.“
Der Kanadier lächelte nicht, aber seine Schultern sanken ein wenig, als hätte er diesen Satz gebraucht, um den Gedanken loszulassen, seine Hilfe habe ihn beinahe zum Verdächtigen gemacht.
Die Konsequenzen auf dem Übungsgelände waren konkret.
Die tragbaren Verbindungen wurden entfernt, die Wartungszugänge neu kontrolliert und jede Abbruchkette so verändert, dass ein akustisches Signal allein keine laufende Bewegung mehr fortsetzen durfte.
Nach einem Notabbruch musste jedes Team eine sichtbare Bestätigung erhalten, bevor es den Standort wechselte oder eine Waffe zur Kontrolle übergab.
Die Empfänger blieben ein Hilfsmittel, aber sie waren nicht länger die letzte Instanz.
Auch die Unterlagen änderten sich.
Jeder ergänzende Ablaufplan musste nummeriert, zugeordnet und gemeinsam mit dem offiziellen Plan aufbewahrt werden.
Ein loses Blatt ohne Herkunft sollte nie wieder zwischen einer Munitionsliste und einem Gebäudeplan verschwinden können.
Wo früher die offene Wartungstür gewesen war, wurde der Zugang so umgebaut, dass er nicht mehr unbemerkt aus einem laufenden Übungsabschnitt erreicht werden konnte.
Die beschädigte Fuge über dem Treppenpodest wurde repariert, doch ich bestand darauf, dass ihre Lage in der Rekonstruktion erhalten blieb.
Ohne den Staub bei jedem vierten Schritt hätten wir den echten Weg des Übungsleiters möglicherweise mit der künstlichen Schleife verwechselt.
Das kleinste sichtbare Zeichen war verlässlicher gewesen als die lauteste Anweisung.
Mehrere Wochen später kehrte mein Richtschütze erstmals in das Gebäude zurück.
Seine Wunde war verheilt, doch an der Schläfe blieb eine schmale empfindliche Stelle, die er unbewusst berührte, als wir das Treppenhaus betraten.
Der Kanadier war ebenfalls dort, weil beide Einheiten den abgebrochenen Abschnitt gemeinsam abschließen wollten, diesmal ohne eingespielte Schüsse und ohne automatischen Marschrhythmus.
Auf dem Podest blieb mein Richtschütze stehen.
Er blickte zuerst zur ausgebesserten Wand, dann zur Decke und schließlich zu dem fest installierten Notrufgerät neben der Treppe.
Er nahm den Hörer ab.
Ein Freizeichen ertönte.
Niemand sprach über Lautsprecher.
Niemand bewegte sich, bis der Richtschütze den Hörer wieder einhängte und uns mit eigener Stimme bestätigte, dass der Weg frei war.
Dann gingen wir weiter.
Beim vierten Schritt sah der Kanadier kurz nach oben.
Es fiel kein Staub.
Am Ausgang wartete der neue Ablaufplan auf einem einfachen Klemmbrett.
Er enthielt keine handschriftlichen Schussmarkierungen, keinen vorgesehenen Magazintausch und keinen Satz darüber, dass ein verletzter Mann nicht aufwachen dürfe.
Mein Richtschütze las die erste Seite, setzte seine Bestätigung darunter und reichte mir das Brett zurück.
Oben rechts stand eine fortlaufende Nummer.
Diesmal trug das Blatt eine Herkunft.