Der gefesselte Mann zog Lukas näher an sich und presste die Worte so leise hervor, dass selbst der Verletzte hinter ihnen sie kaum hören konnte.
„Die Felder öffnen den Behälter nicht“, flüsterte er. „Sie kopieren uns.“
Lukas blickte auf das grün leuchtende Lesefeld, dann auf das zweite, das noch immer dunkel auf sein Einsatzmodul wartete.

Der Mann erklärte stockend, dass die Entführer sein Modul nicht gestohlen, sondern nur wenige Sekunden über das erste Feld gehalten hatten, bis die Anzeige von Rot auf Grün gesprungen war.
Danach hatten sie ihn gefesselt und im Versorgungsschacht zurückgelassen.
„Mit einem Zugang können sie zuhören und einzelne Kennungen nachahmen“, sagte er. „Mit zwei können sie Befehle bestätigen, als kämen sie von uns.“
Im Funkverstärker an der Wand knackte es.
„Noch fünf Minuten, Lukas.“
Die unbekannte Stimme klang nicht mehr drohend, sondern beinahe geduldig, als wäre alles, was jetzt geschah, bereits berechnet worden.
Lukas legte eine Hand auf den schwarzen Behälter, ohne das zweite Lesefeld zu berühren.
Das Metall vibrierte schwach.
Nicht wegen eines Motors im Inneren, sondern im Rhythmus der Pumpen, die irgendwo hinter den Wänden immer wieder anliefen und sofort verstummten.
Der verletzte Seemann stand einige Schritte entfernt im steigenden Wasser und hielt seine linke Hand weiterhin geschlossen.
Selbst jetzt, nachdem Lukas den Gefangenen gefunden und den Zweck des Behälters verstanden hatte, verbarg der Mann noch immer etwas in seiner Faust.
„Öffnen Sie die Hand“, sagte Lukas.
Der Seemann schüttelte den Kopf.
„Jetzt.“
Bevor der Mann reagieren konnte, drang eine neue Stimme aus Lukas’ Headset.
Diesmal war es die Stimme eines Mitglieds seines Teams.
„Lukas, wir haben deinen Rückzugsbefehl empfangen. Das Boot kommt an die Steuerbordseite.“
Lukas’ Blick blieb auf dem schwarzen Behälter liegen.
Er hatte keinen Rückzugsbefehl gesendet.
Noch besaßen die Täter nur den kopierten Zugang des ersten Soldaten, doch offenbar reichte er bereits aus, um Stimmen in den Einsatzkanal einzuschleusen und einfache Meldungen glaubwürdig wirken zu lassen.
Das zweite Modul würde ihnen etwas Gefährlicheres geben: die Möglichkeit, einen Befehl so zu bestätigen, dass niemand außerhalb dieses Schiffs seinen Ursprung rechtzeitig anzweifelte.
„Nicht anlegen“, sagte Lukas in sein Mikrofon.
Seine Worte wurden von einem schrillen Störton verschluckt.
Dann hörte er seine eigene Stimme im Headset.
„Steuerbord ist sicher. Sofort herankommen.“
Die Aufnahme klang beinahe vollkommen.
Nur das letzte Wort war zu sauber ausgesprochen, ohne den kurzen Atemzug, den Lukas nach dem Aufstieg an der Bordwand noch immer nicht ganz unterdrücken konnte.
Die Täter hatten seine Stimme bereits zusammengesetzt, aber ihnen fehlte die zweite elektronische Bestätigung.
Der schwarze Behälter war keine Kiste, die geöffnet werden sollte.
Er war eine Falle, die auf Zustimmung wartete.
Lukas trat auf den Seemann zu und griff nach dessen geschlossenem Handgelenk.
Der Mann wich zurück, stieß mit der Schulter gegen die Wand und verzog vor Schmerz das Gesicht.
„Sie verstehen das nicht“, sagte er.
„Dann erklären Sie es.“
Wasser schlug durch den Schacht und reichte Lukas inzwischen bis über die Waden.
Der Seemann öffnete langsam die Finger.
In seiner Hand lag ein kleiner Messingschlüssel mit einer flachen, rechteckigen Spitze.
„Der Hauptschlüssel für die Pumpen“, sagte er. „Ich habe ihn herausgezogen, bevor sie mich fanden.“
Der erste Soldat hob den Kopf.
„Darum konnten sie das Schiff nicht stabilisieren.“
Der Seemann nickte.
Die Männer, die die Brücke übernommen hatten, hatten ihn gezwungen, die Pumpen abzuschalten und das Schiff kontrolliert nach Backbord sinken zu lassen, doch als sie ihn für wenige Sekunden allein gelassen hatten, hatte er den Schlüssel aus der Konsole gezogen und in seiner Faust versteckt.
Die Verletzung an seiner Schläfe stammte von dem Versuch, ihn zur Herausgabe zu zwingen.
Er hatte geschwiegen, weil er nicht wusste, ob Lukas tatsächlich zu der angekündigten Einsatzgruppe gehörte oder bereits einer der Männer war, die den Funkkanal übernommen hatten.
„Sie haben gesagt, sie brauchen zwei“, flüsterte er. „Zwei Zugänge und genau sechs Minuten, bevor das nächste Boot nahe genug ist.“
Lukas sah zum Funkverstärker.
Der falsche Rückzugsbefehl hatte nicht nur sein Team anlocken sollen.
Er sollte das Boot so dicht an die Steuerbordseite bringen, dass die Täter nach der Kopie seines Moduls den Behälter übergeben und im entstehenden Durcheinander verschwinden konnten.
„Wo ist die Pumpenkonsole?“, fragte Lukas.
Der Seemann deutete zurück in den Gang.
„Eine Ebene tiefer.“
„Dort steht das Wasser höher.“
„Noch.“
Die Stimme aus dem Lautsprecher meldete sich erneut.
„Der Schlüssel wird euch nicht helfen. Öffne den Behälter, und dein Team darf umkehren.“
Lukas zog das Kabel des tragbaren Funkverstärkers aus der Wand.
Der Störton in seinem Headset brach für einen Augenblick ab, doch die Stimme blieb im Lautsprecher hörbar.
Damit war klar, dass nicht alles über das tragbare Gerät lief.
Jemand an Bord hatte außerdem Zugriff auf die fest installierte Sprechanlage.
Mindestens ein Täter war noch auf dem Schiff.
Lukas half dem ersten Soldaten auf die Beine und führte dessen Arm über seine Schulter.
Der Mann konnte stehen, aber sein linkes Bein knickte bei jedem zweiten Schritt weg, und seine Hände waren durch die Fesseln so stark aufgerieben, dass er kaum etwas greifen konnte.
„Bleib beim Behälter“, sagte Lukas zu ihm. „Niemand hält ein Modul an das zweite Feld.“
Der Soldat schüttelte den Kopf.
„Allein schaffst du die Pumpen nicht.“
„Ich bin nicht allein.“
Lukas blickte den Seemann an.
Der Mann schloss die Finger wieder um den Messingschlüssel, diesmal nicht, um ihn zu verbergen, sondern um ihn trotz des zitternden Arms nicht zu verlieren.
Sie verließen den Versorgungsschacht und arbeiteten sich durch den überfluteten Gang zurück zur Ventilkonsole.
Die rote Kontrollleuchte blinkte schneller als zuvor.
Unter dem Boden dröhnte eine weitere Leitung, dann neigte sich das Schiff so stark nach Backbord, dass Lukas mit der Schulter gegen die Wand prallte.
Der Seemann rutschte aus.
Lukas fing ihn am Kragen auf und zog ihn hoch, bevor das Wasser ihn gegen die nächste Stufe drücken konnte.
„Wie lange bis zur Pumpenkonsole?“
„Zwei Minuten.“
„Wir haben weniger.“
Hinter ihnen erklang ein metallisches Klacken.
Nicht aus dem Lautsprecher.
Aus dem Versorgungsschacht.
Lukas drehte sich um und sah, wie sich am anderen Ende des Gangs eine schmale Tür öffnete, die zuvor wie ein Teil der Wandverkleidung gewirkt hatte.
Ein Mann in dunkler Arbeitskleidung trat heraus.
Er trug keine schwere Ausrüstung, sondern nur eine kompakte Schutzweste und eine Pistole, die er eng am Körper hielt, damit sie in dem schmalen Gang nicht an den Rohren hängen blieb.
Ein dünnes Mikrofon verlief von seinem Kragen zum Ohr.
Als er sprach, kam seine Stimme gleichzeitig aus seinem Mund und mit einem leichten Echo aus dem Lautsprecher.
„Leg dein Modul auf den Boden, Lukas.“
Lukas stellte sich zwischen ihn und den Seemann.
Der Täter blieb außerhalb seiner Reichweite stehen.
„Der erste Zugang ist bereits gespeichert“, sagte er. „Deiner fehlt noch. Danach könnt ihr den Schlüssel behalten und eure Pumpen einschalten.“
„Dann hätten Sie den Behälter längst mitgenommen.“
„Nicht ohne die zweite Bestätigung.“
„Und nicht ohne ein stabiles Schiff.“
Zum ersten Mal veränderte sich der Ausdruck des Mannes.
Nur für einen Moment glitt sein Blick zu der Faust des Seemanns.
Lukas hatte recht.
Die Täter brauchten nicht nur sein Modul, sondern auch den Pumpenschlüssel, weil der schwarze Behälter über einen schmalen Wartungsweg zur Steuerbordseite gebracht werden musste, der bei stärkerer Neigung vollständig unter Wasser geraten würde.
Der Seemann war deshalb am Leben geblieben.
Und Lukas ebenfalls.
„Drei Minuten“, sagte der Täter.
„Sie sagten vorhin fünf.“
„Dein Team ist schneller als erwartet.“
Das war keine gute Nachricht.
Das Boot musste bereits nahe sein.
Lukas konnte es wegen der Stahlwände weder hören noch sehen, aber der Täter bekam offenbar weiterhin Meldungen aus dem übernommenen Kanal.
„Geben Sie ihm das Modul“, flüsterte der Seemann.
Der Täter lächelte kaum sichtbar.
Lukas sah den Seemann nicht an.
„Warum?“
„Damit er näher kommt.“
Der Seemann ließ den Messingschlüssel fallen.
Er landete im Wasser und rutschte über den geneigten Boden direkt zwischen Lukas und den bewaffneten Mann.
Der Blick des Täters folgte ihm unwillkürlich.
Lukas stieß sich von der Wand ab.
Der erste Schuss traf ein Rohr über seiner Schulter und riss eine Wolke aus heißem Dampf in den Gang.
Der Täter feuerte ein zweites Mal, doch das Schiff rollte in diesem Moment weiter nach Backbord, und sein Fuß verlor auf dem nassen Boden den Halt.
Lukas prallte mit ihm gegen die Türverkleidung.
Die Pistole schlug gegen das Metall und fiel ins Wasser.
Der Täter griff nach Lukas’ Einsatzmodul, das fest an der Vorderseite seiner Weste saß, doch Lukas rammte ihm den Unterarm gegen die Kehle und drückte ihn in den Dampf.
Der Mann wand sich zur Seite, zog ein kurzes Messer aus seinem Gürtel und stach nach Lukas’ Schulter.
Lukas fing das Handgelenk ab, konnte die Klinge aber nicht vollständig stoppen.
Sie schnitt durch den äußeren Stoff seiner Weste und hinterließ einen brennenden Riss an seinem Oberarm.
Der Seemann hatte währenddessen den Schlüssel wiedergefunden.
Er hob die Pistole nicht auf.
Stattdessen trat er gegen die Wartungstür, bis sie zufiel, und schob den schweren Verriegelungsbolzen vor.
Damit war dem Täter der Rückweg zum Versorgungsschacht versperrt.
Lukas nutzte den Augenblick, drehte den bewaffneten Arm nach außen und schlug die Hand gegen die Wand, bis das Messer ins Wasser fiel.
Der Mann riss sich los und sprang zur Ventilkonsole.
Seine Finger schlossen sich um den mechanischen Hebel neben der roten Leuchte.
„Noch einen Schritt, und der Maschinenraum läuft voll“, sagte er.
Lukas blieb stehen.
Der Hebel war bereits halb gelöst.
Wenn der Täter ihn vollständig nach unten zog, würde der Druck nicht nur den Maschinenraum fluten, sondern auch den schmalen Schacht erreichen, in dem der erste Soldat mit dem Behälter zurückgeblieben war.
„Dann verlieren Sie den ersten Zugang“, sagte Lukas.
„Der ist gespeichert.“
„Im Behälter.“
Der Täter antwortete nicht.
Lukas sah genug.
Ohne den schwarzen Behälter hatte die Kopie keinen Wert.
Die Daten wurden nicht fortlaufend übertragen, sondern blieben in dem Gerät, bis beide Lesefelder aktiviert waren.
Darum hatten die Täter das Schiff stabilisieren und den Behälter persönlich abholen wollen.
Lukas hob langsam beide Hände.
„Sie brauchen den Schlüssel, den Behälter und mein Modul“, sagte er. „Im Moment haben Sie nichts davon.“
„Ich habe den Hebel.“
„Und ein Schiff, das schneller sinkt als Ihr Plan.“
Aus der Ferne ertönten drei dumpfe Schläge.
Eine Pause.
Dann noch einmal drei.
Der erste Soldat antwortete aus dem Versorgungsschacht.
Er lebte noch.
Der Täter blickte in die Richtung des Geräuschs.
Lukas sah auf den Messingschlüssel in der Hand des Seemanns.
„Zur Konsole“, sagte er.
Der Seemann verstand sofort.
Er drehte sich um und rannte, so schnell es seine Verletzung zuließ, zum Niedergang.
Der Täter zog den Hebel nach unten.
Wasser donnerte durch die Leitung.
Gleichzeitig sprang Lukas nach vorn und stieß den Mann mit beiden Händen gegen die Konsole.
Die rote Kontrollleuchte zerbrach unter seiner Schulter.
Ein Funkenregen fiel ins Wasser, und für einen Sekundenbruchteil erlosch die Beleuchtung im gesamten Gang.
Im Dunkeln schlug der Täter nach Lukas’ Gesicht.
Lukas spürte den Treffer an der Wange, packte den Mann am Kragen und hielt ihn fest, während das Deck unter ihnen vibrierte.
Dann liefen die Notleuchten wieder an.
Der Täter hatte eine Hand am Kabel seines Mikrofons.
„Behälter sofort sichern“, rief er.
Keine Antwort kam.
Lukas riss das Mikrofon aus seinem Kragen und warf es ins Wasser.
Der Mann versuchte noch einmal, ihn wegzustoßen, doch Lukas führte seinen Arm hinter den Rücken und drückte ihn mit dem Gesicht gegen die Wand.
„Wer ist noch an Bord?“
Der Täter schwieg.
„Wer wartet auf den Behälter?“
Wieder keine Antwort.
Lukas hörte Schritte auf der Treppe.
Der Seemann kam zurück.
Sein Gesicht war bleich, und aus der Wunde an seiner Schläfe lief erneut Blut, doch der Messingschlüssel steckte jetzt in der Pumpenkonsole.
„Die erste Pumpe läuft“, sagte er. „Die zweite reagiert nicht.“
Das Schiff neigte sich noch immer, aber die Bewegung war langsamer geworden.
Sie hatten keine Stabilität gewonnen.
Nur Zeit.
Lukas nahm einen Kabelbinder aus seiner Ausrüstung und fesselte die Hände des Täters an ein Rohr, genau wie der erste Soldat zuvor gefesselt worden war.
Dann hob er die Pistole aus dem Wasser, entfernte das Magazin und schob beides in getrennte Wandnischen.
„Zum Behälter“, sagte er.
Als sie den Versorgungsschacht erreichten, lag der erste Soldat halb im Wasser.
Er hatte sich mit seinem Gürtel am Rohr befestigt und den schwarzen Behälter zwischen seinen Knien eingeklemmt, damit er auf dem schrägen Boden nicht zur Wartungsklappe rutschte.
Das zweite Lesefeld war weiterhin dunkel.
Das erste leuchtete grün.
„Er hat versucht, mich über den Lautsprecher zu überzeugen“, sagte der Soldat. „Dann hat er mit deiner Stimme gesprochen.“
Lukas kniete neben dem Funkverstärker nieder.
Nach dem Herausziehen des Wandkabels lief er über eine eigene Batterie weiter.
Er konnte das Gehäuse nicht öffnen, ohne möglicherweise die gespeicherten Daten zu beschädigen, aber an der Unterseite befand sich ein schmaler Schalter, der mit einem Draht gesichert war.
Der erste Soldat deutete darauf.
„Die Stromtrennung.“
„Oder eine Löschung.“
„Beides wäre besser als der zweite Zugang.“
Lukas sah auf die grüne Anzeige.
Wenn sie das Gerät abschalteten, konnten sie den einzigen greifbaren Beweis für die Manipulation des Einsatzkanals verlieren.
Wenn sie es eingeschaltet ließen, konnte der Täter oder ein Komplize vielleicht doch noch auf die gespeicherte Kopie zugreifen.
Wieder verlangte die Nacht eine Entscheidung zwischen zwei Schäden.
Lukas dachte an die drei sauber gestapelten Gewehre auf der Brücke, an den falschen Rückzugsbefehl und an seine eigene Stimme, die seinem Team befohlen hatte, an ein sinkendes Schiff heranzufahren.
Der Plan lebte davon, dass jeder Mensch nur die Gefahr sah, die direkt vor ihm lag.
Die Besatzung sollte das Wasser sehen.
Der erste Soldat sollte seine Fesseln sehen.
Lukas sollte den wartenden Leser sehen.
Sein Team sollte einen bestätigten Befehl sehen.
Niemand sollte das vollständige Muster erkennen, bevor der Behälter verschwunden war.
„Wir nehmen ihnen die Verbindung, nicht die Daten“, sagte Lukas.
Er folgte dem Kabel des Verstärkers bis zu einer verschraubten Abdeckung und löste sie mit dem Schraubenschlüssel, den er noch immer am Gürtel trug.
Dahinter lagen zwei Leitungen: eine zur Bordsprechanlage und eine zu einer flachen Antenne, die außen am Rumpf befestigt sein musste.
Lukas trennte nur die Antennenleitung.
Das grüne Feld blieb an.
Der Verstärker lief weiter, konnte seine Daten aber nicht mehr an jemanden außerhalb des Schiffs senden.
Fast gleichzeitig verschwand der Störton aus seinem Headset.
Eine echte Stimme meldete sich.
„Lukas, bestätigen. Wir sehen unregelmäßige Deckbeleuchtung.“
Der Seemann sah ihn überrascht an.
„Die Pumpen haben einen Teil des Stroms zurückgebracht“, sagte er. „Die Lampen sind automatisch angesprungen.“
Lukas drückte zweimal die Sendetaste.
Diesmal kam sofort eine Antwort.
Zwei kurze Signaltöne.
Der vereinbarte Hinweis auf einen kompromittierten Kanal war endlich angekommen.
„Nicht anlegen“, sagte Lukas. „Unbekannter Zugriff auf den Einsatzkanal. Mindestens ein Täter gesichert. Weitere Personen möglich. Abstand halten und nur Sichtzeichen beachten.“
„Verstanden.“
Keine falsche Stimme unterbrach ihn.
Keine fremde Atmung lag mehr in seinem Ohr.
Der Täter im Gang begann gegen das Rohr zu treten.
„Sie kommen zurück“, rief er. „Ihr habt keine Ahnung, was ihr gerade festhaltet.“
Lukas ging zu ihm.
„Doch“, sagte er. „Eine Kopie, die keinen zweiten Zugang bekommen hat.“
Der Mann lächelte trotz des Blutes an seiner Lippe.
„Glaubst du, du warst der Einzige, dessen Stimme wir hatten?“
Lukas blieb vor ihm stehen.
Die Bemerkung sollte Zweifel säen, aber sie verriet mehr, als der Täter beabsichtigt hatte.
Die Stimmen waren vorbereitet worden.
Die Zugänge nicht.
Ohne die beiden Module konnten die Täter reden, täuschen und Befehle imitieren, aber sie konnten ihnen nicht die elektronische Bestätigung geben, auf die der gesamte Plan angewiesen war.
„Sie hatten viele Stimmen“, sagte Lukas. „Aber nur ein grünes Feld.“
Das Lächeln verschwand.
Vom Niedergang her rief der Seemann, die zweite Pumpe sei manuell erreichbar, doch dafür müsse jemand durch einen halb gefluteten Wartungsgang kriechen und ein blockiertes Ventil direkt am Gehäuse öffnen.
Der erste Soldat versuchte aufzustehen.
Sein Bein gab sofort nach.
„Ich gehe“, sagte Lukas.
„Dein Arm blutet“, erwiderte der Seemann.
„Ihr Kopf auch.“
„Ich kenne den Weg.“
Lukas sah auf den Messingschlüssel, den der Mann wieder aus der Konsole gezogen hatte.
Diesmal lag er offen auf seiner Handfläche.
Kein Verbergen mehr.
„Dann gehen wir zusammen“, sagte Lukas.
Sie ließen den ersten Soldaten beim Behälter und folgten der unteren Treppe, bis das Wasser Lukas bis zur Brust und dem kleineren Seemann fast bis zu den Schultern reichte.
Der Gang vor ihnen war so eng, dass sie nur seitlich vorankamen.
Bei jeder Bewegung schlug kaltes Wasser gegen die Wände, während aus einer gerissenen Leitung warmer Dieselgeruch in die Luft drang.
Der Seemann führte Lukas zu einer runden Abdeckung, hinter der das Handrad der zweiten Pumpe lag.
Die Abdeckung hatte sich durch die Schräglage verkantet.
Lukas setzte den Schraubenschlüssel an und drückte.
Nichts bewegte sich.
Über ihnen ächzte das Schiff.
Der Seemann stemmte beide Hände gegen den Griff.
Die Wunde an seiner Schläfe öffnete sich weiter, doch er ließ nicht los.
Gemeinsam brachten sie die Abdeckung erst einen Fingerbreit, dann eine Handbreit aus der Halterung.
Dahinter stand das Handrad halb offen.
Ein Stück Metall war zwischen Speiche und Gehäuse geklemmt worden.
Lukas zog es heraus.
Es war der Verschluss einer der drei Sturmgewehrgurte von der Brücke.
Die Waffen waren nicht nur als falsche Spur abgelegt worden.
Teile ihrer Gurte waren benutzt worden, um die Pumpen mechanisch zu blockieren.
Damit erklärte sich auch, weshalb die Gewehre so sauber und vollständig trocken gewesen waren: Sie hatten nie im Kampf gelegen, sondern als Werkzeug und spätere Beweisfälschung gedient.
Lukas drehte das Handrad.
Zunächst kam nur ein dumpfer Schlag aus dem Rohrsystem.
Dann setzte die zweite Pumpe ein.
Das Wasser um ihre Körper begann langsam zu sinken.
Der Seemann lehnte die Stirn gegen die Wand und atmete aus.
„Ich dachte, sie hätten alles vorbereitet“, sagte er.
„Haben sie.“
„Warum hat es dann nicht funktioniert?“
Lukas sah auf den kleinen Metallverschluss in seiner Hand.
„Weil Sie den Schlüssel behalten haben.“
Als sie zurückkehrten, war das Schiff noch immer schwer beschädigt, doch die Neigung nahm nicht weiter zu.
Das Team blieb auf Abstand, bis Lukas über die wieder funktionierenden Decklampen dreimal kurz, nach einer Pause erneut dreimal kurz signalisierte.
Er verwendete dieselbe Folge, mit der er im überfluteten Deck Kontakt zu dem gefesselten Soldaten aufgenommen hatte.
Erst danach näherte sich das Boot an einer Stelle, die Lukas selbst bestimmte.
Der Täter wurde als Erster übergeben, damit niemand im letzten Moment an den schwarzen Behälter gelangen konnte.
Dann folgte der verletzte Soldat, dessen Modul weiterhin an seiner Weste befestigt war.
Der Behälter wurde zuletzt bewegt, stromführend, aber ohne Verbindung nach außen und mit unverändert dunklem zweiten Lesefeld.
Der Seemann weigerte sich, vor Lukas von Bord zu gehen.
„Das ist mein Schiff“, sagte er.
„Im Moment ist es vor allem ein sinkendes Schiff.“
Der Mann betrachtete den Messingschlüssel in seiner offenen Hand.
„Dann sollte jemand die Pumpen im Auge behalten.“
Lukas widersprach nicht mehr.
Sie blieben, bis die übrigen Besatzungsmitglieder aus den gesicherten Bereichen geholt worden waren und feststand, dass niemand mehr unter Deck eingeschlossen war.
Mehrere waren verletzt, aber am Leben.
Die Täter hatten sie nicht beseitigt, weil sie Menschen gebraucht hatten, die das Schiff lange genug funktionsfähig hielten, um den Behälter nach der zweiten Kopie zu bergen.
Später zeigte die Untersuchung des Verstärkers, dass die erste Zugangskennung tatsächlich gespeichert worden war, aber nie gemeinsam mit einer zweiten bestätigt werden konnte.
Die aufgezeichneten Befehle, die nach außen gesendet worden waren, blieben deshalb unvollständig und verloren ihren vermeintlich glaubwürdigen Status, sobald das Team den kompromittierten Kanal gemeldet hatte.
Die drei Sturmgewehre auf der Brücke gehörten nicht zu Lukas’ Einheit und waren aus verschiedenen Beständen zusammengestellt worden, damit die Szene wie das Ergebnis eines chaotischen Gefechts wirkte.
Keines von ihnen hatte die Schüsse unterhalb der Wasserlinie abgegeben.
Die Einschusswinkel im Versorgungsschacht bestätigten, dass die Angreifer die Besatzung gezielt in Richtung Maschinenraum getrieben hatten.
Der schwarze Behälter war nie für den Transport einer geheimen Ladung vorgesehen gewesen.
Er war eigens gebaut worden, um zwei voneinander unabhängige Zugänge zu erfassen und daraus eine einzige glaubwürdige Bestätigung zu erzeugen.
Der Täter, den Lukas im Gang gestellt hatte, schwieg über seine Auftraggeber.
Doch sein Schweigen änderte nichts an dem, was an Bord gesichert worden war: der Verstärker, die erste unvollständige Kopie, die manipulierten Pumpen und die aufgenommenen Stimmen.
Zum ersten Mal ließ sich der gesamte Ablauf beweisen, ohne dass Lukas den Behälter hatte öffnen müssen.
Der erste Soldat machte sich dennoch Vorwürfe.
Während der medizinischen Versorgung sagte er immer wieder, er habe den Tätern den ersten Zugang gegeben.
Lukas erinnerte ihn daran, dass seine drei Schläge durch den Schiffsrumpf die einzige Nachricht gewesen waren, die in jener Nacht nicht gefälscht werden konnte.
Ohne dieses Zeichen hätte Lukas den Behälter vielleicht berührt, bevor er verstanden hätte, worauf die Anzeige wartete.
Der Seemann saß wenige Meter entfernt, eine frische Wundauflage an der Schläfe und den Messingschlüssel noch immer in der Hand.
Als eine Einsatzkraft ihn bat, das Teil für die Untersuchung abzugeben, schloss er die Finger darum.
Für einen kurzen Moment sah Lukas wieder dieselbe Faust, die der Mann selbst beim Sturz ins Wasser nicht geöffnet hatte.
Dann blickte der Seemann zu ihm.
Lukas klopfte dreimal mit zwei Fingern gegen die Metallwand des Boots, wartete und klopfte noch einmal dreimal.
Der Mann verstand.
Er öffnete die Hand und legte den Schlüssel auf den Tisch zwischen ihnen.