Der Zeitstempel bewies nicht nur, dass der Mann in meinem Körper nach der Explosion einen neuen Asservatenanhänger gedruckt hatte.
Er zeigte auch, dass der versiegelte Behälter noch immer unter unseren Füßen lag.
„Der Verwahrraum hat nur einen Zugang“, flüsterte die Spurentechnikerin, während draußen erneut Schritte über den Flur gingen. „Wenn er ihn herausholen will, muss er durch die biometrische Schleuse.“

„Mit meinen Fingern, meinen Augen und meiner Dienstnummer.“
Sie sah auf das halb verbrannte Kunststoffstück in ihrer Hand.
„Und wenn wir die Freigabe sperren, weiß er sofort, dass jemand das Druckprotokoll gefunden hat.“
Durch die Wand drang meine eigene Stimme, ruhig und bestimmt, während sie den Kollegen neue Positionen zuwies.
Er ließ die Ausgänge sichern, schickte zwei Beamte in den Labortrakt und behauptete weiterhin, ich hätte bei der Explosion einen Polizisten getötet.
Mich.
Solange niemand meine Leiche gefunden hatte, war seine Geschichte angreifbar, doch sobald der Mann im fremden Körper erschossen auf dem Boden lag, würde jede spätere Untersuchung nur noch bestätigen, was alle ohnehin zu wissen glaubten.
Der gesuchte Verbrecher war in die Wache eingedrungen und bei seiner Flucht getötet worden.
Der verletzte Ermittler hatte heldenhaft versucht, ihn aufzuhalten.
Niemand würde fragen, weshalb dieser Ermittler zwölf Minuten nach der Explosion einen unbekannten Behälter registriert hatte.
„Kannst du die Schleuse blockieren, ohne einen Alarm auszulösen?“, fragte ich.
Die Spurentechnikerin schüttelte den Kopf.
„Nicht von hier, aber der Verwahrraum hat einen Prüfmodus für beschädigte Asservate. Dabei bleibt die innere Tür offen, bis zwei Personen den Vorgang bestätigen.“
„Dann bringen wir ihn dazu, den Prüfmodus selbst zu aktivieren.“
Ihr Blick wanderte zu meinem Gesicht, zu den Wangenknochen und der Narbe über der linken Augenbraue, die drei Jahre lang auf jedem Fahndungsplakat unseres Falls zu sehen gewesen waren.
„Er wird dich erschießen, bevor du in seine Nähe kommst.“
„Nein“, sagte ich. „Nicht, solange er glaubt, dass ich weiß, was in dem Behälter liegt.“
Das war eine Lüge.
Aber es war die einzige, die uns bis unter die Wache bringen konnte.
Die Spurentechnikerin steckte den Anhänger in eine transparente Beweishülle und schob ihr Prüfgerät unter die Jacke.
Dann öffnete sie die Tür des Materialraums und trat mit erhobener Waffe in den Flur.
„Ich habe ihn!“, rief sie.
Ich ging vor ihr her, die Hände hinter dem Kopf, während sie den Lauf ihrer Waffe zwischen meine Schulterblätter richtete.
Am Ende des Ganges erschienen zwei uniformierte Kollegen.
Beide hoben sofort ihre Waffen.
„Nicht schießen“, sagte die Spurentechnikerin. „Er behauptet, er könne den Behälter unter der Wache öffnen.“
Einer der Beamten griff nach seinem Funkgerät.
Nur wenige Sekunden später antwortete meine Stimme.
„Bringen Sie ihn zu mir.“
Die Kollegen führten uns nicht zum Vernehmungsraum, sondern zur Treppe neben dem ehemaligen Archiv, deren graue Stufen eine Etage tiefer zur Verwahrung führten.
Der Mann in meinem Körper wartete bereits am Fuß der Treppe.
Ruß lag auf meiner Uniform, Blut war an meinem rechten Ärmel getrocknet, und über meiner Stirn verlief eine frische Platzwunde, doch er stand so aufrecht, als gehöre ihm nicht nur mein Körper, sondern das gesamte Gebäude.
Als er mich sah, veränderte sich sein Gesicht kaum.
Nur die Finger seiner rechten Hand schlossen sich fester um meine Dienstwaffe.
„Alle anderen zurück“, befahl er.
Die beiden Kollegen zögerten.
„Der Mann kennt interne Abläufe“, fuhr er fort. „Möglicherweise hat er weitere Sprengsätze vorbereitet.“
Das genügte.
Sie gingen einige Schritte zurück, blieben jedoch an der Treppe stehen.
Die Spurentechnikerin hielt ihre Waffe weiterhin auf mich gerichtet.
Für jeden Beobachter sah es so aus, als hätte sie den gesuchten Täter unter Kontrolle.
„Du weißt nicht, was du da unten suchst“, sagte der Mann in meinem Körper.
„Doch“, antwortete ich. „Und du weißt, dass der Behälter wertlos ist, wenn ich sterbe, bevor du ihn geöffnet hast.“
Zum ersten Mal wich die Ruhe aus seiner Stimme.
„Was glaubst du zu wissen?“
„Dass der erste Behälter bei der Explosion beschädigt wurde und der zweite nicht ohne das Gegenstück funktioniert.“
Ich beobachtete seine Augen.
Meine Augen.
Für einen winzigen Moment sah er an mir vorbei zur Tür des Verwahrraums.
Die Bewegung genügte.
Es gab tatsächlich ein Gegenstück.
Und offenbar war es noch immer an oder in dem Körper, den ich nun trug.
„Durchsucht ihn“, sagte er zur Spurentechnikerin.
Sie stellte sich hinter mich und tastete meine Jacke ab, langsam genug, um Zeit zu gewinnen, aber gründlich genug, um keinen Verdacht zu erregen.
Dabei drückte sie zweimal gegen meinen linken Ellenbogen.
Das vereinbarte Zeichen bedeutete, dass der Prüfmodus vorbereitet war.
„Nichts“, sagte sie.
Der Mann in meinem Körper kam näher.
Ich kannte meine eigene Haltung, jede kleine Gewohnheit, die ich mir in Jahren bei Vernehmungen angewöhnt hatte, und gerade deshalb erkannte ich, dass er Angst hatte.
Nicht vor mir.
Vor der Zeit.
Sein Blick sprang zur Uhr über der Schleuse.
22:53 Uhr.
„Öffne die Tür“, sagte ich.
„Du gibst hier keine Befehle.“
„Dann erschieß mich und finde allein heraus, welches Teil du bei der Explosion verloren hast.“
Die Spurentechnikerin stieß mir den Lauf ihrer Waffe härter in den Rücken.
„Hör auf zu reden.“
Doch der Mann in meinem Körper hob die Hand.
Er trat an das Bedienfeld, legte meinen Daumen auf den Sensor und sah in die kleine Kamera über der Tür.
Ein grünes Licht wanderte über meine Iris.
Die äußere Schleuse öffnete sich.
Hinter ihr lag ein kurzer, fensterloser Gang, an dessen Ende eine zweite Stahltür den eigentlichen Verwahrraum sicherte.
Wir gingen hinein.
Die äußere Tür glitt hinter uns zu, und für einen Moment waren nur noch wir drei zwischen den beiden Schleusen eingeschlossen.
„Jetzt“, sagte die Spurentechnikerin.
Sie zog ihr Prüfgerät hervor und berührte das Display.
Statt sich zu öffnen, verriegelte sich die innere Tür mit einem dumpfen Schlag.
Gleichzeitig sprang über dem Bedienfeld eine gelbe Anzeige an.
PRÜFMODUS – ZWEITE BESTÄTIGUNG ERFORDERLICH.
Der Mann in meinem Körper riss seine Waffe hoch.
Doch ich hatte bereits damit gerechnet.
Ich stieß seinen Arm gegen die Wand, der Schuss fuhr in die Decke, und die Spurentechnikerin trat ihm die Waffe aus der Hand.
Sie schlitterte bis an die äußere Tür.
Er schlug mir mit dem Ellenbogen ins Gesicht.
Der Schmerz war anders als jeder Treffer, den ich kannte, weil dieser Körper anders reagierte, schwerer, stärker und schneller, doch auch er hatte Verletzungen von der Explosion davongetragen.
Als er nachsetzte, gab sein linkes Knie nach.
Ich packte ihn an der Uniform und drückte ihn gegen das Bedienfeld.
„Was ist im Behälter?“
Er lächelte mit meinem Mund.
„Deine einzige Möglichkeit, jemals wieder du selbst zu werden.“
Dann rammte er seinen Kopf gegen meine Nase.
Ich taumelte zurück, und er griff nach der Beweishülle in der Hand der Spurentechnikerin.
Sie wich aus, doch er erwischte den Kunststoffanhänger und riss ihn aus der Hülle.
Bevor wir ihn festhalten konnten, brach er das halb verbrannte Stück über der Kante des Bedienfeldes entzwei.
Im Inneren lag kein einfacher Kunststoffkern.
Zwischen den Schichten steckte ein schmaler schwarzer Streifen, kaum länger als ein Fingernagel.
Der Mann in meinem Körper fing ihn auf.
„Das Gegenstück“, sagte er.
Jetzt verstand ich, weshalb ich beim Zurückweichen etwas Hartes im Ärmel gespürt hatte.
Der Anhänger war nur eine Tarnung gewesen.
Er hielt den schwarzen Streifen an den Sensor der inneren Tür.
Die gelbe Anzeige wechselte zu Rot.
PRÜFUNG BESTÄTIGT.
Die Stahltür öffnete sich.
Dahinter standen Reihen nummerierter Schränke, versiegelte Regale und in der Mitte ein Transportwagen mit einem einzigen Metallbehälter.
Er war ungefähr so groß wie ein Werkzeugkoffer und mit zwei grauen Spannverschlüssen gesichert.
Auf seinem Deckel klebte ein frisch gedruckter Anhänger mit meiner Dienstnummer.
Der Mann in meinem Körper stieß mich zur Seite und rannte hinein.
Die Spurentechnikerin erreichte die Tür zuerst, doch er riss den Transportwagen herum und schleuderte ihn gegen ihre Beine.
Sie fiel zwischen zwei Regalreihen.
Ich sprang über den Wagen, während er den Behälter vom Boden hob.
„Du kannst hier nicht heraus“, sagte ich.
„Ich muss nicht durch die Schleuse.“
Er deutete mit dem Kinn zur Rückwand.
Dort verlief ein schmaler Versorgungsschacht, der während des Umbaus des alten Archivs angelegt worden war.
Ich kannte ihn, weil ich Jahre zuvor den Zugang für eine Brandschutzprüfung hatte freiräumen lassen.
Er kannte ihn nun ebenfalls.
Nicht aus den Akten.
Aus meinem Gedächtnis.
„Du hast nicht nur meinen Körper“, sagte ich. „Du siehst auch, was ich weiß.“
„Nicht alles“, antwortete er. „Erinnerungen sind keine sauber beschrifteten Ordner. Man muss wissen, wonach man sucht.“
Er stellte den Behälter auf den Boden und drückte beide Daumen gegen die Verschlüsse.
Nichts geschah.
„Deshalb hast du mich herbringen lassen“, sagte ich.
Seine Miene verhärtete sich.
Der schwarze Streifen hatte die Schleuse bestätigt, aber der Behälter verlangte etwas anderes.
Etwas aus dem Körper, in dem ich aufgewacht war.
„Öffne ihn“, sagte er.
„Nein.“
„Dann stirbt die Frau.“
Er griff nach der Dienstwaffe der Spurentechnikerin, die beim Sturz über den Boden gerutscht war, und richtete sie auf sie.
Sie lag hinter dem umgestürzten Wagen, eine Hand am Knöchel, doch ihr Blick blieb klar.
„Tu es nicht“, sagte sie.
Der Mann in meinem Körper entsicherte die Waffe.
„Du hast drei Jahre damit verbracht, mich zu jagen“, sagte er zu mir. „Du solltest wissen, dass ich keine leeren Drohungen ausspreche.“
Das stimmte.
Er hatte nie gedroht, um Eindruck zu machen.
Wenn er Gewalt ankündigte, hatte er den Entschluss längst gefasst.
Ich ging langsam zum Behälter.
Auf der Vorderseite befand sich eine flache Vertiefung, die ich zunächst für einen beschädigten Griff gehalten hatte.
Als ich meine Hand darüberlegte, spürte ich einen kaum merklichen Zug unter der Haut.
Die Vertiefung leuchtete blau auf.
Ein dünner Metallstift fuhr heraus und berührte meinen Zeigefinger.
Ein Tropfen Blut verschwand in einer Öffnung.
Die Verschlüsse sprangen auf.
Im Behälter lagen keine Waffen, kein Geld und keine Datenträger.
Auf schwarzem Schaumstoff ruhten zwei ringförmige Metallbügel, verbunden durch ein Geflecht dünner Kabel, sowie ein faustgroßes Gehäuse mit einer gesprungenen Keramikoberfläche.
Einer der beiden Bügel war an mehreren Stellen verbrannt.
Der andere war unbeschädigt.
„Was ist das?“, fragte die Spurentechnikerin.
„Der Grund, weshalb er mir drei Jahre lang immer einen Schritt voraus war“, sagte ich.
Der Mann in meinem Körper lachte leise.
„Du dachtest wirklich, ich hätte nur Informanten.“
Bruchstücke fremder Erinnerungen drängten sich plötzlich in meinen Kopf.
Ein fensterloser Raum.
Zwei Stühle.
Menschen, die einander gegenübergesessen hatten, während die Metallbügel an ihren Schläfen befestigt gewesen waren.
Gesichter, die ich aus Vermisstenakten kannte.
Danach andere Gesichter, andere Stimmen, andere Namen.
Der Mann, den ich gejagt hatte, war nicht immer derselbe Mann gewesen.
Er hatte Körper gewechselt, sobald die Polizei ihm zu nahe kam, und jedes Mal einen anderen Menschen zurückgelassen, der weder erklären konnte, was geschehen war, noch lange genug lebte, um es zu versuchen.
„Die Explosion war nicht geplant“, sagte ich.
„Nein“, antwortete er. „Du hast den Behälter im falschen Moment geöffnet.“
Ich erinnerte mich an die letzten Sekunden im Lager.
An den metallischen Schlag hinter dem Regal.
An seine Hand an meinem Handgelenk.
An einen weißen Lichtbogen, der zwischen zwei beschädigten Geräten aufgeflammt war.
Dann nichts.
„Der Austausch war unvollständig“, sagte er und sah erneut zur Uhr an der Wand.
23:01 Uhr.
„Was passiert, wenn du das Gerät nicht benutzt?“
Er antwortete nicht.
Die Spurentechnikerin tat es für ihn.
„Er verliert die Kontrolle über deinen Körper.“
Sein Blick zuckte zu ihr.
Damit hatte sie recht.
Seine linke Hand begann zu zittern.
Nur leicht, aber deutlich genug, dass die Mündung ihrer Waffe nicht mehr ruhig auf die Spurentechnikerin zeigte.
„Der unbeschädigte Bügel stabilisiert die Übertragung“, sagte ich.
„Setz ihn auf.“
„Und der beschädigte?“
„Der gehört dir.“
„Nein“, sagte ich. „Der gehört dem Körper, in dem ich stecke.“
Er hob die Waffe höher.
„Setz ihn auf.“
Ich nahm den unbeschädigten Bügel aus dem Behälter.
Er war überraschend leicht.
An seiner Innenseite klebte getrocknetes Blut.
Nicht meines.
Nicht das des Mannes, dessen Körper ich trug.
Das Gerät war schon vor der Explosion benutzt worden.
„Du brauchst beide Bügel“, sagte ich. „Sonst hättest du den verbrannten nicht aufbewahrt.“
Seine Hand zitterte stärker.
Hinter der Schleuse waren nun Stimmen zu hören.
Die Kollegen versuchten, die äußere Tür zu öffnen, doch der Prüfmodus hielt sie verriegelt.
Der Mann in meinem Körper hatte nur noch wenige Minuten, vielleicht Sekunden, bevor seine Kontrolle weiter nachließ.
Er kam einen Schritt näher.
„Leg den Bügel an und setz dich auf den Boden.“
Ich tat, als würde ich gehorchen.
Dabei drehte ich den Ring so, dass die Kabelverbindung zu mir zeigte.
Der beschädigte Bügel lag noch im Schaumstoff.
Zwischen beiden verlief ein einziges abnehmbares Kabel.
Er brauchte mich lebend, bis das Gerät aktiviert war.
Danach nicht mehr.
„Du hast die Menschen nach jedem Wechsel getötet“, sagte ich.
„Nicht jeden.“
„Nur jene, die noch sprechen konnten?“
Sein Gesicht verzog sich.
Meine Gesichtszüge konnten seine Wut nicht verbergen, weil ich sie besser kannte als er.
„Du verstehst nicht, was es bedeutet, in einem Körper gefangen zu sein, der versagt“, sagte er. „Jeden Morgen aufzuwachen und zu wissen, dass deine Hände schwächer werden, deine Lunge weniger Luft bekommt und dein eigenes Gehirn dich Stück für Stück verrät.“
„Deshalb hast du anderen ihre Körper genommen.“
„Ich habe überlebt.“
„Und heute wolltest du mit meinem Gesicht weiterleben.“
Er drückte den Lauf an die Stirn der Spurentechnikerin.
„Jetzt.“
Ich setzte den Bügel auf.
Ein kalter Druck legte sich an meine Schläfen.
Der Mann in meinem Körper kniete vor dem Behälter, nahm den beschädigten Ring heraus und befestigte ihn an seinem Kopf.
Dann verband er beide Bügel mit dem Kabel.
Das Keramikgehäuse erwachte summend zum Leben.
Auf seiner Oberfläche erschienen zwei Lichtpunkte.
Einer leuchtete konstant.
Der andere flackerte.
„Du hättest mich im Lager erschießen können“, sagte ich.
„Dann hätte ich deinen Körper nicht bekommen.“
„Aber du konntest nicht wissen, dass die Explosion uns austauschen würde.“
„Ich wusste, dass der beschädigte Kern eine Übertragung auslösen kann.“
„Nur nicht, wer wohin gelangt.“
Sein Finger bewegte sich zum Schalter am Gehäuse.
In diesem Moment griff die Spurentechnikerin nach dem Rad des umgestürzten Transportwagens und zog es mit aller Kraft zu sich.
Der Wagen stieß gegen sein verletztes Knie.
Er verlor das Gleichgewicht.
Der Schuss traf ein Regal, und ich riss das Verbindungskabel aus meinem Bügel.
Ein greller Lichtbogen sprang über das Keramikgehäuse.
Der Mann in meinem Körper schrie.
Nicht mit meiner Stimme allein.
Für einen Augenblick hörte ich zwei Stimmen übereinander, seine und meine, während Bilder durch meinen Kopf rasten, die nicht zu meinem Leben gehörten.
Ein Krankenhauszimmer.
Eine Diagnose, die auf einem Tisch lag.
Eine Frau, die an einer Tür weinte.
Werkzeug, Kabel und die erste primitive Version des Geräts.
Dann andere Räume.
Andere Körper.
Andere Menschen, die um ihr Leben baten.
Ich hätte das Kabel vollständig herausziehen können.
Vielleicht wäre die Verbindung zusammengebrochen.
Vielleicht wäre ich in diesem Körper geblieben und er in meinem.
Vielleicht wären wir beide gestorben.
Stattdessen griff ich nach dem beschädigten Ende und steckte es zurück, bevor der Lichtbogen den Kern zerstörte.
Der Mann in meinem Körper starrte mich an.
„Was tust du?“
„Ich bringe uns zurück.“
„Der beschädigte Bügel hält das nicht aus.“
„Dann solltest du hoffen, dass du ihn besser gebaut hast, als du deine Opfer behandelt hast.“
Ich schlug mit der Hand auf den Schalter.
Der Verwahrraum verschwand.
Es gab keinen Tunnel und kein Licht, nur den überwältigenden Eindruck, gleichzeitig an zwei Orten zu fallen.
Ich spürte seinen verletzten Körper, die verbrannte Haut an den Armen und das schmerzende Knie.
Gleichzeitig fühlte ich meine Uniform, meine Platzwunde und den Druck des Metallbügels an meinem Kopf.
Erinnerungen prallten aufeinander, doch diesmal waren sie nicht ungeordnet.
Ich sah, wonach er gesucht hatte, als er meine Gedanken durchwühlte.
Zugänge.
Namen.
Beweise.
Und einen Weg aus der Wache.
Er sah ebenfalls etwas.
Nicht meine Dienstnummer oder meine Ausbildung.
Er sah Werkbank drei.
Er sah die Spurentechnikerin, wie sie vor dem Einsatz das wackelnde Bein der zweiten Werkbank mit einem gefalteten Stück Karton stabilisiert hatte.
Er sah, weshalb ich mir diese belanglose Einzelheit gemerkt hatte.
Weil Vertrauen selten aus großen Versprechen bestand.
Manchmal bestand es daraus, dass ein Mensch wusste, welche Kleinigkeit der andere nie laut ausgesprochen hatte.
Dann riss etwas in mir zurück.
Ich schlug auf dem Boden auf und rang nach Luft.
Meine Hände lagen vor meinem Gesicht.
Meine Hände.
Die kleine Narbe am rechten Daumen war wieder da.
Der Stoff meiner Uniform spannte über meinen Schultern.
Auf der anderen Seite des Behälters lag der Mann in seinem eigenen Körper und versuchte, den beschädigten Bügel abzureißen.
Er erreichte die Waffe zuerst.
Ich war noch benommen, meine Sicht flackerte, und die Spurentechnikerin konnte wegen ihres verletzten Knöchels nicht rechtzeitig aufstehen.
Der Mann richtete die Waffe auf mich.
Hinter uns sprang die Schleuse auf.
Die beiden Kollegen stürmten herein.
Sie sahen meinen Körper in Uniform auf dem Boden und den seit drei Jahren gesuchten Mann mit einer Waffe in der Hand.
Diesmal musste niemand erklären, auf wen sie zielen sollten.
„Waffe fallen lassen!“
Er drehte sich zum Versorgungsschacht.
Für einen Moment dachte ich, er würde schießen.
Dann blickte er auf den Metallbehälter, auf das zerstörte Gerät und auf die Kollegen, die ihm den Weg abschnitten.
Seine Finger öffneten sich.
Die Waffe fiel zu Boden.
Als sie ihn festnahmen, sagte er kein Wort.
Er sah nur mich an, als hätte ich ihm nicht seine Flucht genommen, sondern etwas, das er längst für sein Eigentum gehalten hatte.
Mein Leben.
Die Stunden danach bestanden aus Untersuchungen, abgesperrten Räumen und Fragen, auf die es keine glaubwürdigen Antworten geben konnte.
Ich erzählte nicht sofort alles.
Nicht weil ich den Mann schützen wollte, sondern weil eine Geschichte über getauschte Körper leichter gegen mich verwendet werden konnte als der Beweis, den wir tatsächlich besaßen.
Der halb verbrannte Anhänger war zerbrochen, doch die Spurentechnikerin hatte das Druckprotokoll bereits auf ihrem Prüfgerät gesichert.
Der Zeitstempel, meine missbrauchte biometrische Freigabe und der neu registrierte Behälter belegten, dass jemand nach der Explosion mit meinen Zugangsdaten gehandelt hatte.
Im Verwahrraum lagen außerdem das Gerät, die beiden Bügel und biologische Spuren mehrerer Menschen.
Mehr brauchten wir zunächst nicht.
Der Mann versuchte später zu behaupten, ich hätte den Behälter selbst registriert und ihm alles angehängt.
Doch er kannte eine Einzelheit nicht, die nur derjenige wissen konnte, der nach der Explosion in meinem Körper gehandelt hatte.
Er hatte im Druckprotokoll als Zielort den gesicherten Verwahrraum ausgewählt, aber auf dem physischen Anhänger eine interne Unterkategorie verwendet, die seit Monaten nicht mehr im normalen Menü erschien.
Sie war nur über meine persönlichen Schnellzugriffe erreichbar.
Damit hatte er beweisen wollen, dass er ich war.
Am Ende bewies es, dass er in meinem Körper gewesen war.
Die Ermittlungen zu den Vermisstenfällen wurden neu aufgerollt.
In alten Lagerräumen und angemieteten Werkstätten fanden die Kollegen weitere Bauteile, medizinische Unterlagen und persönliche Gegenstände von Menschen, die angeblich freiwillig verschwunden waren.
Nicht alle konnten gefunden werden.
Nicht jede Familie erhielt eine klare Antwort.
Und kein Bericht konnte erklären, was wirklich in jener Nacht zwischen den zerstörten Regalen geschehen war.
Für die Akten blieb die Explosion ein technischer Zwischenfall während eines Zugriffs.
Der Mann hatte anschließend versucht, Beweismittel zu entwenden, einen Beamten zu töten und unter falscher Identität aus der Wache zu entkommen.
Das reichte, um ihn einzusperren.
Für mich reichte es nicht, um wieder derselbe zu werden.
Manchmal wachte ich nachts auf und wusste für einige Sekunden nicht, welche Hände unter der Decke lagen.
Gelegentlich tauchte eine Erinnerung auf, die nicht meine war: der Geruch eines Krankenhausflurs, eine Stimme hinter einer Tür oder das Bild eines Menschen, dessen Namen ich nie erfahren hatte.
Ich meldete jedes dieser Bilder, auch wenn manche Kollegen glaubten, sie seien Folgen der Explosion.
Vielleicht hatten sie recht.
Vielleicht trug ich noch immer Bruchstücke von ihm in mir.
Die Spurentechnikerin stellte keine Fragen, die ich nicht beantworten konnte.
Einige Wochen später führte mein erster Weg zurück ins Labor.
Werkbank zwei stand noch immer an derselben Stelle.
Unter dem rechten Bein steckte nun kein gefalteter Karton mehr, sondern ein sauber zugeschnittenes Stück Gummi.
„Der Hausdienst war da“, sagte sie, ohne von ihrem Prüfgerät aufzusehen.
„Nach sechs Wochen?“
„Nach sieben.“
Dann deutete sie auf Werkbank drei.
Dort lag die transparente Beweishülle mit den beiden Teilen des verbrannten Anhängers, sorgfältig versiegelt und mit einer neuen Nummer versehen.
Meine Dienstnummer stand nicht mehr darauf.
Nur ein einziges Wort war von Hand ergänzt worden.
Zurück.
Ich setzte mich nicht an Werkbank zwei, obwohl sie nun nicht mehr wackelte.
Ich nahm den Platz an Werkbank drei.
Und als die Spurentechnikerin den Behälter zwischen uns öffnete, wusste ich zum ersten Mal seit der Explosion wieder mit Sicherheit, wer von uns beiden ich war.