Er rettete zuerst den Sanitäter – dann brach der Schacht ein-thtruc2710

Die Schachtwand ruckte ein zweites Mal nach innen, und ich drückte meine Schulter dagegen, obwohl das dünne Metall meinen Arm wie eine stumpfe Klinge quetschte.

„Leine nur halten!“, brüllte ich nach oben. „Noch nicht ziehen!“

Der Sanitäter lag bereits auf dem Dach, hustete Wasser und rang nach Luft, doch als einer der Männer ihn von der Öffnung wegziehen wollte, hob er plötzlich den Arm.

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An seinem Gürtel hing eine kleine Verbandsschere an einer roten Kordel.

Er riss sie los und schob sie über den nassen Dachrand zu mir, als hätte er verstanden, was den Gefreiten unter der Oberfläche festhielt.

Ich fing die Schere mit zwei Fingern auf, tauchte ab und schnitt nicht in das verbogene Metall, sondern längs durch Leder, Schnürung und das dicke Futter des Stiefels.

Beim dritten Schnitt löste sich der Schaft, und der Gefreite zog den Fuß mit einem erstickten Laut heraus.

„Jetzt!“, rief ich.

Die Männer auf dem Dach spannten die Leine, und der Gefreite schoss einen halben Meter nach oben, bevor der gesamte Rahmen des Lüftungsschachts aus der Wand brach.

Metall schlug gegen Metall, die Leine riss mich von den Füßen, und wir wurden beide in den überfluteten Flur geschleudert.

Hinter uns stürzte ein Teil der Deckenverkleidung in den Schacht und verschloss die Öffnung fast vollständig.

Nur die Rettungsleine verlief noch durch einen schmalen Spalt nach oben, doch sie konnte uns nicht mehr senkrecht herausziehen, ohne die gebrochene Dachkante über den Männern einstürzen zu lassen.

Über uns bellte der Hund, entfernte sich einige Schritte und kam wieder zurück, als würde er unserer Bewegung durch das Dach folgen.

Der Gefreite versuchte aufzustehen, knickte jedoch sofort ein, weil sein befreiter Fuß keinen festen Halt mehr fand.

Ich legte seinen Arm über meine Schulter, zog das Seil durch den Karabiner an meinem Gurt und band uns mit einem zweiten Knoten zusammen.

Damit waren wir noch mit dem Dach verbunden, aber der einzige Ausgang lag nun hinter uns unter verbogenem Blech und herabgestürztem Mauerwerk.

Vor uns führte der überflutete Flur genau in die Richtung, aus der der dumpfe Schlag gekommen war.

Das Wasser drückte uns seitlich gegen die Wand, und jedes Mal, wenn eine neue Strömung durch den Gang lief, spannte sich das Seil an unseren Hüften wie eine Hand, die uns zurückhalten wollte.

Der Gefreite biss die Zähne zusammen und setzte den verletzten Fuß nur mit der Ferse auf, während ich zwischen schwimmenden Verbandspackungen und umgestürzten Metallständern nach einem festen Weg suchte.

„Das Bett“, sagte ich. „Warum stand es überhaupt im Schacht?“

Er brauchte mehrere Atemzüge, bevor er antworten konnte.

„Der Sanitäter hat es dort verkeilt.“

„Um dich festzuhalten?“

„Um die Strömung zu bremsen.“

Er deutete zurück in die Dunkelheit, obwohl wir den Schacht bereits nicht mehr sehen konnten.

Als das Wasser in das Feldlazarett eingedrungen war, hatte der Sanitäter das Krankenbett quer in den Gang geschoben, damit drei Verwundete auf ihren Tragen nicht in den tiefer liegenden Flur gespült wurden.

Der Gefreite hatte ihm geholfen, die Männer nacheinander bis zum Schacht zu bringen, während der Sanitäter ihre Atemwege freihielt und immer wieder zwischen ihnen wechselte.

Die drei waren nach oben gezogen worden.

Beim letzten Weg hatte eine zweite Welle das Bett herumgerissen, den Gefreiten am Fuß eingeklemmt und den erschöpften Sanitäter gegen die Wand geschleudert.

„Du hättest ihn trotzdem zuerst geschickt“, sagte ich.

„Er hatte vorher schon drei geschickt.“

Mehr sagte er nicht.

Wir erreichten eine Tür, die nur einen Spalt offen stand, weil eine umgekippte Kiste dahinterklemmte.

Das Wasser strömte durch die schmale Öffnung und zog an unseren Beinen, während über uns wieder die Pfoten des Hundes zu hören waren.

Er bellte zweimal, lief weiter und kratzte einige Meter vor uns erneut über das Dach.

„Er sucht eine dünne Stelle“, sagte ich.

Der Gefreite schüttelte den Kopf.

„Er folgt uns.“

Ich stemmte mich gegen die Tür, doch die Kiste dahinter bewegte sich nicht.

Der Gefreite griff an mir vorbei nach der Rettungsleine, zog einen Meter davon durch den Karabiner und schob die Schlaufe durch den Türspalt.

Mit der Verbandsschere gelang es mir, die Schlaufe über eine hervorstehende Ecke der Kiste zu legen.

Dann zogen wir nicht die Tür auf, sondern die Kiste seitlich von ihr weg.

Das Seil scheuerte über die Metallkante, einzelne Fasern lösten sich, und von oben kam sofort ein warnender Ruf, weil die Männer die veränderte Spannung bemerkten.

„Nicht ziehen!“, rief ich. „Nur sichern!“

Die Kiste kippte um.

Die Tür flog auf, und eine Welle aus dem Raum traf uns so hart, dass der Gefreite mit dem Kopf gegen meine Schulter schlug.

Das Seil stoppte unseren Sturz, doch der Knoten an meinem Gurt zog sich schmerzhaft zusammen.

Im Raum dahinter schwammen leere Infusionsbeutel, eine zerbrochene Lampe und drei zusammengedrückte Beatmungsmasken an der Oberfläche.

An einer Trage hing ein abgerissener Streifen Verbandstoff, auf dem drei dunkle Fingerabdrücke zu erkennen waren.

Der Gefreite blieb davor stehen.

„Hier lagen sie.“

Sein Blick wanderte von einer Maske zur nächsten, als müsste er sich vergewissern, dass keine vierte übersehen worden war.

Ich zog ihn weiter, bevor das steigende Wasser die Tür hinter uns wieder zuschlagen konnte.

Am anderen Ende des Raumes führte ein schmaler Durchgang zu einem Versorgungslager, hinter dem sich nach seiner Erinnerung eine nach außen führende Ladeklappe befand.

Der Sanitäter hatte diesen Weg bei der ersten Evakuierung gesehen, war aber zurückgekehrt, weil die drei Männer noch nicht transportfähig gewesen waren.

„Hat er dir das erzählt?“

„Er hat auf die Tür gezeigt und mich hinausgeschoben.“

„Und du bist zurückgegangen.“

„Er war allein.“

Das klang nicht wie eine Erklärung.

Es klang wie eine Feststellung, für die er keine Erlaubnis brauchte.

Wir wateten weiter, doch die Strömung wurde stärker, je näher wir dem Lager kamen.

Von draußen drückte offenbar neues Wasser gegen die Außenwand und suchte sich durch jede Fuge einen Weg in das Gebäude.

Das Bellen über uns verstummte plötzlich.

Eine Sekunde später hörten wir ein schweres Scharren, dann drei schnelle Schläge auf das Dach.

Jemand hatte verstanden, wohin der Hund sie geführt hatte.

Ich schlug mit dem Griff der Verbandsschere gegen ein Rohr über der Tür.

Drei Schläge antworteten.

Der Gefreite hob den Kopf.

„Der Sanitäter?“

Ich konnte es nicht wissen, aber die Schläge kamen erneut, langsamer diesmal, und bewegten sich über uns in Richtung des Lagers.

Wir folgten ihnen.

Der Durchgang war so eng, dass wir nur hintereinander vorankamen.

Ich schob den Gefreiten vor mir her, weil er mit seinem verletzten Fuß jede Unebenheit ertasten musste, während das Seil zwischen uns und dem Dach durch zwei Türrahmen und um eine Ecke lief.

Jeder zusätzliche Meter erhöhte die Reibung.

Als der Gefreite das Lager erreichte, war die Leine beinahe unbeweglich geworden.

Die Ladeklappe lag auf der anderen Seite des Raumes, halb unter Wasser und von einem Regal blockiert, das sich diagonal dagegengelegt hatte.

Durch einen schmalen Spalt drang graues Abendlicht.

Es war der erste Blick nach draußen, den wir seit dem Einsturz hatten.

Der Gefreite griff nach dem Regal, doch seine Hände zitterten zu stark.

Ich versuchte, es anzuheben, während er die unterste Strebe zur Seite drückte.

Das Regal bewegte sich wenige Zentimeter und sank sofort wieder zurück.

Über uns begann der Hund erneut zu bellen, diesmal direkt über der hinteren Ecke des Raumes.

Dann bohrte sich etwas Helles durch die Decke.

Eine Metallspitze durchstieß die nasse Verkleidung, verschwand wieder und kam an derselben Stelle ein zweites Mal herunter.

Die Männer auf dem Dach schnitten eine Öffnung.

Staub, Dämmmaterial und schmutziges Wasser rieselten auf uns herab, bis ein faustgroßes Loch entstand.

Durch die Öffnung sah ich zuerst die Schnauze des Hundes.

Jemand zog ihn zurück, und unmittelbar danach erschien das Gesicht des Sanitäters.

Er musste sich auf dem Bauch bis an die Stelle geschoben haben, obwohl man ihn gerade erst aus dem Wasser gezogen hatte.

Seine Lippen bewegten sich, aber durch das Krachen des Gebäudes verstand ich kein Wort.

Er zeigte auf die Ladeklappe, dann nach links und schließlich mit zwei Fingern nach unten.

Der Gefreite folgte der Bewegung.

Unter dem Wasser links neben der Klappe ertastete er einen eingelassenen Griff.

Es war keine einfache Klappe, sondern ein zweiteiliges Tor, dessen unterer Verschluss im Boden saß.

Solange der Riegel eingerastet blieb, konnte das Regal nicht weit genug bewegt werden.

Ich tauchte ab.

Das Wasser war so trüb, dass ich meine eigenen Hände nicht sehen konnte.

Ich tastete an der Wand entlang, fand den Griff und zog, doch der Riegel saß unter Spannung fest.

Als ich wieder auftauchte, war der Sanitäter noch immer über uns.

Er hielt jetzt die rote Kordel hoch, an der zuvor die Verbandsschere befestigt gewesen war, und machte eine schleifenförmige Bewegung.

Ich verstand.

Wir führten das Rettungsseil durch den Bodengriff und zurück um die unterste Strebe des Regals.

Wenn die Männer auf dem Dach die Leine spannten, würde sie gleichzeitig den Riegel anheben und das Regal seitlich ziehen.

Doch dafür mussten wir die Verbindung zu unseren Gurten lösen.

Die Leine konnte entweder uns sichern oder die Klappe öffnen.

Nicht beides.

Über uns rief jemand, dass das Dach erneut nachgab.

Ein anderer befahl dem Sanitäter, von der Öffnung wegzukommen.

Er blieb liegen und hielt eine Hand in das Loch, als könnte allein seine ausgestreckte Hand verhindern, dass wir unter ihm verschwanden.

Ich löste den Knoten an meinem Gurt.

Der Gefreite legte seine Hand darüber.

„Wenn das Tor nicht aufgeht, haben wir nichts mehr.“

„Wenn das Dach fällt, ziehen wir sie mit hinein“, sagte ich.

Sein Blick ging nach oben zu dem Sanitäter.

Dann nahm er die Leine selbst von seinem Gurt und führte sie durch den Griff.

„Spannen!“, rief ich.

Das Seil straffte sich.

Der Bodengriff bewegte sich zunächst nicht, und die nassen Fasern schnitten in unsere Hände, während wir versuchten, die Schlaufe in Position zu halten.

Dann sprang der Riegel mit einem harten metallischen Knall auf.

Das Regal rutschte zur Seite.

Die Ladeklappe öffnete sich einen Spalt, und sofort schoss Wasser von außen herein.

Der Gefreite wurde von den Füßen gerissen und gegen mich geschleudert.

Wir hatten die Klappe entriegelt, aber zugleich den Druck freigesetzt, der hinter ihr gestanden hatte.

Die Leine lief so schnell durch den Bodengriff, dass Rauch von den Fasern aufzusteigen schien.

Ich packte sie mit beiden Händen, doch das freie Ende verschwand durch das Loch im Dach.

Für einen Moment waren wir weder miteinander verbunden noch mit den Männern über uns.

Die Strömung zog mich unter das umgekippte Regal.

Eine Metallkante verhakte sich in meiner Jacke, und das Wasser drückte mein Gesicht gegen den Boden.

Ich bekam einen Arm frei, aber nicht genug Raum, um die Verbandsschere zu erreichen.

Durch das Wasser spürte ich einen heftigen Ruck an meiner Schulter.

Der Gefreite hatte die halb zerrissene Jacke gepackt.

Die geöffnete Ladeklappe war nur wenige Schritte hinter ihm.

Er hätte sich von der nächsten Welle nach draußen tragen lassen können.

Stattdessen stemmte er den verletzten Fuß gegen die Wand, griff mit der anderen Hand nach der Schere und schnitt den Stoff durch, der mich am Regal festhielt.

Sein Gesicht tauchte kurz über mir auf.

„Ich kann noch zehn Sekunden warten“, presste er hervor.

Dann zerriss die Jacke.

Wir wurden gemeinsam zur Klappe gerissen.

Ich prallte gegen den Rahmen, bekam beide Hände an die Kante und hielt den Gefreiten am Ärmel fest, während das Wasser an seinen Beinen zog.

Draußen war keine freie Fläche, sondern ein schmaler, überfluteter Zwischenraum zwischen dem Lazarett und einer niedrigen Mauer.

Die Strömung lief dort schneller als im Gebäude.

Über uns bewegte sich der Hund am Dachrand entlang und bellte auf eine Stelle rechts von uns.

Dort hing das freie Ende der Rettungsleine vom Dach herab.

Der Sanitäter hatte es offenbar festgehalten, als es durch den Bodengriff gerutscht war, und die Männer hatten es außen an der Wand hinuntergelassen.

Der Gefreite stieß mich in diese Richtung.

„Du zuerst.“

„Diesmal nicht.“

Ich hielt seinen Gürtel fest, bis er die Leine greifen konnte.

Er schlang sie einmal um sein Handgelenk, packte dann meinen Unterarm und ließ nicht mehr los.

Die Männer auf dem Dach zogen, während wir uns mit den Füßen an der rauen Außenwand abstießen.

Die Leine hob uns nicht sauber nach oben.

Sie schleifte uns seitlich durch das Wasser bis zu einer flacheren Stelle, an der zwei Männer vom Dach heruntergeklettert waren und bis zur Hüfte in der Strömung standen.

Einer bekam den Gefreiten zu fassen.

Der andere griff nach mir.

In diesem Moment brach der Teil des Daches ein, unter dem wir wenige Sekunden zuvor gelegen hatten.

Die Luft wurde von Staub und Wasser erfüllt, der Hund wich bellend zurück, und die Ladeklappe verschwand unter einer Wand aus verbogenem Blech.

Die Männer zogen uns über die niedrige Mauer.

Der Gefreite landete auf der anderen Seite im Schlamm und rollte sofort herum.

Sein Blick suchte nicht mich.

Er suchte das Dach.

Der Sanitäter lag noch immer nahe der ausgeschnittenen Öffnung, zwei Männer neben ihm, der Hund wenige Schritte entfernt.

Er hob den Kopf, sah den Gefreiten hinter der Mauer und ließ ihn erst wieder sinken, als dieser den Arm hob.

Wenig später lagen beide auf Tragen unter einer provisorischen Überdachung.

Zwischen ihnen standen die drei Männer, die der Sanitäter am Atmen gehalten hatte, nicht mehr selbst, aber ihre gleichmäßigen Atemzüge waren unter den Decken zu erkennen.

Einer trug noch die Maske, die im überfluteten Behandlungsraum gefehlt hatte.

Ein anderer hatte den Verband um den Brustkorb, den der Sanitäter im steigenden Wasser angelegt hatte.

Der Gefreite fragte erst nach ihnen, bevor jemand seinen aufgeschnittenen Stiefel entfernte.

Der Sanitäter verstand die Worte vermutlich nicht vollständig, doch als die drei Tragen an ihm vorbeigeschoben wurden, zählte er sie mit den Fingern.

Eins.

Zwei.

Drei.

Erst danach schloss er die Augen.

Ich wollte die Rettungsleine von meinem Gurt lösen, doch der letzte Knoten hatte sich unter der Belastung so festgezogen, dass ich erneut die Verbandsschere brauchte.

Als ich die beschädigte Stelle durchtrennte, blieb ein ausgefranstes Stück von kaum einem Meter Länge in meiner Hand zurück.

Es war dieselbe Leine, die der Gefreite nicht benutzt hatte, solange der Sanitäter noch unter Wasser gewesen war.

Dieselbe Leine, die uns später an der Tür gehalten, den Riegel angehoben und beinahe das Dach mit den Rettern darauf hinuntergezogen hatte.

Ich legte sie neben die Trage des Gefreiten.

Der Sanitäter öffnete noch einmal die Augen und streckte langsam die Hand aus.

Seine Finger fanden zuerst den Ärmel des Gefreiten, genau wie im Schacht.

Dann schob der Gefreite das ausgefranste Seilstück zwischen ihre Hände.

Keiner von beiden sagte etwas.

Der Gefreite hielt ein Ende, der Sanitäter das andere, während zwischen ihnen die drei Männer vorbeigetragen wurden, die nur lebten, weil beide nacheinander beschlossen hatten, nicht zuerst an sich selbst zu denken.

Als ich später aufstand, um den Hund vom Rand des überschwemmten Geländes zurückzuholen, lag das Seil noch immer zwischen den beiden Tragen.

Es zog niemanden mehr aus dem Wasser.

Aber zum ersten Mal an diesem Abend musste auch niemand sein Ende loslassen.

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