Die Drohung Der Schwiegermutter: Ein Junge Oder Raus Aus Dem Haus-mejusnhi

Meine Schwiegermutter sagte mir, sie würde mich aus dem Haus werfen, wenn ich diesmal keinen Jungen zur Welt bringe.

Ich war 33, schwanger mit meinem vierten Kind, und ich lebte im Haus meiner Schwiegereltern, weil wir angeblich für eine eigene Wohnung sparten.

Angeblich ist ein bequemes Wort.

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Es klingt ordentlich.

Es klingt nach Plan, nach Konto, nach Verantwortung, nach zwei Erwachsenen, die vorübergehend Hilfe annehmen und später wieder auf eigenen Beinen stehen.

In unserem Fall war es ein Satz, den wir Freunden sagten, damit niemand fragte, warum mein Mann sich im Haus seiner Eltern wieder wie ein Junge benahm.

Seine Mutter kochte.

Sein Vater übernahm einen großen Teil der Rechnungen.

Mein Mann ließ sich bedienen, als hätte das Leben nur kurz Pause gemacht, damit er wieder Sohn sein durfte.

Ich war die Schwiegertochter, die morgens Brotdosen packte, Kinder zur Schule und in den Kindergarten brachte, Wäsche aus dem Keller holte, Termine sortierte, Einkaufszettel schrieb und nachts neben einem Mann lag, der seinen Wecker nie selbst stellte.

Das Haus war ordentlich.

Die Schuhe standen sauber an der Wand im Flur.

Die Pfandflaschen warteten in einer Kiste neben der Kellertür.

Am Kühlschrank hingen Stundenpläne, ein Zahnarzttermin, ein Elternabend und eine Einkaufsliste, auf der seine Mutter sogar „Sprudel“ mit Ausrufezeichen schrieb.

Ordnung gab es überall.

Nur nicht in dem, was man bei uns Familie nannte.

Unsere drei Töchter waren sieben, fünf und drei Jahre alt.

Die Große war vorsichtig, schon fast zu vernünftig für ihr Alter.

Sie merkte sofort, wenn Erwachsene anders atmeten.

Die Mittlere hatte Fragen zu allem.

Warum Brotkrusten hart werden.

Warum Opa immer vor den Nachrichten die Fernbedienung sucht.

Warum Oma manchmal „schade“ sagt, wenn jemand doch gar nichts kaputtgemacht hat.

Die Kleine lief gern barfuß durch den Flur, obwohl meine Schwiegermutter jedes Mal sagte, der Boden sei zu kalt.

Für mich waren sie drei ganze Welten.

Für meine Schwiegermutter waren sie drei Versuche, die nicht geglückt waren.

„Drei Mädchen“, sagte sie oft.

Nie laut genug, dass man ihr eine Szene vorwerfen konnte.

Immer laut genug, dass ich es hörte.

Beim ersten Kind hatte sie noch so getan, als meine sie es gut.

„Blamier den Familiennamen nicht“, sagte sie, als ich zum ersten Mal schwanger war.

Ich dachte damals, sie sei nervös.

Ich dachte, manche Menschen redeten hart, wenn sie Angst hatten.

Nach der Geburt unserer ersten Tochter kam sie ins Krankenhauszimmer, sah in das kleine Gesicht und sagte: „Na ja. Vielleicht beim nächsten Mal.“

Mein Mann lachte kurz, als wäre das ein schlechter Witz, den man aus Höflichkeit durchgehen lässt.

Ich wartete darauf, dass er danach etwas Richtiges sagte.

Er sagte nichts.

Bei der zweiten Tochter war meine Schwiegermutter schon offener.

Sie stand im Flur der Entbindungsstation, die Handtasche ordentlich über dem Arm, und murmelte: „Manche Frauen können eben keine Söhne bekommen.“

Ich war müde, wund, voller Milch, und ich hielt ein neugeborenes Kind an meiner Brust.

Ich hatte keine Kraft für Klartext.

Also schluckte ich es herunter.

Bei der dritten Tochter gab sie sich keine Mühe mehr.

Sie beugte sich über den Kinderwagen, strich dem Baby über die Mütze und sagte: „Drei Mädchen. Was für ein Jammer.“

Das Kind gähnte.

Ich sah meinen Mann an.

Er sah auf sein Handy.

Manchmal beginnt Verachtung nicht mit einem Schlag auf den Tisch.

Manchmal beginnt sie mit dem Schweigen eines Menschen, der genau weiß, dass er reden müsste.

Als ich zum vierten Mal schwanger wurde, veränderte sich die Luft im Haus.

Nicht wärmer.

Nicht freundlicher.

Eher geschäftiger.

Als hätten sie eine Bestellung aufgegeben und warteten jetzt auf die Lieferung.

Seine Mutter nannte das Baby „den Erben“, bevor die ersten zwölf Wochen vorbei waren.

Sie schickte meinem Mann Artikel darüber, wie man angeblich Jungen bekommt.

Sie druckte Tabellen aus.

Sie legte Listen mit Nahrungsergänzungsmitteln neben die Kaffeemaschine.

Sie sprach über ein blaues Kinderzimmer, als hätte sie bereits den Schlüssel zu einem Raum, in dem ich nur noch die Möbel abwischen sollte.

Mein Körper wurde in diesem Haus nicht mehr als Körper behandelt.

Er war ein Projekt.

Ein Fehlerbericht.

Eine Maschine, die endlich richtig funktionieren sollte.

Mein Mann machte mit.

Nicht so laut wie seine Mutter.

Das war seine Art.

Er ließ andere das Schmutzige sagen und setzte dann ein Grinsen daneben.

Beim Abendbrot sagte er: „Vierter Versuch. Vermassel es nicht.“

Unsere Große saß am Tisch und starrte auf ihr Brot.

Die Mittlere fragte, was „vermasseln“ bedeutet.

Die Kleine klopfte mit ihrem Löffel gegen den Becher, bis meine Schwiegermutter ihr die Hand festhielt.

Ich sagte meinem Mann später im Flur, dass er so nicht reden soll.

Er winkte ab.

„Du bist nur hormonell. Beruhig dich.“

Dieses Wort wurde zu seiner bequemsten Schublade.

Wenn ich müde war, war ich hormonell.

Wenn ich weinte, war ich hormonell.

Wenn ich sagte, dass seine Mutter unsere Töchter verletzte, war ich hormonell.

Wenn ich ihn bat, ein Vater zu sein, war ich auch hormonell.

So muss man sich nicht mit dem Inhalt beschäftigen.

Man klebt ein Etikett auf die Frau und stellt sie beiseite.

An dem Abend, an dem alles kippte, roch die Küche nach Roggenbrot, Käse und dem scharfen Essig der eingelegten Gurken, die sein Vater gern aß.

Die Sprudelflasche stand offen auf dem Tisch.

Die Küchenuhr zeigte kurz nach sieben.

Die Mädchen waren nach oben geschickt worden, obwohl sie noch nicht müde waren.

Meine Schwiegermutter hatte es in diesem Ton gesagt, der keine Bitte und keine Diskussion war.

„Geht spielen. Erwachsene reden.“

Die Große sah zu mir.

Ich nickte, weil ich noch nicht wusste, was kommen würde.

Oder weil ich es wusste und hoffte, es würde nicht vor ihnen passieren.

Das ist eine Lüge, die Mütter manchmal sich selbst erzählen, damit sie weiteratmen können.

Ich setzte mich mit einer Hand auf dem Bauch.

Mein Mann saß neben seiner Mutter.

Sein Vater saß am Kopf des Tisches und schnitt sein Brot in viel zu kleine Stücke.

Meine Schwiegermutter faltete ihre Serviette einmal, dann noch einmal.

Dann sah sie mich an.

Nicht wütend.

Nicht außer Kontrolle.

Ganz ruhig.

„Wenn dieses Baby kein Junge ist, fliegst du mit deinen drei Töchtern aus meinem Haus.“

Der Satz stand im Raum, als hätte sie ihn schon lange geprobt.

Ich hörte oben ein kurzes Lachen der Kleinen.

Dann das Rollen eines Spielzeugautos.

Dann Stille.

Mein Mann schaute mich an, und sein Mund verzog sich.

„Also, wann gehst du?“

Ich weiß nicht, welche Antwort er erwartet hatte.

Vielleicht Tränen.

Vielleicht Betteln.

Vielleicht eine dieser langen Erklärungen, in denen ich wieder einmal versuche, ihm beizubringen, dass seine Töchter Menschen sind.

Ich gab ihm nichts davon.

Ich legte meine Hand fester auf meinen Bauch.

Ich sah zuerst seine Mutter an.

Dann ihn.

„Meinst du das auch für deine drei Töchter?“

Er hörte auf zu kauen.

Ein kleiner Moment.

Nur ein Sekundenbruchteil.

Aber nach Jahren mit einem Menschen kennt man seine Pausen.

Er suchte eine Antwort, die weder ehrlich noch angreifbar war.

Seine Mutter griff nach seinem Handy, weil auf dem Display gerade eine neue Nachricht aufleuchtete.

Ich sah genug.

Ein Foto.

Hellblaues Muster.

Kinderzimmer.

Darunter ein Satzanfang, den ich nicht ganz lesen konnte.

Aber ich musste ihn nicht ganz lesen.

Ich wusste, was da stand.

Ich hatte die Ausdrucke gesehen.

Die Listen.

Die Artikel.

Die scheinbar sachlichen Empfehlungen, die alle dasselbe sagten: Wenn es wieder ein Mädchen wird, liegt es an dir.

Ich griff nicht nach dem Handy.

Ich öffnete meine Tasche und zog meinen Mutterpass heraus.

Die Hülle war an den Ecken etwas weich geworden, weil ich sie seit Wochen überallhin mitnahm.

Nicht aus Sentimentalität.

Aus Vorsicht.

Zwischen den Seiten steckte die Terminkarte für den nächsten Vorsorgetermin.

Daneben hatte ich einen gefalteten Zettel gelegt, auf dem ich mir Fragen notiert hatte, die ich meiner Frauenärztin stellen wollte.

Nicht darüber, wie man einen Jungen bekommt.

Darüber, wie man ruhig bleibt, wenn Erwachsene Kindern das Gefühl geben, falsch geboren zu sein.

Mein Schwiegervater stellte sein Glas ab.

Die Sprudelflasche klirrte leicht dagegen.

Es war das erste Geräusch, das nicht aus dem Mund meiner Schwiegermutter kam.

Sie sah ihn sofort an.

Das tat sie immer, wenn jemand im Raum nicht mehr genau an der Stelle stand, an der sie ihn haben wollte.

„Was soll das jetzt werden?“, fragte sie mich.

„Klartext“, sagte ich.

Das Wort kam leiser heraus, als ich dachte.

Aber es reichte.

Ich legte den Mutterpass auf den Tisch, nicht geöffnet, nur sichtbar.

„Ich frage ihn, ob er seine drei Töchter rauswirft, wenn das Baby nicht das ist, was ihr bestellt habt.“

Mein Mann lachte kurz.

Es war kein echtes Lachen.

Es war das Geräusch eines Mannes, der sich daran erinnert, dass er Zuschauer hat.

„Du drehst völlig durch.“

„Nein“, sagte ich.

Mehr nicht.

Ich hatte zu viele Jahre damit verbracht, mich zu verteidigen.

An diesem Abend wollte ich nur, dass er sich selbst hörte.

Die Treppe knarrte.

Unsere Große stand auf der dritten Stufe von oben.

Sie hatte den Schlafanzug noch nicht an.

Ihre Haare waren feucht vom Waschen und klebten in einzelnen Strähnen am Gesicht.

„Mama?“, fragte sie.

Mein Mann drehte sich nicht zu ihr um.

Seine Mutter schon.

„Nach oben“, sagte sie scharf.

Da passierte etwas, das ich nicht geplant hatte.

Die Mittlere erschien hinter ihrer Schwester.

Dann die Kleine, mit der Puppendecke im Arm.

Drei Mädchen auf einer Treppe.

Drei kleine Körper, die ihre Namen nicht in einer Erbfolge fanden, sondern in meinen Augen.

„Bleibt da“, sagte ich.

Meine Stimme zitterte nicht.

Das wunderte mich selbst.

Mein Mann sah mich an, als hätte ich gerade eine Regel gebrochen, die nie aufgeschrieben war, aber immer gegolten hatte.

Kinder sollten nicht hören, wie Erwachsene über sie sprachen.

Vielleicht.

Aber Kinder hören sowieso.

Sie hören durch Türen.

Sie hören Pausen.

Sie hören die Art, wie eine Oma „schade“ sagt.

Sie hören, wenn der eigene Vater nicht widerspricht.

Ich fragte ihn noch einmal.

„Meinst du das auch für deine drei Töchter?“

Diesmal konnte er nicht grinsen.

Nicht mit ihnen auf der Treppe.

Nicht mit dem Mutterpass auf dem Tisch.

Nicht mit seinem Vater, der die Augen endlich gehoben hatte.

Er sagte: „Es geht nicht um sie.“

Das war die falsche Antwort.

Meine Große verstand es sofort.

Ich sah, wie ihr Gesicht klein wurde.

Nicht kindlich.

Klein.

Als würde sie versuchen, weniger Raum einzunehmen.

Ich stand langsam auf.

Mein Stuhl schob sich über den Boden.

Keine große Geste.

Kein Teller flog.

Kein Glas zerbrach.

Nur dieses Scharren von Holz, das in einer ordentlichen Küche unanständig laut klingt.

„Doch“, sagte ich. „Es geht die ganze Zeit um sie.“

Meine Schwiegermutter presste die Lippen zusammen.

„Du wirst meine Geduld nicht gegen mich verwenden.“

Ich sah sie an.

„Sie haben keine Geduld mit mir. Sie haben eine Bedingung.“

Sie griff nach dem Ausdruck mit dem blauen Kinderzimmermuster.

Vielleicht wollte sie ihn wegnehmen.

Vielleicht wollte sie beweisen, dass ein Stück Papier harmlos ist.

Aber seine Farbe war nicht harmlos.

Nicht in diesem Haus.

Nicht nach all den Sätzen.

Mein Mann stand jetzt auch auf.

„Setz dich“, sagte er.

Es war das erste Mal an diesem Abend, dass seine Stimme hart wurde.

Nicht, weil seine Mutter mich bedroht hatte.

Sondern weil ich nicht mehr an meinem Platz blieb.

Ich nahm den Mutterpass vom Tisch und steckte ihn zurück in meine Tasche.

Dann ging ich zur Treppe.

Die Kleine streckte mir ihre Puppendecke entgegen, als wäre das etwas, das man in einer Krise braucht.

Vielleicht hatte sie recht.

Ich kniete mich vor die Mädchen, so gut es mit meinem Bauch ging.

„Zieht euch bitte eure Jacken an“, sagte ich.

Die Mittlere fragte sofort: „Gehen wir spazieren?“

Ich sah sie an.

„Wir gehen raus.“

Das war nicht der ganze Plan.

Aber es war der erste ehrliche Satz des Abends.

Hinter mir begann meine Schwiegermutter zu reden.

Schnell.

Kontrolliert.

So klingt jemand, der merkt, dass ein Zimmer nicht mehr gehorcht.

„Du machst dich lächerlich. Du hast kein Recht, hier so aufzutreten. Du wohnst unter meinem Dach.“

Ich drehte mich um.

„Genau.“

Ein einzelnes Wort kann manchmal mehr tragen als eine Rede.

Sein Vater stand jetzt auf.

Er sagte nicht viel.

Er war nie der Mann für große Sätze gewesen.

Aber er ging zum Flur, nahm die Kinderjacken von den Haken und reichte sie der Großen.

Diese Bewegung traf meine Schwiegermutter härter als jedes Argument.

Nicht, weil sie laut war.

Weil sie praktisch war.

Weil sie half.

Mein Mann sah seinen Vater an.

„Was machst du?“

Sein Vater antwortete nicht sofort.

Er sah auf die drei Mädchen.

Dann auf mich.

Dann auf seinen Sohn.

„Ich schaue nicht noch einmal weg“, sagte er.

Das war keine Rettung.

Es machte die letzten Jahre nicht ungeschehen.

Aber es war ein Riss in der Wand, gegen die ich so lange gesprochen hatte.

Wir gingen nicht endgültig in dieser Minute.

Das ist wichtig.

Geschichten klingen im Nachhinein gern sauberer, als sie waren.

Ich hatte keine gepackten Koffer an der Tür.

Ich hatte keine perfekte Lösung.

Ich hatte drei Kinder, einen Bauch, eine Tasche mit Mutterpass und ein Herz, das so hart schlug, dass mir fast schlecht wurde.

Wir gingen eine Runde um den Block.

Die Mädchen liefen nah bei mir.

Die Große trug die Jacke der Kleinen über dem Arm, weil die Kleine sie nach fünf Minuten wieder ausgezogen hatte.

Die Mittlere fragte unterwegs, ob Oma uns nicht mehr mag.

Ich hätte lügen können.

Ich tat es nicht.

„Oma hat etwas sehr Falsches gesagt“, sagte ich. „Und Papa auch.“

Sie fragte: „Sind wir falsch?“

Da blieb ich auf dem Gehweg stehen.

Ein Fahrrad fuhr an uns vorbei.

Irgendwo klapperte eine Pfandkiste.

Ich ging in die Hocke und nahm ihre Hände.

„Nein“, sagte ich. „Nie.“

Das war der Satz, den ich ihnen schon viel früher hätte sagen sollen, nicht nur als Trost, sondern als Regel.

Als wir zurückkamen, war die Küche aufgeräumt.

Das machte mich wütender als ein Chaos es getan hätte.

Der Brotkorb war weg.

Die Teller waren gespült.

Der Ausdruck mit dem blauen Zimmermuster lag nicht mehr auf dem Tisch.

Als könnte man den Abend abwischen.

Als wäre eine Drohung nur ein Fleck.

Mein Mann wartete im Flur.

„Hast du dich beruhigt?“, fragte er.

Ich sah ihn an, und auf einmal war da keine Hoffnung mehr, dass er den Satz zurücknimmt.

Nicht an diesem Abend.

Vielleicht nie.

„Nein“, sagte ich. „Ich habe aufgehört, mich beruhigen zu lassen.“

In den nächsten Tagen schlief ich kaum.

Ich tat, was ich immer tat.

Ich brachte die Kinder weg.

Ich holte sie ab.

Ich packte Brotdosen.

Ich faltete Wäsche.

Ich lächelte bei Nachbarn im Treppenhaus der Schule, weil nicht jede Wahrheit auf jeden Gehweg gehört.

Aber abends, wenn die Kinder schliefen, sortierte ich.

Nicht dramatisch.

Nicht mit Musik.

Papier für Papier.

Geburtsurkunden.

Krankenversicherungskarten.

Mutterpass.

Sparbuch der Großen.

Kleine Fotos, die die Mädchen gemalt hatten.

Ich nahm keine Dinge, die mir nicht gehörten.

Ich nahm, was man braucht, wenn man mit drei Kindern und einem ungeborenen Kind nicht mehr unter einem Dach leben kann, unter dem Liebe an ein Geschlecht gebunden wird.

Mein Mann bemerkte es erst, als ich die Winterstiefel der Mädchen aus dem Keller holte.

„Was soll das?“, fragte er.

„Vorbereitung.“

Er lachte wieder.

Dieses Mal hielt es kürzer.

„Wohin willst du denn?“

Ich sagte ihm nicht sofort, dass ich die kleine Wohnung nicht gefunden hatte, weil ich stark war.

Ich fand sie, weil ich endlich zugegeben hatte, dass ich Hilfe brauchte, aber nicht von Menschen, die Hilfe als Leine benutzen.

Keine perfekte Wohnung.

Kein Neuanfang wie aus einem Film.

Zwei Zimmer, ein enger Flur, eine Küche, in der der Tisch an die Wand musste, damit alle sitzen konnten.

Aber an der Tür hing kein Satz wie eine Drohung.

Und niemand nannte meine Kinder einen Jammer.

Der Vorsorgetermin kam drei Tage später.

Ich ging allein.

Meine Frauenärztin fragte, ob alles in Ordnung sei, und ich sagte zum ersten Mal nicht automatisch ja.

Ich erzählte nicht die ganze Geschichte.

Nur genug.

Den Satz.

Die Bedingung.

Das Grinsen meines Mannes.

Sie hörte zu, ohne mich zu unterbrechen.

Dann sagte sie sachlich, ruhig, fast trocken, dass kein Nahrungsergänzungsmittel und keine blaue Wandfarbe aus einem Kind einen Beweis für den Wert einer Familie machen.

Ich musste nicht weinen, als sie das sagte.

Gerade deshalb hätte ich fast geweint.

Im Mutterpass stand danach nichts, was meine Schwiegermutter besitzen konnte.

Kein Triumph.

Keine Entschuldigung.

Keine Erlaubnis für irgendjemanden, meine Töchter gegen ein ungeborenes Baby aufzurechnen.

Als ich nach Hause kam, saß mein Mann im Wohnzimmer seiner Eltern.

Seine Mutter hatte die Arme verschränkt.

Vor ihr lag der blaue Ausdruck wieder, glattgestrichen.

„Und?“, fragte sie.

Nur ein Wort.

Aber das ganze Haus hielt den Atem an.

Ich hängte meine Jacke auf.

Ich zog die Schuhe aus, stellte sie ordentlich neben die der Mädchen und legte den Mutterpass auf die Kommode.

„Ich bespreche medizinische Termine nicht mehr an einem Tisch, an dem meine Kinder Bedingungen erfüllen müssen.“

Mein Mann stand auf.

„Du kannst nicht einfach entscheiden.“

„Doch“, sagte ich. „Über meine Termine. Über meine Unterlagen. Über die Kinder, wenn jemand ihnen sagt, dass sie weniger wert sind.“

Seine Mutter lachte scharf.

„Du überschätzt dich.“

Vielleicht hatte sie damit sogar einmal recht gehabt.

Ich hatte jahrelang geglaubt, ich müsse erst stärker werden, bevor ich gehen kann.

Aber manchmal geht man nicht, weil man stark ist.

Man geht, weil Bleiben den Kindern beibringt, dass Schwäche Liebe heißt.

Am Samstag zog ich mit den Mädchen aus.

Nicht mit einem Lastwagen.

Nicht mit einer Szene im Hof.

Mit Taschen, Kisten und dem alten Kinderwagen, den meine Schwiegermutter immer hässlich gefunden hatte.

Sein Vater trug die schwerste Kiste bis zum Auto.

Er sagte nicht viel.

Aber als meine Schwiegermutter im Flur stand und „undankbar“ zischte, stellte er die Kiste ab und sah sie an.

„Genug.“

Ein Wort.

Wieder praktisch.

Wieder spät.

Aber nicht wertlos.

Mein Mann kam bis zur Haustür.

Er sah nicht die Mädchen an.

Er sah auf die Taschen.

Auf die Arbeit, die jetzt fehlte.

Auf die Ordnung, die nicht mehr von selbst passieren würde.

„Du wirst zurückkommen“, sagte er.

Ich hielt die Hand der Kleinen.

Die Mittlere hatte ihren Rucksack verkehrt herum auf.

Die Große trug den Ordner mit ihren Schulzetteln, so vorsichtig, als wäre er aus Glas.

„Nicht wegen eines Jungen“, sagte ich. „Nicht wegen eines Mädchens. Nicht wegen dir.“

Er verstand den Satz nicht sofort.

Vielleicht verstand er ihn gar nicht.

Aber meine Große verstand ihn.

Sie hob den Kopf.

In der neuen Wohnung stellten wir den Küchentisch an die Wand.

Die Brötchentüte lag am ersten Morgen direkt auf der Fensterbank, weil es noch keinen richtigen Platz gab.

Die Kleine klebte ein Bild an den Kühlschrank, das immer wieder herunterfiel.

Die Mittlere fragte, ob das Baby auch hier wohnen darf, egal was es wird.

Ich sagte: „Ja.“

Die Große schaute mich dabei an.

Nicht klein.

Nicht vorsichtig.

Nur müde.

Und ein bisschen sicherer als am Abend zuvor.

Später fand ich in einer Tasche den gefalteten Zettel mit den Fragen für die Frauenärztin.

Ich hätte ihn wegwerfen können.

Stattdessen legte ich ihn in den Mutterpass.

Nicht als Beweis gegen irgendjemanden.

Als Erinnerung an den Abend, an dem ich begriff, dass man Kinder nicht vor jeder hässlichen Wahrheit schützen kann.

Aber man kann verhindern, dass sie darin wohnen müssen.

Meine Schwiegermutter hatte gesagt: „Wenn dieses Baby kein Junge ist, fliegst du mit deinen drei Töchtern aus meinem Haus.“

Am Ende war es nicht ihr Haus, das über uns entschied.

Es war meine Antwort.

Und meine Antwort war, dass keine meiner Töchter jemals wieder an einem Abendbrottisch sitzen sollte, an dem ihr Wert wie eine falsche Lieferung behandelt wurde.

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