Der Strom Sollte Abgestellt Werden, Doch Im Wohnzimmer Stand Der Welpe-mejusnhi

Der Auftrag stand an einem Montagmorgen ganz oben auf seiner Liste.

Keine Sondermarkierung.

Kein rotes Warnfeld.

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Nur eine Wohnung, eine offene Rechnung und ein Zähler, der laut System noch an diesem Vormittag vom Netz getrennt werden sollte.

Er arbeitete für die Stadtwerke und hatte gelernt, seine Arbeit nicht mit fremden Lebensgeschichten zu verwechseln.

Das klang hart, aber es war die einzige Art, mit der man diesen Dienst länger als ein paar Wochen aushielt.

Wer zu viel fragte, hörte zu viel.

Wer zu viel hörte, nahm die Gesichter mit nach Hause.

Und wer die Gesichter mit nach Hause nahm, saß irgendwann beim eigenen Abendbrot und starrte auf den Teller, weil irgendwo in einem anderen Haus ein Kühlschrank nicht mehr lief.

Der Zettel auf seinem Klemmbrett war klar.

Drei Monate Rückstand.

Mehrere Mahnungen.

Kein Zahlungseingang.

Sperrankündigung zugestellt.

Das System mochte keine Grauzonen.

Es kannte Eingabefelder, Fristen, Codes und Kästchen.

Es kannte kein Zittern an einem Türrahmen.

Der Mitarbeiter parkte vor dem Mehrfamilienhaus, nahm seine Tasche vom Beifahrersitz und sah kurz auf die Uhr.

Pünktlichkeit war in seinem Beruf kein Charakterzug.

Sie war Teil des Ablaufs.

Wenn die Frist abgelaufen war, fuhr jemand los.

Wenn der Zähler geprüft war, wurde die Sperre eingetragen.

Wenn der Code bestätigt war, war der Strom weg.

So einfach war das auf Papier.

Im Treppenhaus roch es nach feuchtem Stein, alten Schuhen und dem schwachen Rest von Kaffee.

Neben den Briefkästen hing ein vergilbter Aushang zur Hausordnung.

Der Putzplan war mit Linealstrichen gezogen, ordentlich, fast streng.

Vor Wohnung 2C blieb er stehen.

Er klopfte.

Einmal.

Dann noch einmal, etwas leiser.

Von innen kam kein schneller Schritt.

Kein Ruf.

Nur dieses Warten, das in alten Wohnungen manchmal schwerer klingt als Lärm.

Als die Tür aufging, stand ein 79-jähriger Mann vor ihm.

Er war schmal, aber nicht gebeugt.

Sein Rücken hielt eine alte Gewohnheit fest, die vermutlich aus Werkhallen, Bahnsteigen und langen Schichten stammte.

Früher, so stand es in der Akte nicht, aber die Nachbarn hatten es einmal erwähnt, war er Zugmechaniker gewesen.

Ein Mann, der sein Leben lang Maschinen verstanden hatte.

Ein Mann, der vermutlich aus einem Geräusch heraushören konnte, ob ein Lager bald nachgab.

Jetzt hielt er sich mit zwei Fingern am Türrahmen fest.

„Ich weiß, warum Sie hier sind“, sagte er.

Seine Stimme war nicht wütend.

Das machte es schlimmer.

„Bitte… nur noch ein bisschen Zeit.“

Der Mitarbeiter zeigte seinen Ausweis und erklärte den Ablauf.

Er sagte die Worte, die er immer sagte.

Prüfung des Zählers.

Offene Forderung.

Letzte Frist.

Mögliche Unterbrechung der Versorgung.

Er sprach sachlich, denn Sachlichkeit war manchmal die einzige Höflichkeit, die übrig blieb.

Der alte Mann trat zur Seite.

„Kommen Sie rein.“

Die Wohnung war kühl.

Nicht nur sparsam beheizt.

Kühl auf eine Art, die in Möbel zog, in Stoff, in Wände.

Im Flur standen sauber geputzte Schuhe, ordentlich nebeneinander.

Daneben lag ein alter Schlüsselbund in einer kleinen Schale.

Auf einer Kommode stand ein Wecker, obwohl an der Küchenwand eine Uhr hing.

Alles hatte seinen Platz.

Nur Wärme fehlte.

Der Mitarbeiter ging nicht sofort zum Zähler.

Er sah die Küche, weil man sie vom Flur aus sehen konnte.

Auf dem Tisch lag ein geöffneter Brief vom Krankenhaus.

Nicht versteckt.

Nicht dramatisch ausgebreitet.

Einfach da, als habe der Mann ihn gelesen, gefaltet, wieder geöffnet und dann nicht mehr gewusst, wohin damit.

Neben dem Brief stand ein Glas Wasser.

Daneben eine Tablettenpackung.

Die Packung war nicht leer, aber fast.

Der Mitarbeiter wandte den Blick ab.

Er hatte kein Recht darauf.

Das sagte er sich zumindest.

Sein Auftrag galt dem Stromzähler.

Nicht dem Kühlschrank.

Nicht dem Krankenhausbrief.

Nicht der Frage, ob ein alter Mann seine Medikamente noch rechtzeitig holte.

Im Wohnzimmer brannte kein Licht.

Die Gardinen waren nicht ganz zugezogen, aber der Tag draußen war grau, und das Grau machte den Raum kleiner.

Der Zählerkasten war im Flur neben der Abstellkammer.

Er öffnete ihn, las die Nummer ab und verglich sie mit dem Formular.

Alles stimmte.

Die Zahlen stimmten fast immer.

Menschen nicht.

Menschen passten selten so sauber in die Spalten, die für sie vorgesehen waren.

Er zog sein Gerät aus der Tasche.

Der Bildschirm sprang an.

Das Feld für den Sperrcode war noch nicht aktiv, aber es wartete schon.

Ein kurzer Prozess.

Ein paar Fingerbewegungen.

Ein bestätigender Ton.

Danach hätte das Haus für ihn wieder ein Punkt auf der Liste weniger sein können.

Dann hörte er ein leises Summen.

Erst dachte er, es sei der alte Kühlschrank.

Aber der Kühlschrank klang anders.

Dieses Geräusch war gleichmäßiger, heller, fast vorsichtig.

Er sah zum alten Mann.

Der stand im Flur und sagte nichts.

„Was ist das?“, fragte der Mitarbeiter.

Der alte Mann schloss kurz die Augen.

Nicht aus Trotz.

Eher, als habe er gehofft, diese Frage würde nicht kommen.

„Im Wohnzimmer“, sagte er.

Der Mitarbeiter ging zur Tür.

Dort stand in der Ecke ein kleiner tiermedizinischer Inkubator.

Er war an eine Steckdosenleiste angeschlossen, die auf einem niedrigen Tisch lag.

Das Kabel war nicht achtlos hingeworfen, sondern sauber geführt, mit einem Stück Klebeband am Boden fixiert, damit niemand stolperte.

In dem Inkubator lag ein Welpe.

Winzig.

So klein, dass man im ersten Moment gar nicht verstand, wie viel Leben in so wenig Körper passen sollte.

Er war in eine alte Wolldecke gewickelt.

Die Decke war ausgewaschen, an einer Ecke dünn, aber sorgfältig gefaltet.

Neben dem Gerät lag ein kleiner Schlauch.

Auf dem Fensterbrett standen Futterreste in einer Schale, eine Spritze ohne Nadel und eine Schachtel Medikamente.

Zwei kleine Fläschchen waren leer.

Der Mitarbeiter beugte sich nicht sofort vor.

Er blieb stehen, weil ihm plötzlich klar wurde, dass ein Schritt in diesem Raum mehr bedeutete als eine Prüfung.

Der alte Mann trat neben ihn.

„Ich habe ihn am Bahnhof gefunden“, sagte er.

Er sagte es ohne Pathos.

Als würde er eine Uhrzeit nennen.

„In einem Karton. Jemand hatte ihn einfach dort abgestellt.“

Der Mitarbeiter sah den Welpen an.

Der Körper hob sich kaum sichtbar unter der Decke.

„Die Tierärztin meinte, er muss warm bleiben“, sagte der alte Mann weiter. „Rund um die Uhr. Sonst schafft er es nicht.“

Er schluckte.

„Ich habe nicht viel.“

Dann kam der Satz, der später in keinem Formular stehen würde.

„Aber ich mache, was ich kann.“

Der Mitarbeiter hätte jetzt nicken können.

Er hätte den Blick senken und sagen können, dass ihm die Hände gebunden seien.

Diesen Satz hatte er oft gehört.

Manchmal von Kollegen.

Manchmal von Menschen, die sich hinter Vorschriften versteckten.

Manchmal auch von sich selbst.

Die Hände sind selten wirklich gebunden.

Oft sind sie nur dort, wo es bequemer ist, sie nicht zu bewegen.

Der Welpe öffnete die Augen.

Nur für einen Moment.

Ein winziger, milchiger Blick.

Dann bewegte sich der Schwanz unter der Decke, so schwach, dass man es fast für einen Fehler des Lichts gehalten hätte.

Der Mitarbeiter atmete flacher.

Auf der Fensterbank stand die Medikamentenschachtel des Welpen ordentlich neben einer anderen Packung.

Diese zweite Packung gehörte nicht dem Tier.

Das erkannte man sofort.

Andere Größe.

Andere Beschriftung.

Andere Wirklichkeit.

Das Nachfülldatum war überschritten.

Er sah zum alten Mann.

„Und Ihre Medikamente?“

Die Frage war heraus, bevor seine dienstliche Stimme sie bremsen konnte.

Der alte Mann lächelte.

Nicht fröhlich.

Nur müde.

„Mein Herz hat 79 Jahre durchgehalten“, sagte er. „Er ist erst ein paar Tage alt.“

Danach wurde es still.

Nicht diese leere Stille, die entsteht, wenn niemand etwas zu sagen hat.

Sondern eine volle Stille.

Eine, in der alles gesagt war und genau deshalb niemand sofort weiterreden konnte.

Der Mitarbeiter ging zurück in den Flur.

Er musste Abstand zu dem Inkubator bekommen, sonst hätte er vielleicht etwas Unüberlegtes gesagt.

Die Wohnungstür blieb einen Spalt offen.

Er hörte den alten Mann im Wohnzimmer leise atmen.

Er hörte das Summen des Geräts.

Er hörte irgendwo im Haus eine Tür zufallen.

Auf seinem Display wartete das Feld für den Sperrcode.

Sein Daumen schwebte darüber.

Er konnte den Code eingeben und später erklären, dass die Akte korrekt gewesen sei.

Er konnte in seinen Dienstwagen steigen, den nächsten Auftrag öffnen und so tun, als sei das Summen im Wohnzimmer nur ein Geräusch unter vielen gewesen.

Er konnte auch das tun, was in keiner Arbeitsanweisung als erste Lösung stand.

Er sperrte den Bildschirm.

Dann holte er sein privates Handy heraus.

Der erste Anruf ging an seinen Vorgesetzten.

Er begann nicht mit einer Bitte.

Er begann mit Fakten.

Ein 79-jähriger Bewohner.

Ein angeschlossenes Wärmegerät.

Ein neugeborenes Tier, das laut tierärztlicher Aussage auf konstante Wärme angewiesen war.

Ein Krankenhausbrief auf dem Tisch.

Eine mögliche Härtefallprüfung.

Eine technische Rückstellung, bis die Lage geklärt war.

Am anderen Ende der Leitung sagte sein Vorgesetzter lange nichts.

Der Mitarbeiter kannte dieses Schweigen.

Es war das Schweigen eines Menschen, der bereits wusste, welche Antwort richtig war, aber noch suchte, wie sie in ein Verfahren passte.

„Steht das Gerät tatsächlich dort?“, fragte der Vorgesetzte.

„Ja.“

„Und der Mann hat keinen anderen Anschluss?“

„Nein.“

„Können Sie das verantworten?“

Der Mitarbeiter sah auf die Tür von Wohnung 2C.

Dann auf das Formular.

Dann auf seine eigene Hand, die immer noch das Telefon hielt.

„Ja“, sagte er.

Das war kein lautes Wort.

Aber es reichte.

Der Vorgesetzte atmete hörbar aus.

„Dann tragen Sie zunächst eine technische Prüfung ein. Keine Abschaltung heute. Ich will bis Dienstschluss eine saubere Notiz.“

„Bekommen Sie.“

„Und übertreiben Sie es nicht.“

Der Mitarbeiter sagte nichts darauf.

Manche Sätze muss man nicht beantworten.

Der zweite Anruf ging an einen Tierschutzverein.

Er erklärte die Lage wieder sachlich.

Bahnhof.

Karton.

Tierärztin.

Inkubator.

Kein Futtervorrat.

Am anderen Ende wurde nicht lange diskutiert.

Jemand fragte nach der Adresse, nach dem ungefähren Alter des Welpen und ob der Mann bereit sei, Hilfe anzunehmen.

Der Mitarbeiter sah auf die halb offene Tür.

„Er wird sie annehmen“, sagte er. „Wenn man es ihm nicht wie Almosen hinstellt.“

Das war wichtig.

Er hatte genug Wohnungen gesehen, um zu wissen, dass Armut nicht automatisch Würde nimmt.

Manche Menschen verlieren eher Essen, Wärme und Schlaf, bevor sie zulassen, dass jemand ihnen das letzte Stück Würde aus der Hand reißt.

Der dritte Anruf ging an die Apotheke in der Nähe.

Dort war man zuerst vorsichtig.

Das musste so sein.

Medikamente waren keine Brötchen, die man einfach über den Tresen reichte.

Der Mitarbeiter nannte keine Diagnose.

Er nannte keinen Befund.

Er sagte nur, dass ein älterer Mann offenbar eine notwendige Nachfüllung verpasst hatte und dass er nicht wisse, ob es um Geld, Kraft oder beides gehe.

Die Stimme in der Apotheke wurde weicher.

Man könne nichts versprechen, sagte sie.

Aber man könne prüfen, ob ein Rezept vorliege, ob eine Lieferung möglich sei und ob jemand den Mann anrufen dürfe.

Das genügte.

Mehr hatte er nicht erwartet.

Als er das Telefon senkte, öffnete sich im Flur die Nachbartür einen Spalt.

Eine ältere Frau sah heraus.

Sie hatte das Klemmbrett gesehen.

Natürlich hatte sie es gesehen.

In einem Mehrfamilienhaus sieht niemand alles, aber jeder merkt, wenn vor einer Tür etwas passiert.

„Wird ihm der Strom abgestellt?“, fragte sie leise.

Der Mitarbeiter antwortete nicht sofort.

Die Frau blickte zur Nummer 2C.

„Er hat früher immer die Fahrräder im Hof repariert“, sagte sie. „Ohne etwas zu verlangen.“

Dann schämte sie sich offenbar für den Satz, weil er zu spät kam.

Sie senkte den Kopf und schloss die Tür nicht ganz.

Auch das war ein Zeichen.

Ein kleines.

Aber kleine Zeichen sind manchmal der Anfang davon, dass Menschen wieder hinsehen.

Der Mitarbeiter klopfte erneut an Wohnung 2C.

Der alte Mann öffnete langsamer als zuvor.

Sein Gesicht war kontrolliert, aber die Kontrolle kostete ihn sichtbar Kraft.

„Es gab einen technischen Fehler“, sagte der Mitarbeiter ruhig.

Der alte Mann sah ihn an.

„Einen Fehler?“

„Ihre Zahlung wurde aus technischen Gründen zurückgestellt.“

Das war nicht die ganze Wahrheit.

Aber es war die Art von Satz, die ein System akzeptieren konnte, ohne dass ein alter Mann im Flur erklären musste, warum ein Welpe wichtiger gewesen war als seine eigene Medizin.

„Der Strom wird heute nicht abgestellt.“

Der alte Mann blinzelte.

Einmal.

Zweimal.

Als würde sein Kopf den Satz übersetzen müssen.

„Aber ich habe doch nicht bezahlt.“

Der Mitarbeiter hielt das Klemmbrett etwas fester.

„Heute wird nicht abgeschaltet.“

Mehr sagte er nicht dazu.

Manchmal ist Hilfe nur dann wirklich Hilfe, wenn sie den anderen nicht zwingt, sich dafür vor einem Fremden auszuziehen.

Der alte Mann drehte den Kopf zum Wohnzimmer.

Der Inkubator summte weiter.

Der Welpe bewegte sich.

Dieses Mal etwas deutlicher.

Ein kleines Strecken unter der Decke, ein kaum sichtbarer Versuch, näher an die Wärme zu kommen.

Der alte Mann presste die Lippen zusammen.

Seine Hand suchte den Türrahmen.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Der Mitarbeiter sah auf die sauberen Schuhe im Flur, auf den Schlüsselbund, auf den Krankenhausbrief in der Küche.

„Sagen Sie nichts.“

Dann fügte er hinzu: „Heute Nachmittag kommt jemand mit Welpenfutter.“

Der alte Mann erstarrte.

„Wer?“

„Ein Tierschutzverein. Nur zum Nachsehen. Und mit ein paar Dingen, die der Kleine braucht.“

Er sagte nicht, dass die Apotheke ebenfalls prüfen würde, was möglich war.

Er sagte nicht, dass er die Nachfüllung erwähnt hatte.

Er sagte nicht, dass er seinen Vorgesetzten dazu gebracht hatte, eine technische Rückstellung einzutragen, obwohl diese Wohnung am Morgen noch wie ein gewöhnlicher Sperrfall ausgesehen hatte.

Er sagte nur: „Sie müssen das nicht allein machen.“

Das traf den alten Mann härter als alles andere.

Nicht laut.

Nicht sichtbar für jemanden, der nur schnell hinsah.

Aber seine Schultern veränderten sich.

Nicht nach unten.

Eher so, als sei ein Gewicht, das er zu lange getragen hatte, für einen Moment von jemand anderem mit angefasst worden.

Er ging langsam zurück ins Wohnzimmer.

Der Mitarbeiter folgte nicht sofort.

Er blieb im Türrahmen stehen.

Der alte Mann kniete sich nicht hin, denn seine Knie hätten das vielleicht nicht mehr mitgemacht.

Er beugte sich nur vorsichtig über den Inkubator und legte zwei Finger an die Außenseite, nicht hinein, als wolle er die Wärme nicht stören.

„Hast du gehört?“, flüsterte er.

Der Welpe konnte nichts verstehen.

Natürlich nicht.

Aber er bewegte den Kopf ein kleines Stück.

Der Mitarbeiter sah weg.

Nicht aus Kälte.

Aus Respekt.

Es gibt Momente, in denen man Zeuge sein darf, aber nicht Zuschauer werden sollte.

Er ging noch einmal in den Flur und schrieb die Notiz für den Vorgang.

Technische Prüfung erforderlich.

Versorgung vorläufig nicht unterbrechen.

Rücksprache erfolgt.

Sachverhalt dokumentiert.

Es war trocken formuliert.

So trocken, dass niemand, der es später las, das Summen des Inkubators hören würde.

Niemand würde den Krankenhausbrief sehen.

Niemand würde die leere Brötchentüte sehen.

Niemand würde den Satz lesen: Mein Herz hat 79 Jahre durchgehalten, er ist erst ein paar Tage alt.

Aber manchmal reicht ein trockener Satz, um eine Tür offen zu halten.

Eine Stunde später meldete sich der Tierschutzverein zurück.

Jemand könne am Nachmittag kommen.

Kein großer Auftritt.

Keine Belehrung.

Futter, Aufzuchtmilch, saubere Tücher, ein kurzer Blick auf den Welpen und ein Gespräch mit der Tierärztin.

Der Mitarbeiter gab die Information weiter.

Der alte Mann hörte zu, als würde jeder Punkt einzeln zu schwer sein.

„Ich wollte niemandem zur Last fallen“, sagte er.

„Das haben Sie nicht.“

„Ich habe die Rechnung nicht absichtlich liegen lassen.“

„Das weiß ich.“

„Es kam nur alles zusammen.“

Der Mitarbeiter nickte.

Diesen Satz kannte jeder Mensch, der lange genug gelebt hatte.

Es kam alles zusammen.

Er klang klein.

Er enthielt manchmal ein ganzes Leben.

Krankenhausbriefe.

Leere Kühlschränke.

Verpasste Nachfülltermine.

Rechnungen, die man nicht öffnet, weil das Öffnen sie nicht kleiner macht.

Und dann ein Karton am Bahnhof, in dem ein Leben liegt, das noch weniger Reserven hat als man selbst.

Am Nachmittag kam tatsächlich jemand vom Tierschutzverein.

Eine Frau mit einer schlichten Tasche, praktischen Schuhen und einer ruhigen Stimme.

Sie sprach den alten Mann mit Sie an und fragte zuerst, ob sie eintreten dürfe.

Das war klug.

Nicht jeder, der Hilfe bringt, versteht, dass eine Wohnung keine Einsatzstelle ist.

Für den alten Mann war sie der letzte Rest Eigenständigkeit.

Sie sah den Inkubator, kontrollierte die Temperatur, prüfte die Decke und erklärte, wie oft der Welpe gefüttert werden müsse.

Sie stellte keine vorwurfsvollen Fragen.

Sie sagte nur: „Sie haben ihn sehr ordentlich versorgt.“

Der alte Mann sah sie an, als habe sie ihm etwas gegeben, das in keiner Tasche gewesen war.

Anerkennung.

Nicht Mitleid.

Der Unterschied ist größer, als viele glauben.

Später klingelte die Apotheke.

Der Mitarbeiter war da schon fast auf dem Weg zur Tür.

Der alte Mann nahm den Anruf mit steifer Haltung entgegen, als müsste man sogar am Telefon ordentlich stehen.

Er sagte wenig.

Meistens hörte er zu.

Dann sagte er: „Ja. Danke. Morgen Vormittag ist gut.“

Als er auflegte, sah er den Mitarbeiter nicht direkt an.

„Sie liefern etwas.“

„Gut.“

„Ich habe nicht gefragt, wer angerufen hat.“

Der Mitarbeiter schwieg.

Der alte Mann nickte langsam.

„Dann frage ich jetzt auch nicht.“

Das war seine Art, Danke zu sagen, ohne es so klein werden zu lassen, dass es zwischen ihnen unangenehm wurde.

Der Mitarbeiter packte sein Gerät ein.

Das Formular blieb in seiner Mappe.

Nicht erledigt im ursprünglichen Sinn.

Aber entschieden.

Vor der Tür wartete die Nachbarin noch immer halb im Flur.

Als der Mitarbeiter herauskam, richtete sie sich auf.

„Alles in Ordnung?“

Er sah sie an.

„Heute bleibt der Strom an.“

Die Frau legte eine Hand an ihre Brust.

Nicht dramatisch.

Nur kurz.

Dann sagte sie: „Ich habe noch ein paar Decken.“

Der Mitarbeiter antwortete nicht sofort.

Er dachte an den Putzplan im Eingang.

An die Hausordnung.

An all die Zettel, die Menschen daran erinnern sollten, was sie zu tun hatten.

Und daran, wie selten ein Zettel jemanden daran erinnerte, hinzusehen.

„Fragen Sie ihn“, sagte er. „Nicht einfach bringen. Fragen.“

Sie nickte ernst.

„Natürlich.“

Als er das Haus verließ, war der Nachmittag heller geworden.

Nicht warm.

Aber heller.

Im Dienstwagen wartete schon der nächste Auftrag auf dem Bildschirm.

Eine andere Adresse.

Ein anderer Zähler.

Eine andere Geschichte, von der die Akte nichts wusste.

Er startete den Motor nicht sofort.

Stattdessen blieb er einen Moment sitzen und sah auf seine Hände.

Sie hatten an diesem Tag keinen Code eingegeben.

Sie hatten telefoniert.

Sie hatten eine Notiz geschrieben.

Sie hatten ein Formular nicht gegen einen Menschen gewinnen lassen.

Das klingt klein, wenn man es nüchtern erzählt.

Aber manche Tage drehen sich nicht durch große Heldentaten.

Sie drehen sich durch einen Daumen, der kurz innehält.

Am Abend brannte in Wohnung 2C wieder das Küchenlicht.

Nicht hell.

Nur warm genug, dass man vom Hof aus sehen konnte, dass dort jemand wach war.

Im Wohnzimmer summte der Inkubator weiter.

Der Welpe lag tiefer in der Decke, aber seine Bewegung war kräftiger als am Morgen.

Der alte Mann saß daneben und hatte seine eigene Tablettenpackung auf dem Tisch liegen.

Nicht versteckt.

Nicht vergessen.

Offen.

Neben einem Glas Wasser.

Manchmal entscheiden Menschen, die kaum noch Kraft haben, trotzdem, jemand anderen am Leben zu halten.

Regeln stehen auf Papier.

Aber Gewissen steht tiefer.

Und an diesem Tag, in einer kleinen Wohnung 2C, hatte ein Mann mit einem Formular verstanden, dass Ordnung ohne Menschlichkeit nur eine saubere Art ist, wegzusehen.

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