Der Bahnhof roch nach Regen, Bremsstaub und zu lang warmgehaltenem Kaffee.
Es war kurz vor Viertel nach zehn, spät genug, dass selbst die lauten Menschen leiser wurden.
Ich stand am Schalter des Prager Hauptbahnhofs und versuchte, ein Nachtzugticket zu kaufen.

Mehr nicht.
Ein Ticket, ein Platz, eine Abfahrtszeit, eine Bestätigung auf dem Handy.
Etwas, das man kontrollieren konnte.
Nach all den Jahren hatte ich mir angewöhnt, Dinge kontrollierbar zu machen.
Ich war früh gekommen, wie immer, mit zu viel Puffer und zu wenig Vertrauen in Zufälle.
Mein kleiner Ordner lag in der Außentasche meines Rucksacks, obwohl kein Mensch für ein Nachtzugticket einen Ordner brauchte.
Ausweis.
Bankkarte.
Alte Verbindungssuche.
Eine ausgedruckte Reservierungsnotiz, weil ich digitalen Anzeigen nie ganz glaubte, wenn ich allein unterwegs war.
Die Schalterangestellte hinter der Glasscheibe arbeitete ruhig.
Sie stellte kurze Fragen, ohne Lächeln, aber auch ohne Unfreundlichkeit.
Ziel.
Datum.
Wagenklasse.
Fenster oder Gang.
Ich antwortete ebenso knapp.
Das war mir angenehm.
Kein unnötiges Mitleid, keine neugierigen Fragen, kein warmer Smalltalk, der am Ende doch nur Kälte hinterließ.
Über uns schob die große Anzeigetafel neue Zeilen in die Nacht.
Eine Verbindung wechselte von pünktlich zu verspätet.
Ein Mann mit Aktentasche seufzte, als hätte jemand persönlich gegen die Regeln verstoßen.
Irgendwo zog ein Kind einen Koffer hinter sich her, und die Rollen klackten ungleichmäßig über die Fugen.
Ich hörte das alles nur gedämpft auf der rechten Seite.
Auf der linken Seite nahm mein Hörgerät zu viel auf.
Deshalb hatte ich die Hörhilfe-App auf meinem Handy eingeschaltet.
Sie war nicht perfekt, aber sie machte aus Lärm Linien.
Sie schrieb Stimmen mit, wenn ich sie sonst verlor.
Auf Bahnhöfen war sie für mich kein Luxus, sondern eine Art Geländer.
Die Schalterangestellte nannte gerade den Preis.
Ich wollte meine Karte auf das Lesegerät legen.
Da sagte jemand hinter mir den Satz.
„Vier Steine, ein Weg nach Hause.“
Die Worte trafen mich nicht wie ein Schrei.
Sie trafen mich wie ein Schlüssel, der in einem Schloss drehte, das längst zugemauert sein sollte.
Meine Finger blieben über dem Kartenleser stehen.
Die Bankkarte zitterte so leicht, dass ich es erst bemerkte, als die Schalterangestellte auf meine Hand sah.
Der Satz war nicht möglich.
Es gab Menschen, die meine Schwester gekannt hatten.
Es gab Menschen, die ihren Namen noch aussprechen konnten.
Aber diesen Satz gab es nicht für andere Menschen.
Er gehörte uns.
Meiner Zwillingsschwester und mir.
Wir hatten ihn als Kinder erfunden, in einem Alter, in dem geheime Wörter noch echter waren als Urkunden.
Vier Steine lagen damals auf der Fensterbank unseres Zimmers.
Keine besonderen Steine, nicht schön, nicht wertvoll.
Einer war hell und glatt.
Einer hatte eine dunkle Linie.
Einer war an einer Ecke angeschlagen.
Der vierte war so klein, dass er immer in Gefahr war, im Staub zu verschwinden.
Sie hatte sie gesammelt und mir erklärt, dass sie zusammen eine Karte seien.
Nicht zu einem Ort.
Nach Hause.
Wenn ich mich versteckte, sagte sie nicht meinen Namen.
Sie sagte: „Vier Steine, ein Weg nach Hause.“
Dann kam ich heraus.
Immer.
Nach ihrem Tod hatte niemand diesen Satz wieder benutzt.
Ich selbst hatte ihn nie aufgeschrieben.
Ich hatte ihn nicht in ein Tagebuch gesetzt, nicht in eine Nachricht, nicht in irgendeinen Erinnerungsbeitrag, der später von Menschen kommentiert wurde, die sie kaum gekannt hatten.
Manche Erinnerungen bewahrt man nicht, indem man sie teilt.
Man bewahrt sie, indem man niemandem erlaubt, sie anzufassen.
Ich drehte mich um.
Hinter mir stand ein alter Mann.
Er war vielleicht zwei Armlängen entfernt, korrekt genug, um nicht aufdringlich zu wirken, und nah genug, dass seine Stimme meine App hätte erfassen können.
Er trug einen dunklen Mantel.
Seine Schuhe waren sauber.
Nicht neu, aber gepflegt.
Beide Hände lagen auf dem Griff eines kleinen Rollkoffers.
Sein Blick war nach oben gerichtet, zur Anzeigetafel, als läse er dort etwas, das für alle anderen unsichtbar blieb.
Ich starrte ihn an.
Er starrte nicht zurück.
„Haben Sie das gerade gesagt?“, fragte ich.
Meine Stimme war zu laut.
Nicht viel zu laut, aber laut genug, dass der Mann mit der Aktentasche hinter dem alten Herrn den Kopf hob.
Der alte Mann reagierte nicht.
Keine Verwirrung.
Keine Empörung.
Kein höfliches „Wie bitte?“
Einfach nichts.
Die Schalterangestellte lehnte sich ein wenig vor.
„Entschuldigung“, sagte sie durch die Scheibe. „Meinen Sie den Herrn?“
Ich nickte, ohne sie anzusehen.
„Er hat etwas gesagt.“
Die Frau sah an mir vorbei.
Sie prüfte den alten Mann mit einem Blick, der nicht neugierig war, sondern praktisch.
Dann sagte sie: „Nein.“
Ein einziges Wort.
Klar.
Fest.
„Der Herr steht dort seit einigen Minuten und schaut auf die Anzeige. Er hat nicht gesprochen.“
Hätte sie gezögert, hätte ich mich an dieses Zögern klammern können.
Hätte sie gelächelt, hätte ich es ihr übelnehmen können.
Aber sie sagte es so sachlich, dass es schlimmer wurde.
Ordnung bedeutet manchmal, dass für dein Chaos kein Platz vorgesehen ist.
Ich merkte, dass sich die Schlange hinter mir veränderte.
Nicht laut.
Deutsche und tschechische Bahnhöfe haben nachts eine ähnliche Art von Ungeduld.
Menschen wollen, dass Vorgänge weitergehen.
Sie wollen, dass jemand seine Karte auflegt, sein Ticket nimmt, sich entschuldigt und den Platz freimacht.
Ich wollte das auch.
Ich wollte die Karte auflegen.
Ich wollte mir sagen, dass Trauer Geräusche falsch zusammensetzt.
Dass Müdigkeit aus fremden Stimmen alte Erinnerungen formt.
Dass eine App, so nützlich sie auch war, kein Beweis für Geister, Geheimnisse oder tote Schwestern sein konnte.
Dann vibrierte mein Handy.
Die App aktualisierte ihre Transkription.
Ich zog das Telefon aus der Manteltasche.
Der Bildschirm leuchtete kalt gegen meine Handfläche.
Dort stand eine neue Zeile.
22:14 — Unbekannte Stimme: „Vier Steine, ein Weg nach Hause.“
Ich las es einmal.
Dann noch einmal.
Die Worte wurden nicht harmloser.
Der Zeitstempel war präzise.
22:14.
Nicht ungefähr.
Nicht eine Erinnerung.
Eine Zeile, sauber abgelegt, wie ein Dokument in einem falschen Ordner.
Die Schalterangestellte sah mein Gesicht und dann das Handy.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie.
Ich wollte Ja sagen.
Das wäre einfacher gewesen.
In Ordnung sein ist manchmal nur die Entscheidung, andere nicht zu belasten.
Aber mein Daumen drehte das Telefon, und sie konnte den Bildschirm sehen.
Ihre Augen bewegten sich über die Zeile.
Sie las schnell.
Dann las sie langsamer.
Hinter der Scheibe veränderte sich etwas an ihr.
Nicht Panik.
Noch nicht.
Eher der Moment, in dem ein Mensch erkennt, dass eine Sache nicht in das Fach passt, in das er sie gerade legen wollte.
„Das kann von jemand anderem gekommen sein“, sagte sie.
Es war kein Vorwurf.
Es war ein Rettungsversuch.
Ich nickte zu schnell.
„Ja. Natürlich.“
Aber wir beide sahen zur gleichen Zeit wieder auf den alten Mann.
Er hatte den Kopf noch immer zur Anzeigetafel gehoben.
Sein Koffer stand genau neben seinem rechten Schuh.
Seine Hände ruhten ruhig auf dem Griff.
Kein Telefon.
Keine Kopfhörer.
Kein Gesprächspartner.
Ein Mann, der angeblich nicht gesprochen hatte.
Und ein Satz, der nicht hätte existieren dürfen.
Der Mann mit der Aktentasche räusperte sich.
„Geht es weiter?“, fragte er, nicht aggressiv, eher mit dieser müden Strenge von Menschen, die Verspätung als persönliche Beleidigung empfinden.
Ich drehte mich halb zu ihm.
„Einen Moment.“
Er sah auf die Uhr.
Natürlich sah er auf die Uhr.
Die Frau mit dem Kind nahm ihr Kind ein Stück näher an sich heran.
Nicht in die Arme.
Nur näher.
Genug, um Abstand zwischen uns und sie zu legen.
Ich hätte mich gedemütigt fühlen können.
Vielleicht tat ich das.
Aber unter der Scham lag etwas Älteres.
Angst erkennt man daran, dass sie keine Erklärung abwartet.
Ich wandte mich wieder an den alten Mann.
„Wer sind Sie?“
Diesmal bewegte er sich.
Langsam.
Er senkte den Kopf von der Anzeigetafel und sah zuerst nicht mich an, sondern die Bahnhofsuhr.
Der Zeiger sprang weiter.
22:15.
Dann sah er mich an.
Seine Augen waren klar.
Nicht leer.
Nicht verwirrt.
Klar.
Das machte es schlimmer.
Ein verwirrter alter Mann hätte irgendeinen Satz aufschnappen können.
Ein Betrunkener hätte Unsinn murmeln können.
Aber dieser Mann sah aus, als habe er gewartet, bis die Minute wechselte.
„Bitte beantworten Sie meine Frage“, sagte ich.
Ich hörte selbst, wie förmlich ich klang.
Sie.
Nicht du.
Das war keine Nähe.
Das war ein Zaun.
Er nickte kaum sichtbar, als hätte er den Zaun akzeptiert.
Dann hob er eine Hand vom Koffergriff.
Die Schalterangestellte sagte: „Ihr Ticket. Soll ich den Vorgang abschließen?“
Ihre Stimme war leiser geworden.
Das Ticket lag noch immer zwischen uns als unfertige Pflicht.
Ein Vorgang, der abgeschlossen werden wollte.
Ein Zug, der irgendwann fahren würde.
Ein Leben, das gern so tun wollte, als sei es noch in der Reihe.
Ich antwortete nicht.
Der alte Mann griff nicht in seine Tasche.
Er griff auch nicht nach mir.
Er machte nichts Bedrohliches im üblichen Sinn.
Er schob nur mit zwei Fingern etwas am Griff seines Koffers nach oben.
Ein kleines flaches Etui.
Abgenutztes Leder oder etwas, das danach aussah.
Die Kanten waren hell gescheuert.
Die Bewegung war langsam genug, dass alle sie sehen konnten.
Der Mann mit der Aktentasche hörte auf, genervt zu sein.
Die Frau mit dem Kind sagte sehr leise etwas, das ich nicht verstand.
Meine App erfasste es nicht.
Vielleicht, weil ich nur noch auf das Etui sah.
Der alte Mann hielt es in der Hand, ohne es zu öffnen.
Dann legte er es auf die schmale Ablage unter dem Schalterfenster.
Direkt neben meine Bankkarte.
Neben den Ausweis.
Neben das unvollendete Ticket.
In einer ordentlichen Reihe, als gehörte alles zusammen.
„Was ist das?“, fragte ich.
Er antwortete nicht sofort.
Stattdessen schob er das Etui mit zwei Fingern einen Zentimeter weiter zu mir.
Die Schalterangestellte starrte auf den Gegenstand.
Ihre Hand lag auf der Tastatur, aber sie tippte nicht mehr.
Hinter ihr leuchtete der Monitor mit meinem Namen, meiner Verbindung und einem noch offenen Zahlungsvorgang.
Offen.
Nicht abgeschlossen.
Ich dachte an meine Schwester.
Nicht an den Tag ihres Todes.
Das wäre zu einfach gewesen, zu brutal, zu bekannt.
Ich dachte an einen Nachmittag, an dem wir uns gestritten hatten, weil ich einen der Steine weggeworfen hatte.
Ich hatte behauptet, er sei wertlos.
Sie hatte ihn aus dem Papierkorb geholt, abgewaschen und auf die Fensterbank zurückgelegt.
„Man wirft den Heimweg nicht weg“, hatte sie gesagt.
Damals hatte ich gelacht.
Kinder lachen über Sätze, die sie später brauchen werden.
Der alte Mann öffnete das Etui.
Nicht ganz.
Nur einen Spalt.
Aber ein Spalt reichte.
Ich sah den hellen Stein.
Ich sah den mit der dunklen Linie.
Ich sah eine angeschlagene Ecke.
Und etwas Kleines, fast verschwindend, im Schatten des Innenfutters.
Meine Kehle wurde eng.
Ich hätte sagen können, dass es Zufall war.
Vier Steine sind kein Beweis.
Die Welt ist voller Steine.
Aber diese vier lagen nicht wie Fundstücke darin.
Sie lagen wie Dinge, die ihren Platz kannten.
„Woher haben Sie die?“, fragte ich.
Diesmal klang meine Stimme nicht mehr laut.
Sie klang klein.
Der alte Mann sah mich an.
Dann sah er auf die Uhr.
22:16.
Mein Handy vibrierte wieder.
Ich schaute hinunter, obwohl ich mich davor fürchtete.
Eine neue Zeile erschien.
22:16 — Unbekannte Stimme: „Sie dürfen diesen Zug nicht nehmen.“
Ich hob den Blick.
Der alte Mann hatte den Mund geschlossen.
„Sie haben gerade gesprochen“, sagte ich.
Die Schalterangestellte flüsterte: „Ich habe nichts gehört.“
Die Worte kamen ihr zu schnell heraus.
Als wolle sie sie zurückholen, kaum dass sie ausgesprochen waren.
Der Mann mit der Aktentasche trat nun endgültig einen Schritt zurück.
Seine Ungeduld war verschwunden.
Zurück blieb nur das Bedürfnis, nicht beteiligt zu sein.
Das Kind hinter mir begann zu weinen, aber leise, als hätte es verstanden, dass lauter Kummer hier nicht erlaubt war.
Ich sah wieder auf den offenen Zahlungsvorgang.
Mein Ticket wartete.
Der Zug wartete vielleicht nicht.
Mein ganzes Leben hatte ich gelernt, rechtzeitig zu kommen, Belege aufzubewahren, Termine einzuhalten, mich zusammenzunehmen.
Und nun stand ein fremder Mann mit den Steinen meiner toten Schwester vor mir und sagte mir, ich dürfe nicht einsteigen.
Nicht bitten.
Nicht warnen.
Dürfen.
Als gäbe es eine Regel, die ich nicht kannte.
„Warum?“, fragte ich.
Der alte Mann legte eine Hand auf das Etui.
Er berührte es nicht besitzergreifend.
Eher schützend.
„Weil sie es damals auch nicht durfte“, sagte er.
Diesmal hörte ich es.
Nicht nur die App.
Nicht nur ein Hauch im Lärm.
Ich hörte jedes Wort.
Die Schalterangestellte sank auf ihren Stuhl.
Nicht ohnmächtig.
Nicht filmisch.
Sie setzte sich einfach zu plötzlich, als hätte jemand unter ihr den Boden verschoben.
Ihre Hand ging vor den Mund.
Ihre Augen waren nicht auf den alten Mann gerichtet, sondern auf ihren Monitor.
„Was steht da?“, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
„Bitte“, sagte ich.
Das war kein höfliches Bitte mehr.
Es war das Geräusch eines Menschen, der merkt, dass andere vielleicht schon mehr wissen als er selbst.
Die Schalterangestellte drehte den Bildschirm nicht.
Ihre Finger schwebten über der Tastatur.
Dann zog sie die Hand zurück.
„Da ist eine Sperrnotiz“, sagte sie.
„Was für eine Sperrnotiz?“
„Ich weiß es nicht.“
„Für mein Ticket?“
Sie schluckte.
„Für Ihren Namen.“
Der Bahnhof rückte von mir weg.
Nicht sichtbar.
Aber innerlich.
Die Lichter, die Anzeigetafel, die Menschen, das Glas, alles war plötzlich zu weit entfernt und gleichzeitig zu nah.
Ich legte beide Hände auf die Ablage, weil ich nicht sicher war, ob ich noch gerade stand.
Der alte Mann schob das Etui noch ein Stück näher.
Die vier Steine lagen jetzt offen im Licht.
Sie waren kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte.
Oder ich war nur zu lange erwachsen gewesen.
„Wer hat Sie geschickt?“, fragte ich.
Er antwortete nicht.
„Meine Schwester ist tot.“
Da veränderte sich sein Gesicht.
Nur für einen Moment.
Nicht Mitleid.
Nicht Überraschung.
Eher Schmerz, der sich sofort wieder zusammennahm.
„Das weiß ich“, sagte er.
„Dann reden Sie Klartext.“
Das Wort kam aus mir heraus, hart und deutsch und verzweifelt.
Klartext.
Keine Andeutungen.
Keine Rätsel.
Keine vier Steine auf einem Bahnhofstresen, während mein Zug und mein Verstand in verschiedene Richtungen fuhren.
Der alte Mann sah zur Schalterangestellten.
Sie wirkte blass.
Hinter ihr blinkte etwas auf dem Monitor, aber ich konnte es nicht lesen.
Dann sah er wieder zu mir.
„Wenn ich es jetzt sage“, sagte er, „steigen Sie trotzdem ein.“
„Das entscheiden nicht Sie.“
„Nein“, sagte er. „Das hat sie auch gesagt.“
Der Satz machte mich wütend.
Endlich.
Wut war einfacher als Angst.
Wut hatte Kanten, an denen man sich festhalten konnte.
„Sie kannten sie nicht.“
Er senkte den Blick auf die Steine.
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Dieses ruhige Wiederholen war unerträglich.
Ich griff nach dem Etui.
Nicht schnell genug, um wie ein Angriff zu wirken, aber schnell genug, dass die Schalterangestellte scharf Luft holte.
Der alte Mann hielt mich nicht auf.
Meine Finger berührten den hellen Stein.
Er war kalt.
Natürlich war er kalt.
Er hatte in einem Bahnhof gelegen, in einem alten Etui, in der Hand eines fremden Mannes.
Und trotzdem erwartete ein Teil von mir, er müsste warm sein, weil Erinnerung sich warm anfühlen sollte.
Auf der Unterseite war ein winziger Kratzer.
Ich drehte den Stein im Licht.
Ein Zeichen, das nur meine Schwester und ich kannten.
Nicht schön.
Nicht ordentlich.
Ein kindischer kleiner Schnitt.
Ich hörte meinen eigenen Atem.
Dann hörte ich das Handy.
Wieder eine Vibration.
Die App schrieb mit.
Aber diesmal hatte niemand gesprochen.
Ich sah auf den Bildschirm.
Eine neue Transkriptzeile war erschienen, ohne Stimme davor, ohne klare Quelle.
22:17 — „Frag ihn nach dem vierten.“
Mir wurde so kalt, dass der Stein beinahe aus meiner Hand fiel.
Die Schalterangestellte stand wieder auf.
Der Mann mit der Aktentasche sagte: „Das reicht jetzt.“
Aber seine Stimme hatte keine Kraft.
Niemand bewegte sich wirklich.
Wir waren alle in einem hellen, ordentlichen Bahnhof gefangen, in dem plötzlich ein totes Kinderspiel nach Regeln verlangte.
Ich sah auf den vierten Stein.
Den kleinen.
Er lag halb unter der Kante des Etuis.
Früher war er fast bedeutungslos gewesen.
Der, den man verlieren konnte.
Der, den meine Schwester immer zuerst suchte.
Ich hob ihn nicht sofort auf.
Meine Hand schwebte darüber.
„Was ist mit dem vierten?“, fragte ich.
Der alte Mann schloss die Augen.
Nur kurz.
Als hätte er auf diese Frage gewartet und sie trotzdem gefürchtet.
Die Schalterangestellte flüsterte: „Bitte nicht hier.“
Ich drehte den Kopf zu ihr.
„Sie wissen etwas.“
Sie presste die Lippen zusammen.
Ihr Blick glitt zum Monitor, dann zum alten Mann, dann zu meiner App.
„Ich weiß nur, was hier steht.“
„Dann lesen Sie es vor.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Lesen Sie es vor.“
Der alte Mann sagte meinen Namen.
Ruhig.
Vollständig.
Nicht wie jemand, der ihn von meinem Ausweis abgelesen hatte.
Wie jemand, der ihn schon lange kannte.
Dann sagte er einen zweiten Namen.
Den meiner Schwester.
Die Halle verlor jedes Geräusch.
Sogar die Anzeigetafel schien lautlos zu wechseln.
Ich hatte seit Jahren niemandem erlaubt, ihren Namen beiläufig auszusprechen.
Er war kein Gesprächsangebot.
Er war kein Detail.
Er war der letzte Raum, in dem ich sie noch schützen konnte.
„Sagen Sie ihn nicht noch einmal“, flüsterte ich.
Der alte Mann nickte.
Nicht unterwürfig.
Respektvoll.
Das machte mich fast noch wütender.
„Dann erklären Sie mir, warum ihr Satz auf meinem Handy steht.“
Er blickte auf das Display.
„Weil sie wollte, dass Sie ihn diesmal hören.“
Ich lachte einmal auf.
Es war kein echtes Lachen.
Es war der Versuch meines Körpers, nicht zu brechen.
„Sie ist tot.“
„Ja.“
„Also hören Sie auf.“
„Das kann ich nicht.“
„Warum?“
Der alte Mann nahm den vierten Stein aus dem Etui.
Nicht ich.
Er.
Er hielt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger ins Licht.
Der kleine Stein war dunkler, als ich ihn in Erinnerung hatte.
An seiner Unterseite klebte ein winziger Rest Papier.
Alt.
Gelblich.
Gefaltet oder festgepresst.
Kein Schmuck.
Kein Zauber.
Ein Stück Beweis, so unscheinbar, dass man es jahrzehntelang übersehen konnte.
Die Schalterangestellte gab ein Geräusch von sich, halb Atem, halb Warnung.
„Nicht“, sagte sie.
Der alte Mann sah sie an.
„Sie hat ein Recht darauf.“
„Nicht am Schalter“, sagte sie.
Dieser Satz, so absurd praktisch, hätte mich fast wieder in die Wirklichkeit zurückgebracht.
Nicht am Schalter.
Als wäre der Ort das Problem.
Als gäbe es für so etwas einen Terminraum, eine Nummer, eine Zuständigkeit.
Ich streckte die Hand aus.
„Geben Sie ihn mir.“
Der alte Mann zögerte zum ersten Mal.
Dann legte er den vierten Stein in meine Handfläche.
Er war leichter als die anderen.
Auf der Unterseite war kein Kratzer.
Dort war eine schmale Ritze.
So fein, dass sie wie ein natürlicher Bruch aussah.
Ich fuhr mit dem Fingernagel darüber.
Etwas löste sich.
Ein winziges, zusammengerolltes Stück Papier kam zum Vorschein.
Die Schalterangestellte stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch hinter der Scheibe.
Der Mann mit der Aktentasche fluchte leise.
Die Frau mit dem Kind drehte das Kind nun ganz von uns weg.
Ich hielt das Papier zwischen zwei Fingern.
Meine Hände zitterten so stark, dass ich es kaum öffnen konnte.
Der alte Mann sagte: „Bevor Sie lesen, müssen Sie wissen, dass Ihre Schwester an jenem Abend nicht allein war.“
Ich sah ihn an.
Das Papier blieb ungeöffnet.
Mein Zug wurde auf der Anzeige aufgerufen.
Die Uhr sprang auf 22:18.
Und auf meinem Handy erschien, noch bevor jemand ein weiteres Wort sagte, eine letzte Zeile.
22:18 — „Jetzt.“