Der Suchtruppführer beugte sich in die schmale Öffnung, doch von der zweiten verschütteten Person war nichts zu sehen.
Nur der Gurt verschwand hinter der jungen Kameradin und zog sich bei jedem ihrer Atemzüge tiefer in ihre Schulter.
„Wie weit unter dir?“, fragte ich.

Sie schloss kurz die Augen.
„Vielleicht ein Meter. Vielleicht mehr. Ich kann ihn nicht sehen.“
Der Suchtruppführer griff nach dem Verschluss ihres Gurtes, doch sie hob sofort die Hand und packte sein Handgelenk.
„Nicht öffnen“, presste sie hervor.
In diesem Moment kam aus der Dunkelheit hinter ihr ein einzelnes, kaum hörbares Klopfen.
Die junge Kameradin antwortete zweimal gegen das freigelegte Rohr und dann einmal gegen ihren Brustgurt.
Zwei Schläge, eine Pause, dann einer.
Jetzt verstand ich die Nachricht, die wir zuvor für ein misslungenes Ja-oder-Nein-Zeichen gehalten hatten.
Zwei Menschen lagen unter dem Hang, aber nur einer von ihnen konnte das Rohr erreichen.
Der Gurt zwischen ihnen war keine zufällige Verbindung.
Er war das Einzige, was verhinderte, dass die zweite Person tiefer in den eingestürzten Hohlraum rutschte.
Der Suchtruppführer zog seine Hand zurück und sah auf den nassen Boden über uns, in dem sich die Risse inzwischen bis zur markierten Linie ausgebreitet hatten.
Wir konnten die junge Kameradin sofort herausziehen.
Dafür hätten wir jedoch den Gurt lösen oder durchtrennen müssen.
Dann wäre der Mensch unter ihr gefallen.
„Wie lange hältst du ihn schon?“, fragte ich.
„Seit der Hang kam“, flüsterte sie.
Ihre Lippen waren fast farblos, und ihre rechte Hand zitterte, obwohl sie sie fest gegen den Boden presste.
Der Suchtruppführer gab den anderen den Befehl, die Öffnung mit kurzen Brettern und den flachen Seiten der Schaufeln abzustützen.
Niemand schlug mehr kräftig zu.
Wir schoben den Schlamm nur noch handbreit zur Seite und warteten nach jeder Bewegung darauf, ob der Boden über uns nachgab.
Die junge Kameradin erklärte in abgebrochenen Sätzen, dass sie und der andere Soldat am Rand der Rinne unterwegs gewesen waren, als der nasse Hang unter ihnen wegrutschte.
Sie war auf einer schrägen Platte aus verdichtetem Erdreich liegen geblieben.
Er war unter ihr weitergerutscht.
Der Verbindungsgurt ihrer Ausrüstung hatte sich zwischen einem Metallbügel und ihrem Schulterriemen verklemmt.
Was sie zunächst für eine weitere Gefahr gehalten hatte, war zu seiner Sicherung geworden.
„Er hat zuerst geklopft“, sagte sie erneut.
„Dann wurde es schwächer. Ich habe übernommen.“
Ich legte zwei Finger an den gespannten Gurt.
Die Fasern vibrierten leicht.
Nicht durch ihre Bewegung, sondern von unten.
Der Verschüttete lebte noch und versuchte, uns zu zeigen, dass er bei Bewusstsein war.
Der Suchtruppführer beugte sich näher an die junge Kameradin.
„Kann er sprechen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe ihn am Anfang gehört. Danach nur noch Klopfen.“
Über uns löste sich ein Klumpen Erde und zerfiel zwischen unseren Knien.
Der Suchtruppführer sah zur markierten Linie zurück, an der zwei Mitglieder des Trupps das Gelände beobachteten.
Einer von ihnen hob drei Finger.
Drei neue Risse.
Der nächste Befehl hätte lauten müssen, den Bereich zu verlassen.
Stattdessen fragte der Suchtruppführer mich: „Was brauchst du?“
Noch wenige Minuten zuvor hatte er meine Einschätzung angezweifelt und den Rückzug angeordnet.
Jetzt übergab er mir nicht die Verantwortung für den ganzen Einsatz, aber für den nächsten Handgriff.
Ich zeigte auf das alte Rohr.
Es verlief seitlich am Hohlraum entlang und führte das Klopfen über mehrere Meter durch den Boden.
An seiner Unterseite rann ein dünner Wasserfilm in Richtung der Verschütteten.
Wenn wir nur weitergruben, würde immer mehr Regenwasser in die Öffnung laufen.
Wenn wir das Rohr dagegen an einer tieferen Stelle freilegen konnten, bestand eine Chance, das Wasser vom Hohlraum wegzuführen.
Der Suchtruppführer verstand sofort.
Er schickte zwei Personen seitlich aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich, damit sie den Verlauf des Rohres vorsichtig ertasteten, ohne schwere Geräte einzusetzen.
Wir blieben bei der jungen Kameradin.
Ich schob meine Hand an ihrer Schulter vorbei in die Dunkelheit und folgte dem Gurt so weit, wie mein Arm reichte.
Nach wenigen Zentimetern stieß ich auf festgepressten Schlamm.
Darunter lag etwas Hartes, wahrscheinlich ein Teil der alten Entwässerung oder eine Metallkante, die durch den Erdrutsch freigelegt worden war.
Der Gurt lief darüber hinweg und verschwand dann steil nach unten.
„Wenn wir dich anheben, verändert sich der Winkel“, sagte ich.
„Dann kann er abrutschen.“
„Deshalb bin ich liegen geblieben“, antwortete sie.
Es war keine heldenhafte Erklärung.
Sie sagte es so nüchtern, als beschreibe sie eine einfache Aufgabe, die noch nicht beendet war.
Doch ihre Schulter war inzwischen so stark belastet, dass der Stoff ihres Ärmels am Rand des Gurtes dunkel geworden war.
Der Suchtruppführer ließ einen zweiten Gurt bringen.
Wir konnten ihn nicht um den Verschütteten legen, weil wir ihn noch immer nicht erreichten.
Also führten wir ihn um den Metallbügel, an dem der erste Gurt festhing, und bauten eine provisorische Entlastung.
Millimeter für Millimeter übernahmen wir einen Teil der Spannung.
Die junge Kameradin verzog das Gesicht, als der Druck auf ihrer Schulter nachließ.
Dann wurde der ursprüngliche Gurt plötzlich länger.
Nur eine Handbreit.
Aber genug, damit wir alle erstarrten.
Von unten kam kein Klopfen mehr.
„Halt“, sagte der Suchtruppführer.
Niemand bewegte sich.
Ich legte die Hand auf das Rohr und schlug einmal mit dem Fingerknöchel dagegen.
Keine Antwort.
Ich schlug zweimal.
Wieder nichts.
Die junge Kameradin drehte den Kopf so weit zu mir, wie es in der engen Öffnung möglich war.
„Er ist gerutscht.“
Ihre Stimme war kaum mehr als Atem.
Der Suchtruppführer wollte den neuen Gurt stärker anziehen, doch ich hielt ihn zurück.
Wenn der Verschüttete nicht mehr frei hing, sondern irgendwo eingeklemmt war, konnten wir mit zusätzlicher Spannung seine Verletzungen verschlimmern oder den Metallbügel aus dem Boden reißen.
Ich schob den Arm erneut in die Öffnung und grub mit den Fingerspitzen unterhalb der Kante.
Der Schlamm war dort wärmer als an der Oberfläche.
Nicht viel, aber deutlich genug, dass ich wusste, der Hohlraum reichte weiter nach unten.
Dann berührte ich Stoff.
Ich konnte ihn nur mit zwei Fingern erreichen.
„Ich bin an ihm“, sagte ich.
Unter meiner Hand bewegte sich etwas.
Kein kräftiger Griff, nur ein kurzes Zucken.
Ich klopfte mit den Fingern zweimal auf den Stoff.
Nach einer Pause kam ein einzelnes Zucken zurück.
Er war noch da.
Er konnte das Rohr nur nicht mehr erreichen.
Wir erweiterten die Öffnung seitlich, genau dort, wo meine Hand in den Hohlraum gelangte.
Der Suchtruppführer arbeitete neben mir und hielt gleichzeitig den zweiten Gurt unter Spannung.
Die junge Kameradin blieb zwischen uns liegen, halb befreit und doch noch immer Teil der Sicherung.
Nach wenigen Minuten konnten wir ihre Schulter vollständig freilegen.
Ihr Oberkörper wäre jetzt leicht herauszuziehen gewesen.
Sie weigerte sich trotzdem, sich auch nur einen Zentimeter zurückzuschieben.
„Erst ihn“, sagte sie.
Der Suchtruppführer antwortete nicht sofort.
Er sah auf ihre Hand, die den ursprünglichen Gurt umklammert hielt, obwohl der neue Gurt bereits einen Teil der Last übernommen hatte.
Dann nickte er.
Seitlich von uns rief jemand, das alte Rohr sei an einer tieferen Stelle gefunden worden.
Es war eingedrückt, aber nicht vollständig verschlossen.
Der Suchtruppführer ließ dort vorsichtig eine Rinne ziehen, damit das Wasser aus dem Rohr nicht länger in unseren Hohlraum drückte.
Zunächst änderte sich nichts.
Dann hörten wir unter uns ein gluckerndes Geräusch.
Schmutziges Wasser lief an der Öffnung vorbei und verschwand seitlich im Boden.
Der Pegel im Hohlraum sank nicht sichtbar, doch der dünne Strom, der bisher an der Schulter der jungen Kameradin entlanggelaufen war, wurde schwächer.
Zum ersten Mal arbeiteten wir nicht nur gegen den Hang, sondern nutzten etwas, das bereits darin lag.
Das Rohr hatte uns über den Standort getäuscht.
Jetzt verschaffte es uns Zeit.
Wir gruben weiter entlang des zweiten Gurtes, bis meine ganze Hand und schließlich mein Unterarm in die Öffnung passten.
Ich fand den Verschütteten in einer schrägen Lage.
Sein Oberkörper war zwischen zwei Erdschichten eingeklemmt, während der Verbindungsgurt unter seinen Armen verlief.
Ein Bein lag tiefer und war nicht erreichbar.
Sein Kopf befand sich knapp über einer Wasserlache.
Jedes Mal, wenn Schlamm nachrutschte, musste er das Gesicht zur Seite drehen, um atmen zu können.
Ich berührte seine Wange.
Er öffnete die Augen, aber sein Blick fand mich nicht sofort.
„Wir sind hier“, sagte ich.
Seine Lippen bewegten sich.
Zuerst verstand ich nichts.
Dann hörte ich ein einzelnes Wort.
„Oben?“
„Sie ist direkt über dir“, antwortete ich.
Sein Blick wurde klarer.
„Nicht schneiden.“
Sogar jetzt dachte er an denselben Gurt.
Der Suchtruppführer beugte sich so nah heran, dass auch er die Antwort hören konnte.
„Wir schneiden nichts“, sagte er.
Damit war die Entscheidung gefallen.
Wir würden nicht zuerst die leichter erreichbare Person herausziehen und hoffen, die zweite später zu bergen.
Wir mussten beide Bewegungen miteinander verbinden.
Der neue Gurt wurde so befestigt, dass er die Last des unteren Verschütteten übernehmen konnte, während die junge Kameradin langsam zurückgezogen wurde.
Doch dafür brauchten wir Zugang zu seinem Oberkörper.
Ich schob eine kleine Schaufel unter die verdichtete Erdschicht neben seinem Brustkorb.
Jeder Druck auf den Griff übertrug sich auf den Hohlraum.
Also arbeitete ich nicht mit Hebelkraft, sondern kratzte den Boden in schmalen Streifen ab.
Der Suchtruppführer hielt seine Hand auf der Schulter des Verschütteten und meldete jede Veränderung seiner Atmung.
„Langsamer.“
„Weiter.“
„Stopp.“
Mehrere Male mussten wir warten, weil von oben leises Rieseln kam.
Der Regen hatte nicht aufgehört.
Er fiel gleichmäßig auf die Helme der anderen und sammelte sich in kleinen Rinnen, die sie mit ihren Händen vom Loch weglenkten.
Dann rief jemand von der markierten Linie, der größte Riss habe sich verbreitert.
Der Suchtruppführer blickte hinauf.
Diesmal musste er wählen, ob er den ganzen Trupp zurückzog oder noch einen Versuch zuließ.
Er fragte nicht mich.
Er fragte die junge Kameradin.
„Kannst du die Spannung noch halten, wenn wir dich bewegen?“
Sie atmete zweimal flach ein.
„Mit dem zweiten Gurt ja.“
„Und du?“, fragte er den Verschütteten.
Der Mann unter ihr blinzelte langsam.
Dann hob er zwei Finger, ließ eine Pause und hob einen.
Die junge Kameradin sah es und lachte einmal heiser auf.
Es war kein fröhliches Geräusch, aber es löste etwas in der Enge.
Die Nachricht bedeutete nun nicht mehr nur, dass zwei Menschen unter dem Hang lagen.
Sie bedeutete, dass beide noch miteinander verbunden waren.
Wir begannen mit der gemeinsamen Bewegung.
Der Suchtruppführer zog den neuen Gurt nur so weit an, dass der Körper des unteren Verschütteten nicht weiter abrutschte.
Ich löste mit beiden Händen den Schlamm an seiner Schulter.
Zwei weitere Mitglieder des Suchtrupps zogen die junge Kameradin Zentimeter für Zentimeter zurück.
Bei der ersten Bewegung spannte sich der ursprüngliche Gurt so hart, dass alle gleichzeitig innehielten.
Der Metallbügel knirschte im Boden.
Ein Teil der Last lag noch immer auf ihm.
Ich tastete entlang des Gurtes und entdeckte, dass er nicht einfach über den Bügel lief.
Er hatte sich einmal darum verdreht.
Genau diese Verdrehung hatte verhindert, dass der untere Verschüttete vollständig abstürzte.
Sie blockierte jetzt jedoch unsere Rettung.
Um sie zu lösen, musste jemand die Spannung kurz verringern.
Der Suchtruppführer sagte, wir könnten den Gurt durchtrennen, sobald der zweite Gurt sicher trug.
Die junge Kameradin schüttelte sofort den Kopf.
„Wenn der neue rutscht, haben wir nichts mehr.“
Sie hatte recht.
Der zweite Gurt lag auf nassem Metall und konnte sich verschieben, sobald wir den Winkel veränderten.
Ich schob meine Hand bis zum Bügel und legte die Finger um die verdrehte Stelle.
„Wenn ich sie drehe, wird der Gurt für einen Moment locker“, sagte ich.
Der Suchtruppführer verstand, was das bedeutete.
In diesem Moment musste er das gesamte Gewicht des unteren Verschütteten mit dem neuen Gurt halten.
Er wickelte das freie Ende um seinen Unterarm und setzte sich mit den Stiefeln gegen den festen Rand der Öffnung.
„Mach es.“
Ich drehte die Schlaufe.
Der ursprüngliche Gurt sprang vom Bügel.
Gleichzeitig rutschte der neue Gurt mehrere Zentimeter über das Metall.
Der Suchtruppführer wurde nach vorn gerissen und schlug mit einem Knie in den Schlamm.
Unter uns sackte der Verschüttete ab.
Die junge Kameradin schrie auf und packte den gelösten Gurt mit beiden Händen.
Für einen Augenblick hing sein Gewicht wieder vollständig an ihr.
Dann stemmte sich der Suchtruppführer zurück, zog den zweiten Gurt fest und brachte den Körper zum Stillstand.
Der Boden über uns antwortete mit einem tiefen Knacken.
„Jetzt“, rief er.
Wir zogen die junge Kameradin aus der Öffnung.
Sie ließ den ursprünglichen Gurt erst los, als zwei andere Hände ihn übernommen hatten.
Kaum lag sie hinter der abgestützten Kante, drehte sie sich trotz ihrer verletzten Schulter wieder zum Loch.
„Er kommt als Nächster.“
Niemand widersprach.
Mit der ersten Person außerhalb des Hohlraums hatten wir mehr Platz, aber weniger Zeit.
Der Riss oberhalb des Hangs verlief inzwischen fast parallel zu unserer Öffnung.
Ein weiterer Teil konnte jederzeit nachbrechen.
Der Verschüttete war nun durch den zweiten Gurt gesichert, doch sein Bein blieb tief im Schlamm festgeklemmt.
Ich griff unter seinen Arm und zog vorsichtig.
Sein Oberkörper bewegte sich.
Das Bein nicht.
Er stöhnte und presste die Stirn gegen den Boden.
„Nicht ziehen“, sagte er.
Wir lösten den Druck sofort.
Ich tastete an seiner Seite entlang, so weit es ging, und fand unterhalb der Hüfte eine harte Kante.
Sein Stiefel steckte nicht einfach im Schlamm.
Er war unter dem eingedrückten Rohr eingeklemmt.
Dasselbe Rohr, das das Klopfen weitergeleitet und das Wasser abgeleitet hatte, hielt ihn jetzt fest.
Wir konnten es nicht anheben, ohne den Hohlraum zu destabilisieren.
Wir konnten seinen Stiefel jedoch öffnen.
Der Suchtruppführer fragte ihn, ob er den Fuß bewegen könne.
Der Verschüttete antwortete mit einem schwachen Kopfschütteln.
Es war unmöglich zu erkennen, ob der Fuß nur eingeklemmt oder schwer verletzt war.
Ich schob die Hand am Schaft des Stiefels entlang und fand die Schnürung unter einer Schicht aus Schlamm.
Mit bloßen Fingern ließ sie sich nicht lösen.
Ein kleines Messer wurde von Hand zu Hand nach vorn gereicht.
Wir schnitten nicht den Sicherungsgurt.
Wir schnitten nur die Schnürsenkel und die obere Kante des Stiefels auf.
Als der Schaft nachgab, konnten wir sein Bein langsam herausziehen.
Der Stiefel blieb unter dem Rohr zurück.
Der Verschüttete schrie einmal kurz auf, dann verlor sein Körper jede Spannung.
Für einen erschreckenden Moment glaubte ich, er sei bewusstlos geworden.
Doch er atmete noch.
„Raus mit ihm“, befahl der Suchtruppführer.
Wir zogen gemeinsam.
Seine Schulter kam durch die Öffnung, dann der Brustkorb und schließlich die Hüfte.
Als sein eingeklemmtes Bein frei wurde, brach oberhalb von uns ein Stück des Hangs ab.
Schlamm schlug gegen die Bretter und drückte eine der flachen Schaufeln aus ihrer Position.
Jemand fing sie auf, bevor die Abstützung vollständig wegrutschte.
Wir zogen den Verschütteten über den Rand und trugen ihn hinter die markierte Linie.
Der Suchtruppführer war der Letzte, der den unmittelbaren Bereich verließ.
Kaum hatte er den sicheren Boden erreicht, sackte die Öffnung in sich zusammen.
Dort, wo wir wenige Sekunden zuvor gekniet hatten, blieb nur eine breite, braune Fläche zurück.
Das alte Rohr ragte noch ein kurzes Stück aus dem Schlamm.
Regenwasser lief daraus hervor.
Der zweite Verschüttete kam langsam wieder zu sich, während seine Kameradin neben ihm lag und mit der unverletzten Hand den gelösten Verbindungsgurt festhielt.
Sie fragte nicht nach ihrer Schulter.
Sie fragte, ob er noch atmete.
Als der Suchtruppführer ihr bestätigte, dass er lebte, schloss sie die Augen und ließ den Gurt endlich los.
Später wurde rekonstruiert, warum die Klopfzeichen ihren Ort scheinbar gewechselt hatten.
Der Verschüttete hatte zuerst gegen das alte Rohr geschlagen, solange er es mit der Hand erreichen konnte.
Als er weiter abrutschte, hatte die junge Kameradin das Zeichen übernommen.
Die Schwingungen waren durch das Metall gewandert und an mehreren Stellen im Boden hörbar geworden.
Die Folge aus zwei Schlägen, einer Pause und einem weiteren Schlag war nie als Antwort auf unsere Fragen gedacht gewesen.
Sie hatte von Anfang an bedeutet, dass zwei Menschen dort unten lagen und einer den anderen hielt.
Auch der warme Luftzug aus der fingerbreiten Öffnung ließ sich erklären.
Der eingestürzte Abschnitt des alten Rohres hatte einen schmalen Kanal zum tieferen Hohlraum offengelassen.
Durch ihn waren Luft, Geräusche und später auch ein Teil des Regenwassers geströmt.
Was uns zunächst in die falsche Richtung geführt hatte, war zugleich der einzige Grund gewesen, warum wir beide rechtzeitig fanden.
Am nächsten Tag stand die Schaufel, mit der ich das erste Zeichen gegeben hatte, gereinigt an der Wand des Materialraums.
Auf ihrem Blatt war noch eine flache Delle zu sehen.
Der Suchtruppführer blieb davor stehen und strich mit dem Daumen darüber.
„Ich wollte euch zurückschicken“, sagte er.
Es klang nicht wie eine Entschuldigung und auch nicht wie eine Rechtfertigung.
Es war nur die genaue Stelle, an der seine Entscheidung beinahe anders ausgefallen wäre.
„Der Riss war real“, antwortete ich.
„Das Klopfen auch.“
Er nickte.
Wir wussten beide, dass der Einsatz nicht dadurch gelungen war, dass einer von uns immer recht gehabt hatte.
Er war gelungen, weil ein Einwand gehört, eine Gefahr trotzdem ernst genommen und jede Entscheidung nach dem nächsten Geräusch neu getroffen worden war.
Einige Tage später besuchten wir die beiden Kameraden.
Die junge Frau trug den Arm in einer Schlinge.
Der Mann, der unter ihr gelegen hatte, hatte den Fuß verletzt, konnte ihn aber bewegen.
Zwischen ihren Betten lag der gereinigte Verbindungsgurt in einem durchsichtigen Beutel.
Er sollte später untersucht werden, weil niemand genau wusste, wie lange er unter der Last gestanden hatte.
Die junge Kameradin sah den Suchtruppführer an.
„Als ihr gesagt habt, ihr habt mich, dachte ich, ihr zieht mich sofort heraus.“
Er senkte kurz den Blick.
„Das war der Plan.“
„Deshalb habe ich Nein gesagt.“
Sie berührte mit zwei Fingern den Beutel.
„Ich hatte Angst, dass ihr nur mich meint.“
Der Mann im anderen Bett hob langsam die Hand und klopfte zweimal gegen das Metallgestell.
Nach einer kurzen Pause folgte ein dritter Schlag.
Die junge Kameradin antwortete mit demselben Rhythmus.
Der Suchtruppführer sah zu mir.
Ich klopfte einmal gegen die Lehne des Stuhls, dann noch einmal und nach einer Pause ein drittes Mal.
Diesmal wanderte das Geräusch nirgendwohin.
Es blieb genau dort, wo wir alle es hören konnten.