Ich verbrachte acht Jahre damit, um eine Frau und ein Kind zu trauern, von denen ich glaubte, sie seien tot.
Wenn jemand mir damals gesagt hätte, dass die schlimmste Nachricht meines Lebens nicht das Ende war, sondern nur der Anfang einer Lüge, hätte ich ihn für grausam gehalten.
Mein Name ist Thomas, und ich war Oberstleutnant bei der Bundeswehr.

Ich hatte gelernt, unter Druck ruhig zu bleiben.
Ich hatte gelernt, eine Lage zu lesen, bevor andere überhaupt verstanden, dass es eine Lage gab.
Aber nichts davon half mir an dem Nachmittag, an dem ein kleiner Junge in einem staubigen Hinterhof mein Gesicht trug.
Acht Jahre zuvor war ich im Krankenhausflur gestanden, die Uniformjacke über dem Arm, weil ich direkt aus dem Dienst gekommen war.
Marie hatte seit dem Morgen Wehen gehabt.
Ich erinnere mich an den Geruch von Kaffee aus einem Automaten, der viel zu lange gelaufen war.
Ich erinnere mich an das helle Licht über den Fliesen.
Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter neben mir stand und immer wieder sagte, ich solle mich setzen.
Karin, meine Mutter, war eine Frau, die alles in ihrem Umfeld ordnete.
Termine.
Tische.
Menschen.
Als sie später aus dem Zimmer kam, sah sie aus, als hätte sie geweint.
„Beide haben es nicht geschafft“, sagte sie.
Ich fragte nicht nach einem zweiten Satz.
Ich fragte nicht nach einem Arzt.
Ich fragte nicht nach einer Hebamme.
Ich war ein Mann, der Befehle prüfen konnte, aber in diesem Moment glaubte ich der einen Person, die mich am leichtesten brechen konnte.
Meiner Mutter.
Marie wurde beerdigt, und ich stand da wie jemand, der für einen anderen trauerte, weil der eigene Körper noch nicht verstanden hatte, was passiert war.
Über das Kind sprach man kaum.
Meine Mutter sagte, es sei besser so.
Ein Neugeborenes ohne Atem, sagte sie, sei kein Bild, das ein Vater mitnehmen sollte.
Ich nahm stattdessen Leere mit.
Acht Jahre lang trug ich sie wie einen unsichtbaren Rucksack.
Ich ging in den Dienst zurück.
Ich meldete mich für Einsätze, für Lehrgänge, für alles, was eine klare Uhrzeit hatte und einen klaren Auftrag.
Ordnung, wenn innen nichts mehr geordnet war.
Maries Mutter Rosa schrieb mir am Anfang zwei kurze Briefe.
Ich beantwortete keinen.
Nicht, weil sie mir egal war.
Sondern weil jedes Wort von ihr nach Marie roch.
Nach Küche am Sonntag.
Nach Abendbrot mit Sprudel auf dem Tisch.
Nach einer Frau, die ihre Haare mit einer Klammer hochsteckte und lachte, wenn ich zu pünktlich war.
Irgendwann kamen keine Briefe mehr.
Das war bequemer.
Feigheit ist oft nur Bequemlichkeit mit besserer Ausrede.
An einem Samstag im Spätsommer fuhr ich trotzdem hin.
Ich hatte keine große Erklärung.
Vielleicht lag es daran, dass der achte Todestag bevorstand.
Vielleicht daran, dass ich in einer Schublade einen alten Brötchenbon gefunden hatte, auf dessen Rückseite Marie einmal eine Einkaufsliste geschrieben hatte.
Vielleicht war ich müde davon, so zu tun, als könne man Trauer wegplanen.
Rosas Haus lag am Rand einer kleinen Gemeinde in Norddeutschland.
Kein großes Anwesen.
Kein Drama von außen.
Ein schmaler Kiesweg.
Ein niedriger Zaun.
Ein Briefkasten, an dem der Lack abplatzte.
Der Hof war trocken, weil es seit Tagen nicht geregnet hatte.
Trotzdem war alles ordentlich.
Neben der Hintertür stand eine leere Pfandkiste.
Auf der Bank lag ein zusammengefalteter Brötchenbeutel.
An der Leine hingen kleine T-Shirts und Socken, sauber ausgerichtet, als hätte jemand die Wäsche mit mehr Sorgfalt behandelt als viele Menschen ihre Versprechen.
Dann sah ich den Jungen.
Er jagte einem Papierflieger hinterher.
Er lachte.
Nicht vorsichtig.
Nicht gedämpft.
So, als gehöre der Hof ihm und der Wind habe nur auf ihn gewartet.
Ich blieb beim Gartentor stehen.
Er war vielleicht acht.
Nicht älter.
Sein Haar stand an einer Stelle hoch, genau dort, wo meins schon als Kind nie liegen wollte.
Ich dachte noch, wie seltsam so ein Zufall sein konnte.
Dann drehte er sich um.
Es war, als hätte jemand die Luft aus dem Nachmittag gezogen.
Seine Augen waren meine Augen.
Dieses Blau-Grau, das in hellem Licht fast farblos wirkt.
Über seiner rechten Augenbraue sah ich eine kleine Narbe.
Nicht groß.
Nicht dramatisch.
Aber an fast derselben Stelle wie meine.
Der Papierflieger fiel aus seiner Hand.
Sein Blick wanderte an meiner Uniform hinunter.
Da verschwand sein Lachen.
„Oma!“, schrie er.
Seine Stimme kippte.
„Sie sind wieder da!“
Dann rannte er ins Haus.
Nicht irgendein Kind rennt so.
Ein Kind rennt so, wenn es gelernt hat, dass Erwachsene in Uniform Gefahr bedeuten können.
Ich öffnete das Gartentor.
Das Quietschen war klein, aber in diesem Hof klang es wie ein Vorwurf.
Rosa saß auf der Veranda.
In ihren Händen lag ein Rosenkranz, abgegriffen und dunkel von Jahren.
Sie sah mich an, und ich erkannte in ihrem Gesicht keinen Schock.
Sie hatte mich erwartet.
Nicht an diesem Tag vielleicht.
Aber irgendwann.
„Na“, sagte sie.
„Jetzt kommst du also doch.“
Ich sagte ihren Namen.
Mehr brachte ich nicht heraus.
„Acht Jahre“, sagte sie.
Sie sprach die Zahl nicht laut.
Gerade deshalb traf sie.
Ich zeigte auf die Tür.
„Wer ist das Kind?“
Rosa lachte kurz.
Es war kein Lachen.
Es war das Geräusch einer Frau, die zu lange gewartet hatte, um noch höflich zu sein.
„Dein Sohn.“
Manche Sätze fallen nicht in einen Raum.
Sie entfernen den Raum.
Ich hörte meinen eigenen Atem.
Ich sah die Staubkörner im Licht.
Ich sah den Papierflieger auf dem Boden liegen, mit einer geknickten Spitze.
„Nein“, sagte ich.
Es klang armselig.
„Das kann nicht sein.“
„Doch“, sagte Rosa.
„Es konnte nur nicht sein, solange du deiner Mutter mehr geglaubt hast als der Wahrheit.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut.
Eine schmale Frau trat heraus.
Ich erkannte sie nicht sofort, weil acht Jahre Menschen verändern, vor allem Menschen, die etwas mit sich herumtragen.
Dann fiel mir ihr Name ein.
Gisela.
Sie hatte früher bei meiner Familie gearbeitet.
Sie war kurz nach Maries Beerdigung verschwunden.
Meine Mutter hatte damals gesagt, Gisela sei unzuverlässig gewesen.
Manchmal nennt ein Lügner den Zeugen unzuverlässig, bevor der Zeuge überhaupt spricht.
Gisela sah mich an und sank auf die Knie.
„Verzeihen Sie mir, Herr Oberstleutnant“, sagte sie.
Ich wollte sie hochziehen, aber meine Hand blieb in der Luft stehen.
„Wofür?“
Sie presste beide Hände an ihr Gesicht.
Ihre Schultern zitterten.
Rosa wandte sich ab, als könnte sie das nicht noch einmal hören.
„Ich konnte es nicht tun“, sagte Gisela.
„Was?“
„Das Baby verschwinden lassen.“
Die Wörter waren leise.
Trotzdem hatten sie Gewicht.
Ich sah von Gisela zu Rosa und wieder zurück.
„Wer hat Ihnen das befohlen?“
Gisela hob den Kopf.
Ihre Augen waren nass, aber klar.
„Ihre Mutter.“
Es gibt Verrat, der laut kommt.
Mit Türen, mit Geschrei, mit zerbrochenem Glas.
Und es gibt Verrat, der acht Jahre lang ordentlich in einem Familienhaus sitzt, Geburtstage organisiert und Kondolenzkarten schreibt.
Dieser Verrat war der zweite.
Gisela erzählte es nicht schnell.
Sie musste jeden Satz aus sich herausziehen.
Marie habe die Geburt überlebt, sagte sie, aber nicht lange.
Der erste Schock sei echt gewesen.
Das Blut.
Die Hektik.
Die Ärzte.
Dann sei alles in einem Durcheinander aus Stimmen und Türen passiert.
Die Kinder hätten gelebt.
Kinder.
Nicht Kind.
Dieses Wort fiel später.
Zuerst sagte Gisela nur, dass mein Sohn geatmet hatte.
Dass er geschrien hatte.
Dass meine Mutter im Flur gestanden und beschlossen hatte, dass Marie nicht in unsere Familie passte, nicht einmal nach ihrem Tod.
„Sie sagte, Marie sei ein armes Mädchen gewesen“, flüsterte Gisela.
„Sie sagte, diese Herkunft dürfe nicht an Ihrem Namen hängenbleiben.“
Ich dachte an Marie, wie sie am Küchentisch gesessen und Formulare sortiert hatte, weil sie nie wollte, dass jemand dachte, sie sei nachlässig.
Ich dachte daran, wie meine Mutter sie angelächelt hatte.
Nicht warm.
Kontrolliert.
Ich hatte es damals für Zurückhaltung gehalten.
Es war kein Zurückhalten von Gefühl gewesen.
Es war Abwarten.
„Nach der Geburt sagte Ihre Mutter, man solle Ihnen nichts zumuten“, sagte Gisela.
„Sie übernahm alles.“
Sie übernahm alles.
Das war Karin in drei Worten.
Rosa stand auf und ging zur Tür.
„Jonas“, sagte sie ruhig.
Der Junge erschien im Schatten des Flurs.
Er kam nicht näher.
Er hatte den Papierflieger nicht aufgehoben.
Seine Hand lag am Türrahmen.
Ich ging in die Hocke, weil ich nicht wollte, dass die Uniform größer war als ich selbst.
„Jonas“, sagte ich.
Sein Name fühlte sich an, als hätte ich ihn schon immer kennen müssen.
„Ich bin dein Vater.“
Er sah Rosa an.
Dann Gisela.
Dann mich.
„Mein Vater ist tot“, sagte er.
Es gibt Schläge, die keine Hand brauchen.
Ich nickte nur, weil ich sonst vielleicht zusammengebrochen wäre.
„Das hat man dir gesagt“, antwortete ich.
Ich wollte nicht sagen, dass es falsch war.
Nicht sofort.
Ein Kind verdient nicht, dass die Wahrheit wie ein Befehl in sein Leben fällt.
Rosa blieb neben ihm stehen.
„Er hat Angst vor Uniformen“, sagte sie.
„Vor allem seit Männer deiner Mutter hier waren.“
Ich sah sie an.
„Männer?“
„Leute, die Fragen stellten“, sagte Rosa.
„Ob wir schweigen. Ob Gisela noch hier sei. Ob der Junge gesund sei. Ob jemand in der Gemeinde zu viel wisse.“
Ich merkte, wie meine Hände kalt wurden.
Nicht aus Angst.
Aus Wut.
Kalte Wut ist gefährlicher als laute Wut.
Sie macht Listen.
Ich fragte nach Beweisen.
Nicht, weil ich ihnen nicht glaubte.
Sondern weil ein Leben, das acht Jahre lang mit Lügen zugedeckt wurde, Papier braucht, um wieder freigelegt zu werden.
Gisela ging ins Haus.
Sie kam mit einer Blechdose zurück, wie man sie früher für Nähzeug benutzte.
Darin lagen keine großen Akten.
Nur kleine Dinge.
Ein Krankenhausarmband.
Ein Entlassungsbogen.
Ein Foto, auf dem Marie im Bett lag, bleich, aber wach, eine Hand unter der Decke.
Und ein zweites Armband.
Ich sah es an, ohne zu verstehen.
Auf dem ersten stand Jonas.
Auf dem zweiten stand kein voller Name.
Nur eine Kennzeichnung.
Baby B.
Darunter dieselbe Zeit.
Ein paar Minuten später.
Ich hörte Rosa einatmen.
Gisela setzte sich auf die Stufe, als hätten ihre Beine endgültig aufgegeben.
„Marie hatte Zwillinge“, sagte sie.
Der Hof wurde still.
Nicht friedlich still.
Still wie ein Zimmer, in dem gerade jemand vergessen hat zu atmen.
„Wo ist das andere Kind?“, fragte ich.
Gisela starrte auf das zweite Armband.
„Ich habe Jonas genommen, weil ich ihn zuerst in die Hände bekam.“
Ihre Stimme brach an dieser Stelle fast.
Sie zwang sich weiter.
„Das andere Kind war bei Ihrer Mutter.“
Rosa flüsterte etwas, das ich nicht verstand.
Jonas kam einen halben Schritt näher.
Er verstand die Wörter nicht alle, aber Kinder verstehen die Temperatur eines Raumes.
„Was hat sie damit gemacht?“, fragte ich.
Gisela schüttelte den Kopf.
„Ich wusste es acht Jahre lang nicht sicher.“
Dann öffnete sie die Blechdose ganz.
Unter dem Foto lag ein gefalteter Zettel.
Kein Brief.
Eine Kopie.
Der Rand war schief, als hätte jemand ihn hastig aus einem Gerät gezogen.
Darauf stand eine Registriernummer und der Vermerk, dass ein weibliches Neugeborenes in eine vertrauliche Vermittlung gegeben worden war.
Kein Name der Familie.
Keine Adresse.
Nur das Datum.
Der Tag, an dem mir gesagt worden war, meine ganze Familie sei tot.
Ich hatte geglaubt, ich hätte an diesem Tag alles verloren.
In Wahrheit hatte jemand mein Leben aufgeteilt.
Ein Sohn war vor mir versteckt worden.
Eine Tochter war aus meiner Reichweite gebracht worden.
Und meine Mutter hatte mir am selben Abend Tee gekocht.
Ich nahm den Zettel in die Hand.
Papier ist leicht.
Manchmal trägt es trotzdem mehr Gewicht als ein Mensch.
Ich setzte mich auf die unterste Stufe, weil ich nicht länger stehen konnte.
Rosa sagte nichts.
Gisela weinte nicht laut.
Jonas sah den Papierflieger an, dann mich.
„Hast du Mama gekannt?“, fragte er.
Es war die erste Frage, die er direkt an mich stellte.
Ich nickte.
„Ja.“
Meine Stimme war rau.
„Ich habe sie sehr geliebt.“
Er dachte darüber nach, ernst, wie Kinder es tun, wenn Erwachsene endlich aufhören, ihnen halbe Sätze zu geben.
„Oma sagt, sie hat gesungen.“
„Das hat sie“, sagte ich.
„Schief.“
Rosa machte ein Geräusch, das fast ein Lachen war und fast ein Schluchzen.
„Sehr schief“, sagte sie.
Jonas sah mich wieder an.
Seine Angst war nicht weg.
So etwas verschwindet nicht, weil ein Mann einen Satz sagt.
Aber er lief auch nicht davon.
Das war der erste kleine Riss in acht Jahren Lüge.
Ich blieb an diesem Nachmittag auf der untersten Stufe sitzen.
Ich zog die Uniformjacke aus und legte sie neben mich.
Nicht als große Geste.
Nur, weil mein Sohn sie fürchtete.
Dann wartete ich.
Fünf Minuten.
Zehn.
Vielleicht länger.
Irgendwann kam Jonas heraus und hob den Papierflieger auf.
Er setzte sich nicht neben mich.
Aber er blieb im Hof.
Das reichte.
Rosa brachte Wasser.
Gisela legte die Blechdose zwischen uns auf die Bank.
Wir gingen jedes Papier durch.
Langsam.
Nicht dramatisch.
Deutsch.
Zeile für Zeile.
Uhrzeit.
Unterschrift.
Stempel.
Vermerk.
Geburtszeit Jonas.
Geburtszeit Baby B.
Name der Mutter.
Name des Vaters.
Mein Name.
Dort stand er.
Nicht als Erinnerung.
Als Beweis.
Als ich meinen eigenen Namen auf dem Papier sah, wurde mir klar, dass meine Vaterschaft nie verschwunden war.
Sie war nur vor mir versteckt worden.
Am Abend fuhr ich nicht sofort zu meiner Mutter.
Das hätte der alte Thomas getan.
Der Soldat, der einen Gegner sieht und die Stellung nimmt.
Aber hier ging es nicht um eine Stellung.
Hier ging es um ein Kind, das vor mir Angst hatte.
Um eine alte Frau, die acht Jahre lang allein gekämpft hatte.
Um eine Frau auf den Knien, die etwas Furchtbares getan hatte und etwas noch Furchtbareres verhindert hatte.
Und um eine Tochter, von der ich nicht einmal wusste, ob sie wusste, wer sie war.
Ich rief niemanden an, bevor Jonas im Haus war und die Tür hinter ihm geschlossen wurde.
Dann bat ich Rosa um einen ruhigen Tisch.
Sie führte mich in die Küche.
Alles war klein.
Alles war sauber.
Auf dem Tisch standen Sprudel, eine Butterdose und ein Teller mit aufgeschnittenen Brötchen.
Dort legten wir die Papiere aus.
Nicht wie Familie.
Wie Menschen, die eine Wahrheit sichern müssen, bevor wieder jemand sie ordnet und wegräumt.
Gisela schrieb auf, was sie wusste.
Nicht schön.
Nicht vollständig.
Aber eigenhändig.
Sie schrieb, dass Karin den Auftrag gegeben hatte.
Sie schrieb, dass das Kind nicht tot gewesen war.
Sie schrieb, dass Jonas zu Rosa gebracht wurde, weil sie es nicht übers Herz brachte, ihn auszuliefern.
Bei Baby B schrieb sie weniger.
Da standen nur der Tag, der Vermerk und der Satz, der mir später noch oft durch den Kopf ging.
„Das Mädchen wurde mir aus den Händen genommen, bevor ich zurück konnte.“
Ich las ihn dreimal.
Dann faltete ich das Papier nicht wieder zusammen.
Manche Dinge dürfen nicht zurück in eine Dose.
Die Suche nach meiner Tochter begann nicht mit einem Wunder.
Sie begann mit Formularen.
Mit Anträgen.
Mit beglaubigten Kopien.
Mit Gesprächen, in denen Menschen vorsichtig wurden, sobald sie verstanden, wie alt die Sache war und wie viele Unterschriften falsch verstanden oder bewusst falsch gesetzt worden sein könnten.
Ich will nicht behaupten, dass alles schnell ging.
Nichts ging schnell.
Nicht in einem Leben, das acht Jahre lang falsch beschriftet worden war.
Aber die Wahrheit hatte einen Vorteil.
Sie musste nicht schön sein.
Sie musste nur stimmen.
Drei Wochen später lag der erste offizielle Hinweis auf meinem Küchentisch.
Keine Adresse.
Keine romantische Filmauflösung.
Nur eine Bestätigung, dass meine Tochter gelebt hatte, dass sie unter einem anderen Familiennamen aufgewachsen war und dass eine Kontaktaufnahme nur behutsam und über den richtigen Weg erfolgen durfte.
Ich las den Satz so oft, bis die Wörter verschwammen.
Sie hatte gelebt.
Das war kein Ende.
Aber es war das Ende der schlimmsten Möglichkeit.
Ich fuhr an diesem Tag wieder zu Rosa.
Jonas saß in der Küche und faltete einen Papierflieger aus einem alten Einkaufszettel.
Als er mich sah, stand er nicht auf.
Er rannte auch nicht weg.
Er betrachtete meine Jacke, die diesmal keine Uniformjacke war, sondern ein einfacher grauer Mantel.
Dann schob er den Papierflieger über den Tisch.
„Kannst du den besser machen?“, fragte er.
Ich nahm das Papier.
Meine Finger zitterten mehr, als ich wollte.
„Ich kann es versuchen“, sagte ich.
Rosa stellte Sprudel auf den Tisch und tat so, als müsste sie sehr genau nach den Gläsern sehen.
Alles hatte wieder mit Papier zu tun.
Aber diesmal war Papier nicht die Waffe.
Es war der Weg zurück.
Später fragte Jonas mich nach Marie.
Nicht nach seinem Vater.
Nach seiner Mutter.
Ich erzählte ihm, dass sie beim Abendbrot immer die besten Stücke weitergab und dann behauptete, sie habe keinen Hunger.
Ich erzählte ihm, dass sie unpünktliche Menschen nicht hasste, aber Uhren persönlich beleidigt fand.
Ich erzählte ihm, dass sie einmal einen ganzen Sonntag damit verbracht hatte, ein Regal aufzubauen, nur weil meine Mutter gesagt hatte, sie solle lieber jemanden fragen.
Rosa lachte an der Stelle wirklich.
Kurz.
Heiser.
Aber wirklich.
Jonas hörte zu, als sammele er Teile einer Person ein, die man ihm gestohlen hatte.
Ich sagte ihm nicht, dass alles gut werden würde.
Das wäre die nächste Lüge gewesen.
Ich sagte ihm, dass ich wiederkommen würde.
Dass ich nicht verlangen würde, dass er mich Vater nennt.
Dass ich nicht beleidigt wäre, wenn er Zeit braucht.
Dass Erwachsene manchmal glauben, Kinder müssten die Wahrheit sofort tragen, nur weil Erwachsene sie endlich aussprechen.
Er nickte.
Dann sagte er: „Du kannst Thomas sein.“
Ich schluckte.
„Das reicht“, sagte ich.
Und es reichte wirklich.
Für diesen Tag.
Meine Mutter sah ich erst, nachdem die Papiere gesichert waren.
Ich werde diesen Teil nicht schön machen.
Sie weinte nicht so, wie sie damals im Krankenhaus geweint hatte.
Damals waren ihre Tränen Teil der Geschichte gewesen, die sie mir verkaufen wollte.
Diesmal war ihr Gesicht leerer.
Nicht, weil sie keine Schuld fühlte.
Sondern weil sie zum ersten Mal merkte, dass Ordnung nicht dasselbe ist wie Kontrolle.
Ich stellte keine große Rede auf.
Ich legte nur Kopien auf den Tisch.
Den Entlassungsbogen.
Die Armbänder.
Giselas Aussage.
Die Registriernummer.
Dann sagte ich ihr, dass sie nicht mehr diejenige sei, die entscheidet, welche Wahrheit in unserer Familie ausgesprochen wird.
Mehr brauchte es nicht.
Karin griff nach einem Stuhl.
Sie setzte sich langsam.
Der Tisch zwischen uns war derselbe Tisch, an dem sie mir nach Maries Tod Tee hingestellt hatte.
Acht Jahre zuvor hatte ich dort die Tasse gehalten und geglaubt, ich sei allein auf der Welt.
Jetzt wusste ich, dass ich nie allein gewesen war.
Ich war nur ferngehalten worden.
Es gab keine laute Abrechnung.
Keine Szene, die den Schaden kleiner gemacht hätte.
Es gab nur Konsequenzen, die ihren Weg durch Papier, Aussagen und zuständige Stellen nahmen.
Und es gab einen Jungen, der lernte, dass eine Uniform nicht immer Gefahr bedeutet.
In der einzigen kurzen Epilog-Szene, die ich mir erlaube, sitze ich einige Wochen später wieder in Rosas Küche.
Jonas sitzt mir gegenüber.
Zwischen uns liegt der Papierflieger, diesmal sauber gefaltet.
Neben dem Sprudelglas liegt ein Umschlag der Stelle, die den Kontakt zu meiner Tochter vorbereitet.
Noch ist er ungeöffnet.
Jonas tippt mit dem Finger gegen die Kante.
„Machst du ihn auf?“, fragt er.
Ich sehe Rosa an.
Dann das Papier.
Dann meinen Sohn.
Acht Jahre lang hatte ich geglaubt, meine Zukunft sei begraben.
Jetzt lag sie vor mir auf einem Küchentisch, in Form eines Kindes, eines Umschlags und einer Wahrheit, die endlich nicht mehr meiner Mutter gehörte.
Ich öffnete ihn nicht schnell.
Ich öffnete ihn vorsichtig.
Denn manche Familien findet man nicht zurück, indem man Türen eintritt.
Man findet sie zurück, indem man endlich aufhört, vor der Wahrheit wegzusehen.