Meine Tochter sah das Mikrofon an, als hätte der Moderator ihr etwas Gefährliches hingehalten, obwohl er nur auf eine Antwort wartete.
„Meine Mutter wird bei solchen Veranstaltungen schnell unruhig“, sagte sie schließlich. „Ich wollte sie nur an einen ruhigeren Ort bringen.“
„Nein“, sagte ich deutlich genug, dass das Mikrofon jedes Wort über die Arena trug. „Ich wollte auf dem Platz bleiben, für den meine Eintrittskarte gilt.“

Der Moderator deutete auf die Lücke zwischen den Stallwänden, wo das lose Gatter noch immer gegen den Pfosten schlug.
„Sie wollten Ihre Mutter also vor Lärm und Unruhe schützen, indem Sie sie neben einer ungesicherten Absperrung abstellten?“
Meine Tochter öffnete den Mund, doch diesmal kam keine fertige Erklärung.
Dann atmete sie scharf aus und sagte: „Ich wollte die Vorführung einmal ansehen, ohne mich jede Minute um jemanden kümmern zu müssen.“
Es war kein Missverständnis mehr, sondern das erste ehrliche Stück ihrer Antwort.
Ich blickte auf die Schlaufe an ihrem Handgelenk.
„Gib mir bitte meinen Haustürschlüssel zurück.“
Sie zog den Arm an den Körper.
„Und was ist, wenn bei dir etwas passiert?“
„Dann entscheide ich, wen ich anrufe“, antwortete ich. „Hilfe beginnt nicht damit, dass man meine Bremse festtritt, meine Karten nimmt und mich versteckt.“
Langsam löste sie den Schlüssel von der Schlaufe mit dem blauen Papierband und legte ihn auf meinen Schoß.
Das Metall war warm von ihrer Haut.
Ich schloss meine Hand darum und sagte: „Ab heute kommst du nicht mehr unangekündigt in meine Wohnung, und du entscheidest nicht mehr, wo ich warten, sitzen oder schweigen soll.“
Der Moderator fragte mich nicht, ob ich sicher sei, und genau dafür war ich ihm dankbar.
Er nahm das Mikrofon zurück und wollte wissen, ob die Vorführung fortgesetzt werden könne.
„Ja“, sagte ich. „Aber meine Tochter setzt sich nicht wieder auf den Begleitplatz.“
Sie blieb einige Schritte hinter der ersten Reihe stehen, während der Moderator in seine Kabine zurückkehrte und die Reiterinnen und Reiter sich erneut bereit machten.
Als das erste Pferd durch die Arena lief, legte ich den Schlüssel unter meine Handtasche, damit er nicht von meinem Schoß rutschen konnte.
Meine Tochter beobachtete nicht die Vorführung.
Sie sah immer wieder zu mir, als müsste sie erst begreifen, dass mein Rollstuhlplatz nicht mehr automatisch auch ihr Platz war.
Während der nächsten Pause kam sie an die Absperrung, blieb jedoch außerhalb meiner Reichweite stehen.
„Du hast mich vor allen Leuten bloßgestellt“, sagte sie leise.
„Du hast mich hinter den Ställen abgestellt.“
„Ich kümmere mich seit Monaten um dich.“
„Dann sag mir, was du mit kümmern meinst.“
Sie begann aufzuzählen, was sie für mich erledigte: Einkäufe, schwere Taschen, kleine Reparaturen, Fahrten und die Termine, bei denen sie darauf bestand, mitzukommen.
Vieles davon stimmte, und ich hatte nicht vor, es kleinzureden.
„Du hast mir geholfen“, sagte ich. „Aber irgendwann hast du aus dieser Hilfe ein Recht gemacht, über mich zu bestimmen.“
„Das ist unfair.“
„Unfair war, dass mein leerer Platz vorne beweisen sollte, wie fürsorglich du bist, während ich hinten nicht einmal meine Bremse lösen konnte.“
Sie sah kurz zu den Menschen in der Reihe neben mir, doch niemand mischte sich ein.
Ihre Stimme wurde härter.
„Du sagst ständig, dass ich entscheiden soll, weil dir alles zu anstrengend ist.“
Auch das war nicht völlig falsch.
In den vergangenen Monaten hatte ich oft „Mach du“ gesagt, wenn sie mir drei Möglichkeiten in einem Ton vorlegte, der nur eine davon wirklich zuließ.
Ich hatte nachgegeben, weil jeder Widerspruch dieselbe Reaktion auslöste: ein genervtes Ausatmen, ein Blick auf die Uhr und die Bemerkung, dass sie schließlich auch ein eigenes Leben habe.
Also hatte ich versucht, möglichst wenig Aufwand zu verursachen.
Ich hatte mich bedankt, wenn sie ohne Klingeln in meine Wohnung kam.
Ich hatte nichts gesagt, wenn sie meine Sachen umstellte, weil sie es praktischer fand.
Ich hatte geschwiegen, wenn sie meine Antworten für mich gab, weil eine Korrektur vor anderen sofort wie Undankbarkeit wirkte.
Der Schlüssel war ursprünglich für Notfälle gedacht gewesen, doch aus dem Notfallschlüssel war nach und nach ein Zeichen dafür geworden, dass sie jederzeit eintreten und jede Entscheidung überprüfen durfte.
„Ich habe dir zu oft die Wahl überlassen“, sagte ich. „Aber ich habe dir nie erlaubt, mir die Wahl wegzunehmen.“
Meine Tochter verschränkte die Arme.
„Du stellst es jetzt so dar, als hätte ich das alles geplant.“
Ich nahm die Eintrittskarten von meinem Schoß, die der Moderator mir zurückgegeben hatte, und hielt sie hoch.
„Wann hast du entschieden, dass ich hinter den Ställen warten soll?“
„Als wir hier waren.“
„Bevor oder nachdem du das blaue Band bekommen hast?“
Ihre Augen wanderten zu ihrem Handgelenk.
Das Papierband war eingerissen, weil sie den Schlüssel hastig davon gelöst hatte.
„Danach“, sagte sie.
„Und warum hast du meine Bremse festgetreten?“
„Weil du sonst zurückgerollt wärst.“
Die Antwort kam zu schnell, um noch eine Ausrede zu sein.
Sie hatte nicht geglaubt, ich bräuchte Ruhe.
Sie hatte gewusst, dass ich ihren Plan nicht akzeptieren würde, und dafür gesorgt, dass ich ihn nicht verhindern konnte.
„Du wusstest also, dass ich zurück zu meinem Platz wollte.“
Meine Tochter presste die Lippen zusammen.
„Ich wollte dich nach der Vorführung wieder holen.“
„Das hast du mir nicht gesagt.“
„Weil du angefangen hättest zu diskutieren.“
„Du meinst, weil ich Nein gesagt hätte.“
Sie antwortete nicht.
In der Arena kündigte der Moderator die nächste Vorführung an, doch sein Blick ging kurz zu uns, bevor er weitersprach.
Er hatte seine Aufgabe erfüllt, als er mich gesehen und die richtige Frage gestellt hatte.
Was zwischen meiner Tochter und mir geschehen sollte, konnte er nicht für uns entscheiden.
„Ich wollte heute einfach einmal vorne sitzen“, sagte sie nach einer Weile. „Ich wollte nicht wieder diejenige sein, die Taschen hält, Wege sucht und ständig fragt, ob alles in Ordnung ist.“
Zum ersten Mal hörte ich nicht nur Trotz, sondern Erschöpfung.
Das machte ihre Handlung verständlicher, aber nicht harmloser.
„Dann hättest du mir sagen müssen, dass du nicht meine Begleitung sein möchtest.“
„Und dann?“
„Dann wären wir nicht zusammen gekommen, oder ich hätte eine andere Lösung gesucht.“
„Welche andere Lösung?“
„Das wäre meine Verantwortung gewesen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du tust so, als wäre alles ganz einfach.“
„Nein“, sagte ich. „Ich sage nur, dass schwierig nicht dasselbe ist wie unmöglich und dass deine Überforderung dir nicht erlaubt, mich festzusetzen.“
Eine Durchsage lenkte die Zuschauer wieder zur Arena, und meine Tochter trat einen Schritt zurück, weil sie den Seitengang nicht blockieren durfte.
Bevor sie ging, fragte sie: „Willst du überhaupt noch, dass ich dir helfe?“
„Nicht auf diese Weise.“
„Was soll das heißen?“
„Dass du Nein sagen darfst, wenn du keine Zeit oder Kraft hast, und dass ich Nein sagen darf, wenn du etwas für mich entscheidest.“
Sie sah mich lange an.
„Und wenn du dadurch weniger Hilfe bekommst?“
„Dann muss ich lernen, mit weniger Hilfe zu planen, statt für Hilfe meine Stimme abzugeben.“
Dieser Satz traf nicht nur sie.
Ich hatte mir jahrelang eingeredet, Schweigen sei der Preis dafür, niemandem zur Last zu fallen.
Nach meinem Unfall hatten mir viele Menschen Entscheidungen abgenommen, zunächst aus medizinischer Notwendigkeit und später aus Gewohnheit.
Die meisten meinten es gut, doch gut gemeinte Gewohnheiten konnten ebenso eng werden wie ein festgestellter Bremshebel.
Meine Tochter war in diese Ordnung hineingewachsen.
Sie hatte erlebt, wie andere mit mir langsamer sprachen, obwohl mein Kopf nicht verletzt war, wie Fragen über mich gestellt wurden, während ich daneben saß, und wie jede selbstständige Handlung als erstaunliche Leistung behandelt wurde.
Anfangs hatte sie sich darüber geärgert.
Später hatte sie selbst begonnen, meine Sätze zu beenden.
Vielleicht hatte sie den Wechsel nicht bemerkt.
Ich hatte ihn bemerkt und trotzdem selten widersprochen.
Das war der Teil, den ich mir eingestehen musste, ohne ihre Verantwortung kleiner zu machen.
Als die Vorführung endete, erhoben sich die Zuschauer, und für einige Minuten bewegte sich alles gleichzeitig: Menschen suchten Taschen, Kinder drängten zu den Ausgängen, und hinter der Absperrung wurden die Pferde zurückgeführt.
Meine Tochter wartete am Ende der ersten Reihe.
Sie kam nicht sofort zu mir, sondern fragte: „Darf ich den Stuhl schieben?“
Die Frage klang ungewohnt in ihrem Mund.
„Noch nicht“, sagte ich. „Ich rolle selbst bis zum Ausgang.“
Sie nickte, obwohl ihr die Antwort nicht gefiel, und ging neben mir her, ohne die Griffe zu berühren.
Der Moderator kam aus seiner Kabine und blieb in einigem Abstand stehen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er mich.
„Noch nicht“, antwortete ich. „Aber es ist wieder meine Entscheidung.“
Er nahm das ohne weiteren Kommentar an.
Meine Tochter sah ihn an.
„Sie hätten das nicht über das Mikrofon sagen müssen.“
„Ich habe nur gesagt, was ich gesehen habe“, erwiderte er. „Ihre Mutter hat selbst gesagt, was es bedeutet.“
Seine Stimme war ruhig und sachlich, und gerade deshalb konnte sie ihm keine Inszenierung vorwerfen.
Dann wandte er sich an mich.
„Ich habe Ihnen damals nie richtig danken können.“
„Sie haben heute hingesehen“, sagte ich. „Das genügt mir.“
Er gab mir die Hand, ohne sich über mich zu beugen, und kehrte danach zu den Helfern an der Arena zurück.
Meine Tochter und ich blieben zwischen den abziehenden Besuchern stehen.
„Du hast ihm sofort geglaubt“, sagte sie.
„Er hat mich gefragt.“
„Ich frage dich auch ständig, ob du etwas brauchst.“
„Du fragst oft, nachdem du schon entschieden hast, was die richtige Antwort sein soll.“
Sie wollte widersprechen, doch ihr Blick fiel auf die Schiebegriffe meines Rollstuhls.
Am Ausgang fragte sie, ob sie mich nach Hause begleiten dürfe.
Ich sagte, dass ich meine Heimfahrt selbst regeln würde.
Ihre Enttäuschung war sichtbar, aber sie versuchte nicht, meine Entscheidung zu verändern.
„Rufst du mich später an?“
„Morgen.“
„Warum nicht heute?“
„Weil wir beide erst überlegen sollten, was wir wirklich sagen wollen.“
Sie rieb über die Stelle an ihrem Handgelenk, an der vorher der Schlüssel gehangen hatte.
„Und wenn du heute Abend etwas brauchst?“
„Dann kümmere ich mich darum.“
Sie ging schließlich allein über den Platz, das eingerissene Papierband noch am Arm.
Ich sah ihr nicht nach, um zu prüfen, ob sie sich umdrehte.
Zum ersten Mal seit Monaten musste ich nicht überlegen, wann sie ohne Ankündigung meine Wohnungstür öffnen würde.
Am nächsten Vormittag rief ich sie an.
Sie meldete sich sofort und begann mit den Worten: „Ich weiß, dass ich gestern einen Fehler gemacht habe.“
„Einen Fehler oder eine Entscheidung?“
Am anderen Ende blieb es kurz still.
„Eine Entscheidung“, korrigierte sie sich.
„Das ist wichtig.“
„Willst du, dass ich mich noch einmal entschuldige?“
„Ich möchte, dass wir Klartext reden.“
Sie sagte, sie könne am Nachmittag kommen.
„Klingel bitte“, antwortete ich. „Und warte, bis ich öffne.“
Sie traf pünktlich ein.
Als es läutete, rollte ich selbst in den Flur, schloss die Tür auf und ließ sie eintreten.
Ihr Blick ging automatisch zu dem kleinen Haken neben der Garderobe, an dem mein Schlüssel hing.
Früher hätte sie ihn wahrscheinlich eingesteckt, ohne zu fragen, weil es für sie selbstverständlich geworden war.
Diesmal ließ sie die Hände bei sich.
Am Küchentisch legte ich ein Blatt Papier und einen Stift bereit, nicht als Vertrag und nicht als Beweismittel, sondern damit wir uns später nicht wieder auf unterschiedliche Erinnerungen berufen konnten.
„Ich will keine Liste darüber, was ich alles falsch gemacht habe“, sagte sie.
„Die Liste ist für die Zukunft.“
Ich schrieb drei Sätze auf.
Besuche werden vorher vereinbart.
Entscheidungen über meine Wohnung, meine Termine und meinen Rollstuhl treffe ich selbst.
Hilfe darf angeboten und abgelehnt werden, ohne dass daraus Schuld oder Strafe entsteht.
Meine Tochter las die Sätze zweimal.
„Das klingt, als wäre ich irgendeine Betreuerin.“
„Nein“, sagte ich. „Eine Betreuerin hätte klare Aufgaben und Grenzen. Du bist meine Tochter, und genau deshalb brauchen wir Grenzen, die unsere Beziehung nicht zerstören.“
Sie setzte sich zurück.
„Du weißt nicht, wie es ist, ständig verantwortlich zu sein.“
„Dann erzähl es mir.“
Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet.
Sie berichtete nicht von einer einzelnen Katastrophe, sondern von vielen kleinen Dingen: davon, wie sie jedes Klingeln ihres Telefons mit mir verband, wie sie Einladungen absagte, weil sie glaubte, erreichbar sein zu müssen, und wie sie sich gleichzeitig schämte, mir zu sagen, dass sie manchmal einfach nicht kommen wollte.
„Ich dachte, eine gute Tochter macht das alles“, sagte sie.
„Und ich dachte, eine gute Mutter beschwert sich nicht darüber, wie ihre Tochter es macht.“
Zum ersten Mal saßen wir nicht auf zwei Seiten derselben Ausrede.
Sie hatte ihre Erschöpfung als Fürsorge verkleidet, und ich hatte meine Angst vor dem Alleinsein als Dankbarkeit verkleidet.
Beides hatte uns daran gehindert, ehrlich zu verhandeln.
„Beim Fest haben die Leute mich angesehen, als wäre ich ein Monster“, sagte sie.
„Sie haben gesehen, was du getan hast.“
„Das ist nicht mein ganzes Leben.“
„Nein. Aber es war eine Handlung, die du nicht kleiner machen darfst, nur weil du auch andere Dinge getan hast.“
Sie strich mit dem Finger über den Rand des Papiers.
„Ich wollte nicht, dass du verletzt wirst.“
„Du hast mich an einem Ort zurückgelassen, an dem ein loses Gatter gegen den Pfosten schlug.“
„Ich dachte, es passiert schon nichts.“
„Du hast nicht geprüft, ob dort ein sicherer Weg, Hilfe oder überhaupt jemand in meiner Nähe war.“
Ihre Schultern sanken ein wenig.
„Ich habe nur an den Platz gedacht.“
Diese Antwort war schmerzhafter als jede weitere Rechtfertigung, weil sie glaubwürdig war.
Sie hatte mich nicht hinter die Ställe gebracht, um mir bewusst körperlich zu schaden.
Sie hatte mich dorthin gebracht, weil mein Wohlergehen in diesem Moment weniger wichtig gewesen war als ihr Wunsch, vorne zu sitzen und weiterhin als meine Begleitung zu gelten.
„Warum hast du mich nicht einfach gefragt, ob du allein zur Vorführung gehen kannst?“
„Weil ich das Band nur als deine Begleitperson bekommen habe.“
„Also brauchtest du mich für den Zugang, aber nicht auf dem Platz.“
Sie schloss die Augen für einen Moment.
„Ja.“
Damit war die letzte bequeme Erklärung verschwunden.
Es war weder Lärm noch Schutz noch ein spontanes Missverständnis gewesen.
Sie hatte eine Regelung, die mir Teilhabe ermöglichen sollte, benutzt, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, und danach meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt, damit niemand den Widerspruch bemerkte.
Doch die tiefere Wahrheit lag nicht nur in diesem Nachmittag.
Meine Tochter war überzeugt gewesen, dass ihre Hilfe ihr ein Guthaben verschaffte, von dem sie Entscheidungen über mich abbuchen konnte.
Und ich hatte viel zu lange so getan, als müsse ich diese Rechnung akzeptieren, weil ich sonst riskierte, gar keine Unterstützung mehr zu erhalten.
„Ich gebe dir den Schlüssel nicht zurück“, sagte ich.
Sie nickte langsam.
„Nie wieder?“
„Nicht in absehbarer Zeit.“
„Und wenn wir es irgendwann wieder versuchen?“
„Dann sprechen wir vorher darüber, wofür er da ist, und du trägst ihn nicht wie einen Ausweis dafür, dass du über mich verfügen darfst.“
Sie sah zum Haken im Flur.
„Ich habe mich wichtig gefühlt, wenn ich ihn bei mir hatte.“
Das war die ehrlichste Aussage, die sie an diesem Tag machte.
Der Schlüssel hatte ihr nicht nur Zugang gegeben.
Er hatte ihr die Rolle der unverzichtbaren Tochter bestätigt, die alles wusste, alles regelte und deshalb nie fragen musste.
„Du darfst wichtig sein“, sagte ich. „Aber nicht, indem du mich kleiner machst.“
Sie nahm den Stift und ergänzte unter meinen drei Sätzen einen vierten.
Ich sage rechtzeitig, wenn mir etwas zu viel wird.
Dann schob sie das Blatt zu mir.
„Gilt das auch für dich?“
„Ja.“
„Dann schreib es dazu.“
Ich ergänzte, dass auch ich rechtzeitig sagen würde, wenn ich Unterstützung brauchte, statt schweigend zu erwarten, dass sie jede Möglichkeit vorhersehen musste.
Wir unterschrieben nichts.
Es ging nicht darum, ein Verfahren zu eröffnen, sondern eine Gewohnheit zu beenden.
In den folgenden Wochen wurde unser Kontakt zunächst weniger.
Meine Tochter kam nicht mehr automatisch mehrmals vorbei, und ich musste manche Aufgaben anders planen oder auf einen anderen Tag verschieben.
Das war unbequemer, als ich es mir am Küchentisch vorgestellt hatte.
Mehr als einmal lag der Gedanke nahe, ihr den Schlüssel einfach wiederzugeben, damit alles schneller ging.
Doch jedes Mal erinnerte ich mich an ihren Schuh auf meiner Bremse.
Ich erinnerte mich nicht, um wütend zu bleiben, sondern um nicht wieder Geschwindigkeit mit Sicherheit zu verwechseln.
Meine Tochter lernte ebenfalls langsam.
Beim ersten vereinbarten Besuch griff sie im Flur nach meiner Tasche und hielt mitten in der Bewegung inne.
„Soll ich sie nehmen?“
„Ja, bitte.“
Beim nächsten Mal wollte sie meinen Rollstuhl näher an den Tisch schieben, fragte jedoch vorher, ob ich Hilfe brauchte.
Ich verneinte, und sie ließ die Griffe los, ohne beleidigt zu reagieren.
Nicht jede Begegnung verlief friedlich.
Einmal warf sie mir vor, dass ich sie nach dem Fest absichtlich auf Abstand hielt, um sie zu bestrafen.
Ich sagte ihr, dass Abstand keine Strafe sei, wenn Nähe zuvor ohne Zustimmung stattgefunden habe.
Sie ging früher als geplant, kam aber zwei Tage später wieder und klingelte.
Wir sprachen auch über das Mikrofon.
Sie konnte mir lange nicht verzeihen, dass ich sie vor so vielen Menschen zu einer Erklärung gezwungen hatte.
Ich konnte ihr lange nicht verzeihen, dass sie nur deshalb um mein Schweigen gebeten hatte, weil sie ihre eigene Verlegenheit für wichtiger hielt als meine Würde.
Am Ende mussten wir beides nebeneinander stehen lassen.
Ich sagte ihr, dass ich sie nicht noch einmal öffentlich bloßstellen wollte, aber auch nicht versprechen würde, künftig zu schweigen, wenn sie meine Grenzen öffentlich verletzte.
Sie sagte, sie werde nie wieder behaupten, für mich zu sprechen, ohne mich vorher zu fragen.
Es war keine vollständige Versöhnung.
Vertrauen kehrte nicht zurück, nur weil ein Schlüssel seinen Besitzer gewechselt hatte.
Es zeigte sich in kleinen Situationen, in denen meine Tochter eine Antwort abwartete, obwohl sie glaubte, sie bereits zu kennen.
Einige Monate später fand auf demselben Gelände eine kleinere Veranstaltung statt.
Meine Tochter fragte, ob ich hingehen wolle.
„Möchtest du mich begleiten?“, fragte ich zurück.
Sie überlegte, bevor sie antwortete.
„Ja, aber nur, wenn wir beide dort sein wollen und jeder seinen eigenen Platz hat.“
Wir besorgten getrennte Eintrittskarten.
Es gab kein blaues Begleitband für sie und keinen besonderen Sitz, den sie durch meinen Rollstuhl erhielt.
Als wir ankamen, fragte sie, ob sie mich bis zur Reihe schieben dürfe, weil der Weg an einer Stelle uneben war.
Ich sagte Ja.
Am Platz nahm sie die Hände sofort von den Griffen und setzte sich auf den Stuhl neben mir, den sie selbst bezahlt hatte.
Der Moderator sah uns von seiner Kabine aus und hob kurz die Hand.
Ich erwiderte den Gruß, ohne dass die Veranstaltung unterbrochen werden musste.
Meine Tochter bemerkte es.
„Denkst du noch oft an damals?“
„Ja.“
„Ich auch.“
Mehr sagten wir nicht, denn diesmal musste keine Erklärung über Lautsprecher erfolgen.
Nach der Veranstaltung wartete sie, bis ich mich aus der Reihe gerollt hatte, und ging neben mir her.
Am losen Seitengatter war inzwischen eine zusätzliche Sicherung angebracht, doch ich schenkte ihr nur einen kurzen Blick.
Die Veränderung, die für mich zählte, lief neben mir und hielt Abstand zu den Schiebegriffen.
Vor meiner Wohnung verabschiedete sich meine Tochter an der Tür.
Früher wäre sie mit mir hineingegangen, hätte den Schlüssel aus ihrer Tasche genommen und bereits im Flur entschieden, was als Nächstes erledigt werden musste.
Diesmal wartete sie draußen, bis ich selbst aufgeschlossen hatte.
„Soll ich noch mit reinkommen?“, fragte sie.
Ich dachte kurz nach und sagte: „Heute nicht. Aber komm am Sonntag zum Abendbrot.“
Sie lächelte nicht sofort, als wäre damit alles vergeben.
Sie nickte nur und fragte, um wie viel Uhr sie klingeln solle.
Nachdem sie gegangen war, rollte ich in den Flur zurück und hängte meinen Haustürschlüssel an den kleinen Haken neben der Garderobe.
Dort blieb er, bis es am Sonntag zur vereinbarten Zeit klingelte und ich selbst zur Tür fuhr, um meiner Tochter zu öffnen.