Am Fährterminal sollte mein Mann für den Plan unserer Tochter bezahlen-mejusnhi

Für einen Augenblick sagte niemand etwas, dann bat der Zollmitarbeiter meinen Mann, seine Unterschrift auf einem leeren Blatt zu wiederholen.

Seine Hand zitterte, doch die Buchstaben waren deutlich anders als die Unterschrift unter der Erklärung.

Unsere Tochter sah den Unterschied ebenfalls.

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Sie ließ den Arm ihres Sohnes los und beugte sich nach seinem Rucksack, als wolle sie nur seine Sachen aufheben.

Der Mitarbeiter war schneller.

„Bitte lassen Sie den Rucksack liegen“, sagte er.

Unser Enkel hob ihn trotzdem selbst auf, drückte ihn wieder an die Brust und sah zuerst seine Mutter, dann seinen Großvater an.

„Mama hat gesagt, ich darf ihn niemandem geben“, flüsterte er.

„Da sind nur seine Sachen drin“, sagte unsere Tochter sofort.

Mein Mann hielt sich nun nicht mehr am Rollator fest, sondern an meiner Hand.

Der Mitarbeiter fragte den Jungen ruhig, ob sich sein Reisepass im Rucksack befinden sollte.

Unser Enkel schüttelte den Kopf.

„Mama hat ihn gestern genommen.“

Die Farbe wich aus dem Gesicht unserer Tochter.

Der Mitarbeiter deutete auf den Kontrolltisch, auf dem der Pass bereits neben den beiden einfachen Fährtickets und der gefälschten Erklärung lag.

„Dann möchte ich jetzt wissen, was noch in dem Rucksack ist.“

Unser Enkel öffnete langsam den Reißverschluss.

Oben lagen ein Pullover, eine Trinkflasche und ein kleines Stofftier, das er seit Jahren überallhin mitnahm.

Darunter befand sich ein Schlüsselbund.

Mein Mann erkannte den roten, ausgefransten Anhänger sofort.

Es war der Ersatzschlüssel zu unserer Wohnung, den wir unserer Tochter gegeben hatten, als sie während seiner Erkrankung Einkäufe für uns erledigte.

„Warum hast du den?“, fragte er.

Der Junge sah seine Mutter an.

Sie antwortete nicht.

Also tat er es.

„Mama hat gesagt, wir schlafen ab heute in eurer Wohnung“, sagte er. „Weil Opa nicht wiederkommt.“

Niemand musste erklären, was dieser Satz bedeutete.

Die zwei einfachen Tickets, die gefälschte Auszugserklärung und unser Wohnungsschlüssel lagen jetzt nebeneinander auf dem Tisch wie Teile eines Plans, den unsere Tochter bis vor wenigen Minuten für unangreifbar gehalten hatte.

Sie versuchte noch einmal, nach dem Schlüsselbund zu greifen.

Der Zollmitarbeiter schob den Rucksack und die Dokumente aus ihrer Reichweite.

„Sie bleiben bitte dort stehen“, sagte er.

Seine Stimme war nicht laut, doch selbst die Menschen in den benachbarten Spuren verstummten.

Unsere Tochter richtete sich auf und sah mich an, als wäre nicht sie, sondern ich gerade dabei, unsere Familie zu zerstören.

„Du weißt überhaupt nicht, was hier passiert“, sagte sie.

„Dann erklär es“, erwiderte ich.

Sie presste die Lippen zusammen.

Mein Mann stand neben mir, blass und erschöpft, aber er wich ihrem Blick nicht mehr aus.

Noch am Morgen hatte er geglaubt, er müsse zwischen der Wahrheit und seinem Enkel wählen.

Jetzt begann er zu verstehen, dass genau diese Angst der wichtigste Teil ihres Plans gewesen war.

Sie hatte ihn nicht nur dazu bringen wollen, das Bündel als sein Eigentum auszugeben.

Sie hatte darauf gesetzt, dass er alles Weitere ebenfalls tun würde, sobald der Junge neben ihr stand.

„Du hast mir gesagt, ich soll schweigen“, sagte er. „Du hast gesagt, sonst kommt er heute Abend nicht nach Hause.“

„Das war keine Drohung“, entgegnete sie hastig. „Du verdrehst alles.“

Unser Enkel hob den Kopf.

„Doch“, sagte er leise. „Du hast im Auto gesagt, Opa macht, was du willst, wenn du mich mitnimmst.“

Unsere Tochter fuhr zu ihm herum.

„Du hast das falsch verstanden.“

Der Junge wich einen Schritt zurück.

Es war nur eine kleine Bewegung, aber sie veränderte mehr als jede Anschuldigung zuvor.

Bis zu diesem Moment hatte er sich trotz allem immer wieder an ihrer Seite ausgerichtet, als müsse er ihre Reaktion prüfen, bevor er sprechen durfte.

Nun stellte er sich neben den Rollator seines Großvaters.

Meine Tochter sah ihn an, dann die Dokumente und schließlich den Weg hinter sich.

Der Mitarbeiter bemerkte es ebenfalls und trat so, dass sie die Kontrollspur nicht verlassen konnte, ohne direkt an ihm vorbeizumüssen.

„Ich wollte doch nur, dass Papa endlich aus dieser viel zu großen Wohnung auszieht“, sagte sie.

Ihre Stimme klang plötzlich vernünftig, beinahe fürsorglich.

„Er schafft die Treppen kaum noch, er vergisst Termine, und Mama tut so, als wäre alles normal.“

„Warum hast du dann meine Unterschrift gefälscht?“, fragte mein Mann.

„Weil du nie etwas entscheidest.“

„Und warum sollte ich mit meinem Enkel auf eine Fähre steigen?“

Darauf hatte sie keine vorbereitete Antwort.

Sie sah zu ihrem Sohn, aber der Junge blickte nur auf die Hand seines Großvaters, die auf dem Griff des Rollators lag.

Der Mitarbeiter nahm die Tickets hoch.

„Sie wurden zusammen gebucht“, sagte er. „Nur für den Jungen und seinen Großvater, ohne Rückfahrt.“

„Vielleicht wollte Papa verreisen“, sagte unsere Tochter.

„Ich wusste bis heute nicht einmal, dass diese Abfahrt existiert“, erwiderte mein Mann.

„Er vergisst ständig Dinge.“

Diesmal reagierte er nicht auf die Behauptung.

Stattdessen zog er seine Brieftasche hervor und legte seine eigenen Reiseunterlagen auf den Tisch.

Wir hatten zwei Rückfahrkarten für einen kurzen Besuch bei meiner Schwester gekauft, beide auf unsere Namen ausgestellt und für eine andere Verbindung bestimmt.

Unsere Tochter wusste davon.

Sie hatte uns am Abend zuvor sogar gefragt, wann wir zurückkämen.

Damals hatte ich die Frage für ungewöhnliche Anteilnahme gehalten.

Jetzt verstand ich, dass sie nur hatte wissen wollen, wie viel Zeit ihr blieb.

„Du wusstest, dass wir gemeinsam reisen“, sagte ich. „Warum sollte er mich plötzlich zurücklassen und allein mit dem Jungen auf eine andere Fähre gehen?“

„Vielleicht wollte er ihn von mir wegbringen.“

Die Antwort kam zu schnell.

Der Mitarbeiter legte die Tickets wieder hin.

Mein Mann sah unsere Tochter lange an.

„Das wolltest du später sagen“, stellte er fest.

Sie schüttelte den Kopf, aber er sprach weiter.

„Du wolltest mich mit seinem Pass und einem einfachen Ticket durch die Kontrolle bringen, und danach hättest du behauptet, ich hätte ihn ohne deine Zustimmung mitgenommen.“

„Unsinn.“

„Während du mit meinem Schlüssel in unsere Wohnung gehst und dieses Papier vorzeigst.“

„Das Papier beweist gar nichts.“

„Gerade hast du noch behauptet, ich hätte es unterschrieben.“

Zum ersten Mal seit Beginn der Kontrolle wusste sie nicht, welche ihrer Erklärungen sie verteidigen sollte.

Ihre Fürsorge für einen angeblich verwirrten Vater passte nicht zu den gefälschten Dokumenten.

Die Behauptung einer geplanten Reise passte nicht zu unseren echten Tickets.

Und die Geschichte von einer harmlosen Wohnungsübergabe passte nicht zu der Drohung, mit der sie meinen Mann zum Schweigen gebracht hatte.

Der Mitarbeiter fragte sie, wer das Fährticket gekauft habe.

„Ich habe es nur für ihn ausgedruckt.“

„Wer hat es bezahlt?“

Sie schwieg.

„Mama“, sagte unser Enkel, „du hast gestern gesagt, es kostet weniger, wenn Opa nicht zurückfährt.“

Sie schloss kurz die Augen.

Dann veränderte sich ihr Ton.

Die ruhige Tochter, die angeblich nur überforderte Eltern schützen wollte, verschwand.

„Natürlich habe ich bezahlt“, sagte sie. „Weil ihr beide nie etwas zu Ende bringt.“

Sie zeigte auf den Rollator.

„Papa kann kaum laufen, die Wohnung ist für euch völlig ungeeignet, und trotzdem klammert ihr euch daran, nur damit ich weiter jeden Tag kommen und alles erledigen muss.“

„Du kommst seit Wochen nicht mehr zu uns“, sagte ich.

„Weil ich auch ein eigenes Leben habe.“

„Du hast den Ersatzschlüssel behalten.“

„Für Notfälle.“

„Und heute war der Notfall, dass wir nicht zu Hause waren?“

Sie antwortete nicht.

Unser Enkel zog den Schlüsselbund aus dem Rucksack und betrachtete den roten Anhänger.

„Mama hat gesagt, ich soll mein Zimmer bei euch aussuchen“, sagte er.

Ich kniete mich neben ihn, ohne den Schlüssel anzufassen.

„Hat sie dir gesagt, wo Opa und ich dann wohnen würden?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nur, dass Opa eine lange Reise macht und du später auch weggehst.“

Mein Mann senkte den Blick.

Nicht wegen der Wohnung.

Der Verlust von Räumen und Möbeln wäre schlimm gewesen, aber nicht das Schlimmste.

Unsere Tochter hatte versucht, dem Jungen eine Geschichte zu geben, in der seine Großeltern ihn freiwillig verließen.

Seit Wochen hatte sie bereits kleine Teile davon vorbereitet.

Abgesagte Besuche waren angeblich unsere Entscheidung gewesen.

Nicht beantwortete Anrufe hatte sie ihm als Desinteresse erklärt.

Geschenke, die wir vorbeigebracht hatten, hatte er nie erhalten.

Und nun sollte eine Reise ohne Rückfahrkarte zum endgültigen Beweis werden, dass sein Großvater ihn mitgenommen und anschließend im Stich gelassen hatte.

„Hast du ihm wirklich gesagt, wir hätten keine Zeit für ihn?“, fragte mein Mann.

Unsere Tochter verschränkte die Arme.

„Manchmal hattet ihr keine.“

„Du hast die Besuche abgesagt.“

„Weil es jedes Mal Streit gab.“

„Es gab Streit, weil du Geld von mir verlangt hast.“

Sie lachte kurz und hart.

„Jetzt geht es also darum.“

Ich wusste, welches Geld er meinte.

Vor drei Monaten hatte sie ihn gebeten, eine hohe Rechnung zu übernehmen, ohne zu erklären, wofür sie entstanden war.

Als er ablehnte, hatte sie den ersten Sonntagsbesuch abgesagt.

Eine Woche später wollte sie den Ersatzschlüssel nicht zurückgeben.

Danach begann sie, in jedem Gespräch seine Vergesslichkeit zu erwähnen, obwohl seine Ärzte nie eine Erkrankung festgestellt hatten, die ihm die Fähigkeit zu eigenen Entscheidungen nahm.

Er war langsamer geworden.

Er brauchte den Rollator.

Manchmal suchte er nach einem Namen oder verlegte seine Brille.

Unsere Tochter hatte aus diesen gewöhnlichen Schwächen eine Rolle gebaut, in die sie ihn bei Bedarf hineindrängen konnte.

Heute sollte diese Rolle erklären, warum seine Unterschrift anders aussah, warum er angeblich eine Reise vergessen hatte und warum man seiner Aussage über das Bündel nicht glauben durfte.

Der Zollmitarbeiter bat meinen Mann, den Inhalt der Dokumentenhülle noch einmal genau anzusehen.

Unter der Auszugserklärung lag ein zweites Blatt, das beim ersten Öffnen an der Kunststofffolie haften geblieben war.

Es war keine neue Vollmacht und kein weiterer Vertrag.

Es war eine einfache Liste.

Darauf standen Abfahrtszeit, Kontrollspur, die Nummer des Fähranlegers und mehrere kurze Sätze, die offenbar als Ablauf gedacht waren.

Neben „Pass und Tickets in Rollatortasche“ war ein Haken gesetzt.

Darunter stand: „Papa sagt, alles gehört ihm.“

Der nächste Punkt lautete: „Schlüssel nach Abfahrt benutzen.“

Mein Mann las die Zeilen zweimal.

Unsere Tochter streckte plötzlich die Hand aus.

„Das ist nicht meine Schrift.“

Der Mitarbeiter drehte das Blatt um.

Auf der Rückseite befand sich eine kleine Zeichnung unseres Enkels, ein Haus mit drei Fenstern und einer krummen Sonne darüber.

In einer Ecke hatte er seinen Namen geschrieben.

„Das lag gestern auf dem Küchentisch“, sagte der Junge. „Mama hat ihre Liste auf die andere Seite geschrieben, weil kein Papier da war.“

Damit war die Liste nicht mehr irgendein loses Blatt, das man einer fremden Person zuschieben konnte.

Der Junge wusste, woher es kam.

Er wusste, wann sie geschrieben worden war.

Und er erkannte die Seite, weil seine eigene Zeichnung darauf war.

Unsere Tochter sah ihn an, als hätte er sie verraten.

„Du solltest dich da nicht einmischen.“

„Du hast meine Zeichnung genommen.“

„Es war nur Papier.“

„Du hast gesagt, Opa kommt nicht zurück.“

Seine Stimme brach bei den letzten Worten.

Mein Mann hob eine Hand, zog sie aber wieder zurück, bevor er den Jungen berührte.

Er wollte ihn nicht erneut zwischen zwei Erwachsene stellen, die beide etwas von ihm erwarteten.

„Du musst nichts mehr erklären“, sagte er. „Du hast nichts falsch gemacht.“

Unsere Tochter schnaubte.

„Natürlich sagt ihr ihm das jetzt.“

„Was sollten wir ihm sonst sagen?“, fragte ich.

„Dass Familien Entscheidungen treffen müssen.“

„Eine Entscheidung wäre gewesen, mit uns über die Wohnung zu sprechen.“

„Ihr hättet Nein gesagt.“

„Dann wäre die Antwort Nein gewesen.“

Sie sah mich an, als wäre genau das die größte Ungerechtigkeit.

In ihrer Vorstellung hatte unser Widerspruch offenbar jedes Mittel erlaubt, mit dem sie ihn umgehen konnte.

Sie hatte die Unterschrift gefälscht, die Tickets gekauft, den Pass ihres Sohnes genommen und meinen Mann mit dem Verlust seines Enkels bedroht.

Und dennoch sprach sie weiter, als habe sie nur eine schwierige organisatorische Aufgabe gelöst.

„Ihr versteht nicht, wie viel Druck auf mir liegt“, sagte sie.

„Dann sag uns, was du brauchst“, erwiderte mein Mann. „Aber sag nicht, dass ich etwas unterschrieben habe, das ich nie gesehen habe.“

„Du hättest es unterschreiben sollen.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Für mich schon.“

Dieser Satz blieb zwischen uns stehen.

Er erklärte nicht alles, aber genug.

Unsere Tochter hatte nicht geglaubt, dass die Wahrheit völlig bedeutungslos war.

Sie hatte geglaubt, dass ihre Vorstellung davon, was geschehen sollte, wichtiger war als die Zustimmung aller anderen.

Der Mitarbeiter sammelte die Dokumente ein und erklärte, dass die Reise so nicht fortgesetzt werde.

Er sagte nicht mehr, als in diesem Moment nötig war.

Die Tickets blieben auf dem Tisch.

Der Pass unseres Enkels wurde nicht an unsere Tochter zurückgegeben.

Auch der gefälschte Bogen und die handgeschriebene Liste wurden getrennt aufbewahrt.

Unsere Tochter protestierte, zuerst ruhig, dann immer lauter.

Sie verlangte den Rucksack ihres Sohnes, den Wohnungsschlüssel und schließlich sogar den Rollator meines Mannes, weil sie behauptete, sie habe ihn bezahlt.

Das stimmte nicht.

Mein Mann hatte ihn selbst ausgesucht, nachdem er im Winter gestürzt war.

Der Mitarbeiter fragte nach dem Kaufbeleg.

Natürlich hatte sie keinen.

Daraufhin änderte sie erneut ihre Geschichte und sagte, sie habe nur gemeint, sie habe sich um die Bestellung gekümmert.

Mein Mann hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen.

Früher hätte er bei jeder neuen Behauptung versucht, sie zu beruhigen.

Er hätte erklärt, sich entschuldigt und nach einem Satz gesucht, der ihr erlaubte, ihr Gesicht zu wahren.

An diesem Tag tat er nichts davon.

Als sie ihm vorwarf, er lasse sie im Stich, antwortete er nur: „Ich lasse nicht mehr zu, dass du den Jungen benutzt, damit ich lüge.“

Unser Enkel stellte sich dicht neben ihn.

„Muss Opa jetzt weg?“, fragte er.

„Nein“, sagte ich.

„Und ich?“

Ich wollte ihm versprechen, dass alles sofort gut würde, aber nach den Lügen der letzten Wochen brauchte er keine weitere bequeme Antwort.

„Du fährst heute nicht mit dieser Fähre“, sagte ich. „Und niemand wird dich heimlich irgendwohin bringen.“

Er nickte langsam.

„Komme ich heute Abend nach Hause?“

Unsere Tochter öffnete den Mund.

Der Mitarbeiter hob die Hand, bevor sie sprechen konnte.

„Das wird jetzt in Ruhe geklärt“, sagte er.

Der Junge nahm diese Antwort besser an als jede falsche Sicherheit.

Er setzte sich auf die niedrige Kante neben der Kontrollspur und hielt sein Stofftier im Schoß.

Mein Mann setzte sich neben ihn.

Der Rollator stand vor ihnen, die Tasche noch geöffnet.

„Ich dachte, du willst mich nicht sehen“, sagte der Junge nach einer Weile.

Mein Mann sah zu mir, als müsse er sich vergewissern, dass er richtig gehört hatte.

„Warum solltest du das denken?“

„Mama hat gesagt, du sagst immer ab.“

„Ich habe nie abgesagt.“

„Auch nicht an meinem Geburtstag?“

Mein Mann schloss kurz die Augen.

An diesem Tag hatten wir fast drei Stunden mit einem Kuchen und einem eingepackten Geschenk zu Hause gewartet.

Unsere Tochter hatte uns geschrieben, der Junge sei krank und brauche Ruhe.

Ihm hatte sie offenbar erzählt, wir hätten keine Zeit.

„Wir wollten kommen“, sagte mein Mann. „Wir hatten sogar den Schokoladenkuchen, den du magst.“

„Mit den kleinen Keksen am Rand?“

„Genau den.“

Der Junge sah auf sein Stofftier.

„Sie hat gesagt, ihr hättet vergessen, wie alt ich werde.“

Mein Mann griff in die Tasche seiner Jacke und zog einen kleinen, zerknitterten Zettel hervor.

Darauf standen die Maße eines Modellschiffs, das er für seinen Enkel bauen wollte, daneben das Datum des Geburtstags und eine Liste der Farben, die der Junge beim letzten Besuch ausgesucht hatte.

Er trug den Zettel seit Wochen bei sich, weil er beim Einkauf kein falsches Teil kaufen wollte.

Unser Enkel strich mit dem Finger über sein Geburtsdatum.

„Du hast es aufgeschrieben.“

„Damit ich nichts verwechsle.“

Unsere Tochter stand nur wenige Meter entfernt und hörte jedes Wort.

Zum ersten Mal versuchte sie nicht, dazwischenzugehen.

Vielleicht wusste sie, dass jede weitere Erklärung gegen die Dinge auf dem Kontrolltisch verlieren würde.

Vielleicht dachte sie bereits darüber nach, welche neue Geschichte sie später erzählen konnte.

Doch diesmal würde sie nicht mehr allein bestimmen, was der Junge erfuhr.

Die handgeschriebene Liste, die falsche Unterschrift und die beiden einfachen Tickets hatten nicht nur ihren Plan sichtbar gemacht.

Sie hatten auch gezeigt, wie lange sie darauf vertraut hatte, dass wir aus Angst vor dem Kontaktabbruch schweigen würden.

Mein Mann hatte diese Angst an der Kontrolle nicht verloren.

Er hatte trotzdem gesprochen.

Das war der entscheidende Unterschied.

In den folgenden Stunden wurde die Abfahrt ohne uns freigegeben.

Wir blieben am Terminal, bis geklärt war, dass unser Enkel sicher untergebracht werden konnte und unsere Tochter ihn nicht einfach mitnehmen durfte, während die Umstände geprüft wurden.

Es gab keine große Szene mehr.

Keine Entschuldigung.

Kein plötzliches Eingeständnis, das alles leichter gemacht hätte.

Unsere Tochter hielt bis zuletzt daran fest, sie habe nur im Interesse aller gehandelt.

Als sie schließlich weggeführt wurde, drehte sie sich zu meinem Mann um.

„Nach allem, was ich für euch getan habe“, sagte sie.

Er sah sie an, dann den roten Schlüsselanhänger in der Hand seines Enkels.

„Das hier hast du nicht für uns getan“, antwortete er.

Mehr sagte er nicht.

Am Abend saßen wir zu dritt in unserer Wohnung.

Unser Enkel hatte kaum gesprochen, seit wir das Terminal verlassen hatten.

Er ging durch den Flur, als betrete er einen Ort, den er neu kennenlernen musste, obwohl er jeden Raum kannte.

Auf dem Küchentisch stand noch die Schale, aus der er früher immer Weintrauben genommen hatte.

Im Wohnzimmer lag die Decke, unter der er mit seinem Großvater Filme sah.

Nichts sah verlassen aus.

Nichts deutete darauf hin, dass wir verschwinden wollten.

Mein Mann stellte den Rollator neben die Garderobe und nahm die Tasche ab.

Das Material war an der Stelle ausgeleiert, an der das versiegelte Bündel dagegen gedrückt hatte.

Unser Enkel betrachtete die offene Tasche lange.

„Mama hat gesagt, du merkst es nicht“, sagte er.

„Ich habe es zuerst wirklich nicht gemerkt“, antwortete mein Mann.

„Bist du deswegen böse auf mich?“

„Warum sollte ich auf dich böse sein?“

„Weil ich wusste, dass wir fahren.“

„Du wusstest nicht, was sie vorhatte.“

„Ich hätte es sagen müssen.“

Mein Mann setzte sich, damit ihre Augen auf gleicher Höhe waren.

„Sie ist deine Mutter“, sagte er. „Du solltest ihr vertrauen dürfen. Dass sie dieses Vertrauen benutzt hat, ist nicht deine Schuld.“

Der Junge presste das Stofftier an sich.

„Darf ich trotzdem noch lieb zu ihr sein?“

Mein Mann brauchte einen Moment, bevor er antwortete.

„Ja“, sagte er. „Du darfst sie liebhaben und trotzdem sagen, dass etwas falsch war.“

Der Junge nickte, als wäre das die erste Antwort dieses Tages, für die er nicht zwischen zwei Menschen wählen musste.

Dann öffnete er seine Hand.

Darin lag der Wohnungsschlüssel mit dem roten Anhänger.

Er hatte ihn vom Terminal bis hierher festgehalten.

„Mama hat gesagt, der gehört jetzt uns“, sagte er.

Mein Mann streckte die Hand aus, nahm den Schlüssel aber nicht sofort.

„Die Wohnung gehört deiner Oma und mir“, erklärte er. „Aber du sollst hier immer wissen, dass du willkommen bist.“

Unser Enkel legte den Schlüssel in seine Handfläche.

„Dann gehört er zu euch“, sagte er.

Mein Mann schloss die Finger darum.

Am nächsten Morgen hing der rote Anhänger wieder an unserem Schlüsselbrett.

Die Tasche am Rollator blieb leer.

Und als unser Enkel vor dem Frühstück fragte, ob sein Großvater wirklich zu Hause bleiben würde, nahm mein Mann den Schlüssel vom Brett, legte ihn vor ihn auf den Tisch und sagte: „Heute gehe ich nur mit dir zum Bäcker.“

Der Junge stand sofort auf.

Diesmal musste ihn niemand zwischen die Schulterblätter fassen und weiterschieben.

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