Beim Zurückgeben von Büchern in der Bibliothek hörte ich eine Frau hinter mir mit meiner Stimme sprechen.
Nicht mit einer ähnlichen Stimme.
Nicht mit einer Stimme, die mich an eine Aufnahme von mir erinnerte.

Mit meiner.
Ich stand an der Rückgabetheke, drei Bücher auf dem Arm, und hatte gerade den Bibliotheksausweis aus meinem Portemonnaie gezogen.
Die Bücher waren nicht wichtig.
Ein Roman, den ich nicht beendet hatte.
Ein Sachbuch, das ich nur wegen eines einzigen Kapitels ausgeliehen hatte.
Ein dünner Band, den ich immer wieder verlängert hatte, obwohl ich längst wusste, dass ich ihn nicht lesen würde.
Nichts daran hätte mir Angst machen dürfen.
Die Bibliothek war einer der wenigen Orte, an denen ich nie etwas Unordentliches erwartete.
Die Regale standen in geraden Linien, die Schilder waren nüchtern, die Menschen sprachen leise, und selbst das Licht wirkte nicht gemütlich, sondern praktisch.
Es war kurz vor Schließzeit.
Über der Eingangstür hing eine Uhr, die keine Sekunde zu langsam ging, und auf dem Tresen lag ein kleiner Stapel Rückgabequittungen, sauber ausgerichtet, als könnten Papierkanten eine ganze Welt beruhigen.
Die Bibliothekarin vor mir trug eine dunkle Strickjacke und hatte diesen konzentrierten Blick von Menschen, die den ganzen Tag Fragen beantworten und trotzdem noch freundlich bleiben müssen.
Ich legte die Bücher auf den Tresen.
Sie nahm das erste, scannte den Code, schob es nach links und griff nach dem nächsten.
Hinter mir sagte eine Frau: „Ich habe doch schon verlängert.“
Meine Finger schlossen sich um den Ausweis.
Ich weiß noch, dass ich nicht sofort reagierte.
Man erwartet nicht, die eigene Stimme im Raum zu hören, wenn man nicht spricht.
Man sucht automatisch nach einer vernünftigen Erklärung.
Vielleicht war es ein Video auf einem Handy.
Vielleicht hatte jemand eine Sprachnachricht abgespielt.
Vielleicht war da eine Frau, deren Stimme meiner zufällig ähnelte.
Aber die Stimme hatte eine kleine Ungeduld in der Mitte des Satzes.
Sie machte vor dem letzten Wort eine Pause, genau wie ich.
Sie betonte das „doch“ so, wie ich es tue, wenn ich eigentlich ruhig bleiben will und es nicht ganz schaffe.
Es war nicht nur Klang.
Es war Gewohnheit.
Die Bibliothekarin scannte das zweite Buch.
Ich drehte den Kopf ein wenig zur Seite, ohne mich ganz umzuwenden.
Aus dem Augenwinkel sah ich nur den grauen Boden, einen Ständer mit Flyern, die Kante des Rückgabeautomaten und den Schatten eines Menschen, der am Zeitschriftenregal stand.
Dann sprach die Frau wieder.
„Sie wissen doch, wer ich bin.“
Diesmal war ihre Stimme leiser.
Und dadurch klang sie noch mehr nach mir.
Ich drehte mich um.
Hinter mir stand niemand.
Der Weg zur Tür war leer.
Beim Rückgabeautomaten blinkte ein grünes Licht, und ein Mann im Mantel blätterte in einer Zeitschrift, ohne den Kopf zu heben.
Eine ältere Tasche lehnte an einem Stuhl, aber der Stuhl war leer.
Neben dem Fenster standen zwei Pflanzen, die zu ordentlich aussahen, um echt zu sein.
Keine Frau.
Kein Gesicht.
Kein Mund, der diese Worte gesagt haben konnte.
Ich sah zur Bibliothekarin zurück.
Sie hatte das dritte Buch in der Hand, aber sie scannte es nicht.
Vielleicht hatte sie meine Bewegung bemerkt.
Vielleicht hatte sie auch etwas gehört.
„Entschuldigung“, sagte ich, und meine eigene Stimme klang plötzlich dünn. „War eben jemand direkt hinter mir?“
Sie blickte über meine Schulter.
Nicht erschrocken.
Noch nicht.
Nur aufmerksam.
„Vor Ihnen war eine Besucherin da“, sagte sie. „Aber die ist schon gegangen.“
„Gerade eben?“
„Nein“, sagte sie. „Vor einer Weile.“
Ich wartete auf einen kleinen Nachsatz, der alles wieder normal machen würde.
Ein „Vielleicht hat sie etwas vergessen“.
Ein „Vielleicht ist sie noch zwischen den Regalen“.
Ein „Vielleicht kam die Stimme aus dem Büro“.
Stattdessen nahm die Bibliothekarin meinen Ausweis.
Sie scannte ihn.
Der kleine Piepton wirkte in der Stille zu laut.
Auf dem Bildschirm erschienen Zeilen, die ich nicht lesen konnte, weil er leicht zu ihr gedreht war.
Ihr Gesicht blieb ruhig.
Das war das Schlimmste daran.
Menschen, die übertreiben, geben einem etwas, woran man sich festhalten kann.
Ihr ruhiger Blick gab mir nichts.
Sie klickte.
Dann klickte sie noch einmal.
Dann legte sie meinen Ausweis nicht zurück, sondern behielt ihn zwischen zwei Fingern.
„Haben Sie heute schon einmal ausgeliehen oder verlängert?“, fragte sie.
„Nein.“
„Haben Sie jemanden geschickt?“
„Wen denn?“
Sie sah mich an.
Es war kein unhöflicher Blick.
Aber er war prüfend.
Diese formelle Distanz, dieses klare, sachliche „Sie“, war plötzlich nicht mehr nur Höflichkeit.
Es war eine Linie zwischen uns.
„Ich muss das kurz prüfen“, sagte sie.
„Was prüfen?“
Sie antwortete nicht sofort.
Sie zog die Tastatur näher heran, tippte eine Nummer ein und öffnete offenbar einen zweiten Eintrag.
Ich stand auf meiner Seite des Tresens und merkte, wie ich meine Bücher viel zu fest ansah, obwohl sie längst in ihrem Stapel lagen.
Ihre Ecken waren bündig.
Mein Ausweis lag daneben.
Alles war ordentlich.
Nur mein Herz nicht.
„Die Besucherin“, sagte die Bibliothekarin langsam, „hat vorhin eine Ausleihkarte abgegeben.“
„Eine was?“
„Eine Karte, die angeblich zu Ihrem Konto gehört.“
Ich lachte, aber es kam falsch heraus.
So kurz, so hart, als hätte jemand auf Glas geklopft.
„Ich habe keine zweite Karte.“
„Das sehe ich.“
„Dann ist es eine Verwechslung.“
Sie hob den Blick.
„Möglich.“
Das Wort beruhigte mich nicht.
Es war zu vorsichtig.
In einer Bibliothek sagt man nicht „möglich“, wenn man sicher ist.
Man sagt es, wenn die Ordnung gerade anfängt, Risse zu bekommen.
Sie stand auf und ging zu einem schmalen Schrank hinter der Theke.
Der Schlüsselbund an ihrem Gürtel klirrte leise.
Ich hörte jedes einzelne Geräusch.
Den Schlüssel im Schloss.
Die Schublade.
Den Karton.
Das leise Schleifen einer Hülle, die über Holz gezogen wurde.
Der Mann am Zeitschriftenregal blätterte nicht mehr.
Ich sah ihn nicht direkt an, aber ich spürte, dass er lauschte.
Die Bibliothekarin kam zurück und legte eine graue Mappe auf den Tresen.
Kein dramatischer Akt.
Nur eine Mappe.
Grauer Karton, Klarsichthülle, ein gelber Klebezettel am Rand.
Aber meine Kehle zog sich zusammen, als hätte sie etwas Persönliches von mir aus dem Schrank geholt.
„Die Frau sagte, Sie würden später kommen“, sagte sie.
Ich brauchte einen Moment, bis ich den Satz verstand.
„Sie hat gewusst, dass ich komme?“
„Sie hat es gesagt.“
„Mit meinem Namen?“
Die Bibliothekarin schwieg einen Sekundenbruchteil zu lange.
„Mit einem Namen“, sagte sie dann.
Ich streckte die Hand aus, zog sie aber wieder zurück, bevor ich die Mappe berührte.
„Was heißt das?“
Sie öffnete die Hülle.
Oben lag eine Ausleihkarte.
Sie war einfach, fast banal.
Ein Stück Papier in Plastik.
Ein Stempel.
Eine Nummer.
Ein Feld für die Unterschrift.
Und dort stand meine Unterschrift.
Nicht nur eine krumme Nachahmung.
Nicht die Art Fälschung, bei der jemand die Form erwischt, aber nicht den Druck.
Es war die Art Linie, die entsteht, wenn die Hand den Weg kennt.
Der erste Buchstabe, der bei mir immer zu weit nach oben zieht.
Der kleine Haken am Ende, den ich nie bewusst setze und trotzdem immer setze.
Der Druck, der in der Mitte stärker wird.
Meine Unterschrift.
Ich hörte mich selbst einatmen.
„Das ist nicht von mir“, sagte ich.
Die Bibliothekarin antwortete nicht.
Sie zeigte nur auf die Zeile darunter.
Dort stand mein Name.
Oder etwas, das so nah daran war, dass es mir übel wurde.
Es war nicht ein fremder Name.
Es war keine Verwechslung, die man abhaken konnte.
Es war eine Version meines Namens, die möglich wirkte, wenn man mein Leben an einer unsichtbaren Stelle anders zusammengesetzt hätte.
Eine Schreibweise, die ich nie benutzt hatte.
Nicht auf meinem Ausweis.
Nicht bei der Anmeldung.
Nicht auf einem Paket.
Nicht in einer E-Mail-Signatur.
Nirgends.
Und doch sah sie auf diesem Papier nicht falsch aus.
Sie sah aus, als hätte jemand darauf gewartet, dass ich sie endlich anerkenne.
Die Bibliothekarin zog den Besuchervermerk darunter hervor.
„Hier ist der Zeitpunkt.“
Ich sah auf die Uhrzeit.
Sie lag lange vor dem Moment, in dem ich die Stimme gehört hatte.
„Sie haben gesagt, sie ist gegangen.“
„Ja.“
„Aber ich habe sie eben gehört.“
Die Bibliothekarin strich mit dem Daumen über den Rand der Mappe.
Ihre Hand war ruhig, aber zu kontrolliert.
„Ich habe nichts gehört“, sagte sie.
Der Satz hätte mich beruhigen sollen.
Er tat das Gegenteil.
Denn wenn nur ich die Stimme gehört hatte, war die Sache entweder in meinem Kopf oder für mich bestimmt.
Und beides war schlimmer als eine Frau, die zufällig klang wie ich.
Ich sah wieder auf die Unterschrift.
Viele Menschen glauben, eine Unterschrift sei nur ein Zeichen.
Für mich war sie immer mehr gewesen.
Ich unterschrieb langsam.
Nicht schön, aber gleichmäßig.
Schon als ich meinen ersten Bibliotheksausweis bekam, hatte ich mich darüber geärgert, wenn ein Strich anders aussah als sonst.
Vielleicht ist das kleinlich.
Vielleicht ist es deutsch in der praktischsten, unspektakulärsten Form.
Papier zählt.
Termine zählen.
Eine Linie unter einem Namen zählt, weil man damit sagt: Das war ich.
Und dort stand genau diese Linie.
Nur gehörte der Name darunter nicht zu mir.
„Hat sie etwas gesagt?“, fragte ich.
Die Bibliothekarin sah kurz zur Tür.
Draußen wurde es dunkler, und im Glas spiegelte sich die helle Theke.
„Sie sagte, sie wolle etwas in Ordnung bringen.“
Ich lachte nicht mehr.
„In Ordnung bringen?“
„Das waren ihre Worte.“
„Und Sie haben ihr geglaubt?“
Die Frage kam schärfer heraus, als ich beabsichtigt hatte.
Die Bibliothekarin nahm sie trotzdem nicht persönlich.
Sie blieb sachlich.
„Sie hatte eine Karte. Sie kannte Ihr Konto. Sie sprach ruhig. Sie hat nicht gedrängt.“
„Und sie klang wie ich?“
Nun sah sie mich lange an.
Zum ersten Mal war da etwas in ihrem Gesicht, das nicht zur Routine passte.
„Sie klang“, sagte sie langsam, „sehr überzeugend.“
Das war schlimmer als ein Ja.
Ein Ja wäre eine Bestätigung gewesen.
„Sehr überzeugend“ war eine Warnung.
Der Mann am Zeitschriftenregal bewegte sich.
Die Zeitschrift raschelte in seiner Hand.
Die Bibliothekarin warf ihm einen kurzen Blick zu, und er tat sofort so, als würde er wieder lesen.
Niemand wollte Teil dieser Sache sein.
Niemand wollte unhöflich starren.
Aber die ganze Luft an der Theke hatte sich verändert.
„Ich möchte die Karte mitnehmen“, sagte ich.
„Das geht nicht.“
„Darauf steht meine Unterschrift.“
„Gerade deshalb kann ich sie Ihnen nicht einfach geben.“
Es war absurd.
Gerade die Ordnung, die mich sonst beruhigte, hielt mich nun auf Abstand.
Eine Karte mit meinem Zeichen lag vor mir, und ich durfte sie nicht anfassen, weil sie als Beleg galt.
„Dann machen Sie eine Kopie.“
„Das kann ich nach Schließung nicht ohne Freigabe.“
„Sie schließen doch erst gleich.“
„In drei Minuten.“
Sie sagte es nicht kalt.
Sie sagte es wie eine Tatsache.
Pünktlichkeit als Grenze.
Die Uhr über der Tür tickte weiter.
Ich merkte, dass ich zu schnell atmete.
„Bitte“, sagte ich. „Sagen Sie mir einfach Klartext. Halten Sie mich für die Frau von vorhin?“
Die Bibliothekarin sah auf meinen Ausweis, dann auf die Karte, dann wieder auf mich.
„Ich halte fest, dass zwei Personen mit demselben Bezug zu diesem Konto aufgetreten sind.“
„Das ist kein Klartext.“
„Mehr kann ich im Moment nicht sagen.“
„Doch“, sagte ich. „Sie können sagen, ob die Frau aussah wie ich.“
Diesmal schwieg sie.
Und in diesem Schweigen lag die erste echte Antwort.
Meine Hände wurden kalt.
„Hat sie?“
„Nicht genau.“
„Was heißt nicht genau?“
„Ich habe sie nicht lange gesehen.“
„Aber lange genug, um ihr eine Karte abzunehmen.“
Sie senkte den Blick.
Es war keine Schuld.
Eher der Moment, in dem ein Mensch merkt, dass er eine Routinehandlung zu schnell erledigt hat.
Ein Konto öffnen.
Eine Karte prüfen.
Eine Unterschrift sehen.
Einen Zettel abheften.
Es ist nichts Besonderes, bis jemand vor einem steht und sagt: Das war nicht ich.
„Sie trug eine Kapuze“, sagte die Bibliothekarin. „Und sie stand etwas seitlich.“
„Warum?“
„Sie sagte, sie sei erkältet.“
Ich dachte an die Stimme hinter mir.
Klar.
Nah.
Nicht heiser.
Nicht erkältet.
„Sie haben gesagt, sie ist lange weg.“
„Ja.“
„Gab es eine Kamera?“
Die Bibliothekarin schüttelte sofort den Kopf.
Nicht wie jemand, der etwas verheimlicht.
Eher wie jemand, der diese Frage schon zu oft beantworten musste.
„Im Lesebereich nicht.“
Natürlich nicht.
Ein öffentlicher Raum, aber trotzdem ein Ort mit Grenzen.
Ein Ort, an dem man lesen, lernen, still sein sollte.
Nicht ein Ort, an dem jemand in die eigene Stimme schlüpft.
Sie schob die Karte zurück in die Hülle.
Dabei löste sich unter dem Besuchervermerk ein kleiner gefalteter Zettel.
Er rutschte ein Stück heraus und blieb am Rand der Mappe hängen.
Beide sahen wir ihn gleichzeitig.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Der war vorhin nicht sichtbar.“
Sie zog ihn nicht sofort heraus.
Auch das war typisch für diesen Moment.
Alles musste richtig gemacht werden.
Nichts durfte einfach angefasst, geknickt oder verschoben werden.
Doch ich konnte den Rand des Papiers sehen.
Er war sauber gefaltet.
Dreimal.
Als hätte jemand Zeit gehabt.
Als hätte jemand nicht fliehen müssen.
„Öffnen Sie ihn“, sagte ich.
„Ich sollte erst—“
„Bitte.“
Die Bibliothekarin sah zur Uhr.
Noch zwei Minuten bis Schließzeit.
Dann nahm sie den Zettel mit zwei Fingern und faltete ihn auf.
Ich sah nicht sofort, was darauf stand, weil ihre Hand einen Teil verdeckte.
Aber ich sah die Unterschrift unten.
Wieder meine.
Diese gleiche Linie.
Dieser gleiche Druck.
Der falsche Name darüber.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was steht da?“
Sie las nicht vor.
Sie blinzelte nur.
Einmal.
Zweimal.
Dann legte sie den Zettel flach auf die Theke und drehte ihn zu mir.
Darauf stand kein langer Brief.
Nur ein Satz.
Ich bin zuerst gekommen.
Ich verstand ihn nicht.
Oder ich wollte ihn nicht verstehen.
„Das ist ein schlechter Scherz“, sagte ich.
Die Bibliothekarin hatte keine passende Antwort.
Man sah ihr an, dass sie gerade versuchte, das Geschehen in bekannte Kategorien zu sortieren.
Verwechslung.
Fälschung.
Missbrauch einer Karte.
Psychische Belastung.
Hausordnung.
Aber keine dieser Schubladen passte.
Die Stimme war nicht auf Papier.
Die Stimme war im Raum gewesen.
„Ich möchte, dass Sie jemanden rufen“, sagte ich.
„Wen?“
Das war die schlimmste Frage, weil ich keine Antwort hatte.
Keinen Anwalt.
Keinen Verwandten.
Keinen Menschen, den ich hätte anrufen können, ohne wie jemand zu klingen, der die Kontrolle über die eigene Wirklichkeit verloren hatte.
„Eine zweite Person“, sagte ich schließlich. „Irgendjemanden vom Personal.“
Sie nickte.
Das war der erste Moment, in dem sie mir wirklich entgegenkam.
Sie ging zur Tür hinter der Theke und klopfte.
Dahinter hörte ich ein dumpfes Geräusch, einen Stuhl, der verschoben wurde, und dann ihre gedämpfte Stimme.
Ich blieb allein mit der Karte.
Allein ist nicht richtig.
Der Mann am Zeitschriftenregal war noch da.
Aber er hielt die Zeitschrift inzwischen zu hoch vor sein Gesicht, als könne Papier ihn unsichtbar machen.
Ich sah auf die Karte.
Der Stempel war frisch.
Die Tinte wirkte noch dunkler als der Rest.
Neben dem Zeitstempel stand eine Buchnummer, und darunter ein kurzer Vermerk.
Ausgabe bestätigt.
Dieses eine Wort traf mich härter als alles andere.
Bestätigt.
Nicht vermutet.
Nicht angefragt.
Bestätigt.
Jemand hatte mit meiner Stimme, meiner Unterschrift und einer Version meines Namens etwas bestätigt.
Und ich wusste nicht, was.
Die Bibliothekarin kam zurück.
Hinter ihr stand keine weitere Person.
„Mein Kollege ist schon weg“, sagte sie. „Er ist pünktlich gegangen.“
In jedem anderen Moment hätte dieser Satz normal geklungen.
Jetzt klang er wie ein weiterer Riegel an einer Tür.
„Dann schließen Sie nicht“, sagte ich.
„Ich kann nicht einfach—“
„Da draußen war gerade meine Stimme.“
Sie erwiderte nichts.
Weil sie es nicht gehört hatte.
Weil sie mir nicht vollständig glauben konnte.
Weil ein System, das auf Karten und Stempeln beruht, mit Stimmen schlecht umgehen kann.
Dann piepte der Computer.
Ein kurzer Ton.
Nicht laut.
Aber er schnitt durch die Stille, als hätte jemand auf ein Glas geschlagen.
Die Bibliothekarin drehte sich zum Bildschirm.
Ich sah nur ihr Gesicht.
Und diesmal veränderte es sich.
Nicht stark.
Nicht theatralisch.
Aber genug.
Die Farbe wich aus ihren Wangen.
„Was ist?“, fragte ich.
Sie antwortete nicht.
Ihre rechte Hand ging zur Maus, stoppte aber, bevor sie sie berührte.
„Was ist passiert?“
„Ein Vorgang wurde aktualisiert.“
„Welcher Vorgang?“
Sie schluckte.
Der Mann am Zeitschriftenregal senkte langsam die Zeitschrift.
Niemand tat mehr so, als sei das eine normale Rückgabe kurz vor Feierabend.
„Ihr Konto“, sagte die Bibliothekarin.
„Jetzt?“
„Ja.“
„Von wem?“
Sie sah auf den Bildschirm.
„Das kann ich nicht sehen.“
„Doch, Sie müssen es sehen.“
„Nicht hier.“
„Dann wo?“
„Im internen Vermerk.“
„Öffnen Sie ihn.“
Sie zögerte.
Dieses Zögern machte mich wütend.
Nicht laut wütend.
Nicht hysterisch.
Eher so, wie man wütend wird, wenn jemand direkt vor einem eine Tür geschlossen hält, während dahinter der eigene Name gerufen wird.
„Öffnen Sie ihn“, sagte ich noch einmal.
Sie tat es.
Ich konnte die Zeilen nicht lesen.
Ich sah nur, wie ihr Blick von links nach rechts ging.
Dann blieb er stehen.
Ihre Lippen öffneten sich leicht.
„Sagen Sie es“, sagte ich.
„Hier steht, dass eine zweite Rückgabe angekündigt ist.“
„Von mir?“
„Auf Ihrem Konto.“
„Wann?“
Sie sah zur Uhr über der Tür.
Dann auf den Bildschirm.
Dann wieder zur Uhr.
„In zehn Minuten.“
Ich spürte, wie der Raum um einen Schritt zurückwich.
Zehn Minuten.
Nach Schließung.
Nach der Besucherin.
Nach der Stimme.
Nach der Karte.
„Was soll zurückgegeben werden?“
Die Bibliothekarin schüttelte den Kopf.
„Es steht nur eine Nummer da.“
„Eine Buchnummer?“
„Nein.“
Sie klickte auf das Feld.
Nichts öffnete sich.
Nur ein weiterer Vermerk.
Sie las ihn nicht laut.
Ich sah aber, wie ihre Hand plötzlich den Rand des Tresens suchte.
„Was steht dort?“
Sie sah mich an, und ihr Gesicht war jetzt nicht mehr nur professionell.
Es war menschlich.
Erschrocken.
„Bitte treten Sie einen Schritt zurück“, sagte sie.
„Warum?“
„Nur einen Schritt.“
„Sagen Sie mir erst, was dort steht.“
„Bitte.“
Dieses Bitte war nicht mehr höflich.
Es war Angst.
Ich trat nicht zurück.
Ich sah auf den Tresen, auf meine drei zurückgegebenen Bücher, auf meinen echten Ausweis, auf die falsche Karte, auf den gefalteten Zettel und auf die Uhr.
Alles lag in geraden Linien.
Alles sah ordentlich aus.
Und genau deshalb wirkte es, als hätte jemand eine Bombe in ein sauberes Regal gelegt.
Die Bibliothekarin drehte den Bildschirm ein Stück zu mir.
Nicht ganz.
Nur so weit, dass ich die letzte Zeile sehen konnte.
Dort stand mein Name.
Oder diese andere Version davon.
Daneben der Zeitstempel.
Darunter ein Hinweis, der nicht wie eine Drohung formuliert war.
Er war schlimmer.
Er war sachlich.
Rückgabe persönlich bestätigen.
Ich wollte fragen, was das bedeuten sollte.
Ich wollte fragen, wer so etwas eintragen konnte.
Ich wollte fragen, ob die Frau von vorhin vielleicht noch im Gebäude war.
Aber bevor ich irgendetwas sagte, kam von der Eingangstür ein Geräusch.
Kein Klopfen.
Kein Rütteln.
Ein einzelnes, sauberes Klicken.
Als hätte jemand draußen einen Schlüssel ins Schloss gesteckt.
Die Bibliothekarin erstarrte.
Der Mann am Zeitschriftenregal trat einen halben Schritt zurück und stieß gegen den Ständer mit den Flyern.
Ein paar Blätter glitten zu Boden.
Ich drehte mich langsam zur Tür.
Durch das Glas sah ich nur die Spiegelung der hellen Theke.
Meine eigene Gestalt.
Die Bibliothekarin hinter mir.
Die Uhr darüber.
Dann hob sich im Spiegelbild eine Hand.
Nicht meine.
Aber sie bewegte sich im selben Moment, in dem ich vor Schreck die Finger hob.
Und hinter der geschlossenen Tür sagte eine Frau mit meiner Stimme:
„Ich bin pünktlich.“