Unsichtbarer Schütze Im Tal: Der Schuss, Der Alles Drehte-thtruc2710

Ein KSK-Soldat schrie: „Es gibt keinen Ausweg!“—Dann ließ ein unsichtbarer Scharfschütze die Hölle los…

Der erste Einschlag traf die Kante des Grates, bevor Hauptmann Klara Demmer verstand, dass eine fünfte Waffe im Tal sprach.

Sie lag mit der Schulter im Staub eines trockenen Flussgrabens, die Wange an den Schaft ihres Karabiners gedrückt, und sah, wie das schwere Maschinengewehr oben auf der Höhe für einen Moment in einer braunen Wolke verschwand.

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Stein splitterte.

Der Mann hinter der Waffe war nicht mehr zu sehen.

Erst danach kam der Knall.

Tief, weit entfernt, sauber.

Nicht das abgehackte Hämmern einer automatischen Waffe, nicht das Krachen einer Rakete, nicht das harte Echo ihrer eigenen kurzen Feuerstöße.

Ein einzelner Schuss.

Neben ihr drückte Oberstabsfeldwebel Thomas Berger seinen Körper über Lukas Galler, der mit zusammengebissenen Zähnen im Geröll lag.

Sanitätsfeldwebel Daniel Heß hatte beide Hände an Gallers Oberschenkel, die Finger fest um Verband und Tourniquet, als könnte reiner Druck Zeit kaufen.

„Wer hat geschossen?“, fragte Berger.

Klara hatte keine Antwort.

Und in dieser Lage war keine Antwort gefährlicher als eine schlechte.

Ein paar Stunden früher hatte das Tal auf eine Weise still gewirkt, die nicht zu einem bewohnten Ort passte.

Die Wolken hatten den Mond verschluckt.

Durch die Nachtsichtgeräte sah Klara nur eine Welt aus grünem Kalkstein, schwarzer Tiefe und staubigen Kanten.

Jeder Schritt wurde gesetzt, nicht gemacht.

Geröll unter einem Stiefel, ein Rutschen, ein verlorener Stein, und der ganze Auftrag konnte kippen.

Klara führte die kleine deutsche Spezialkräfte-Gruppe an.

Berger folgte ihr mit dieser ruhigen, knappen Bewegung eines Mannes, der zu viele Nächte in zu vielen fremden Tälern erlebt hatte, um noch über Mut zu sprechen.

Lukas Galler trug das leichte Maschinengewehr.

Daniel Heß sicherte den rückwärtigen Raum.

Vier Männer und Frauen in einer Linie, getrennt durch wenige Meter und durch die gleiche Regel verbunden: kein Geräusch, keine Eile, keine Annahme ohne Prüfung.

Das Ziel lag oberhalb eines ausgetrockneten Flussbetts.

Ein Lehmziegelgebäude, halb in den Hang gedrückt, mit einer Mauer aus hellem Stein und einem schmalen Tor.

Nach Lagebild sollte Farid Jalal dort die Nacht verbringen.

Waffenhändler.

Grenzgänger.

Mann mit Kontakten, die jedes saubere Mandat in Dreck ziehen konnten.

Der Auftrag war auf dem Papier schlicht gewesen: eindringen, festsetzen, Unterlagen sichern, vor Tagesanbruch zum Abholpunkt zurück.

Papier liebt einfache Sätze.

Gelände tut das selten.

Je näher sie kamen, desto deutlicher störte Klara die Leere.

Keine Hunde bellten.

Kein Licht glomm hinter den Mauern.

Kein Kind weinte, kein Topf klapperte, kein alter Mann hustete in einem Nebenraum.

Selbst die Tiere fehlten.

In deutschen Einsatzbesprechungen redet man gern über Muster.

Lebensmuster, Bewegungsmuster, Wärmemuster.

Hier fehlte nicht ein Muster.

Hier fehlte Leben.

Klara hob die Faust.

Alle drei gingen sofort runter, sauber, ohne Rückfrage.

„Wärmebild?“, flüsterte Berger.

Klara drehte das Gerät langsam über die Hänge, dann über die Mauer, dann über das Gebäude.

„Nichts.“

„Nicht einmal Tiere.“

„Nein.“

Berger schwieg einen Atemzug.

„Dann hat jemand aufgeräumt.“

Klara hätte gern gesagt, dass es auch eine andere Erklärung gab.

Sie fand keine.

Der Pfad zum Tor war ein Lehrbuch für schlechte Entscheidungen.

Links senkrechter Fels.

Rechts Abbruch.

Vorn ein Eingang, der aussah, als wolle er benutzt werden.

Oben auf den Graten genug Raum für jeden, der warten wollte.

Klara legte ihr Glas auf die Höhen.

Nichts bewegte sich.

Das war kein Trost.

„Wir gehen weiter“, sagte sie leise. „Langsam. Augen oben.“

Sie erreichten die Mauer, ohne dass ein Schuss fiel.

Berger nahm die kleine Ladung aus der Tasche, setzte an, stoppte.

Das eiserne Tor stand offen.

Nur ein Spalt, aber genug.

Klara spürte, wie sich der Nacken unter dem Helm zusammenzog.

Ein verschlossenes Tor ist ein Hindernis.

Ein offen gelassenes Tor ist eine Einladung.

Und Einladungen im falschen Tal kosten Menschen.

Sie stieß das Tor mit dem Lauf an.

Es schwang nach innen und gab ein langes, trockenes Knarren von sich.

Im Hof hing Wäsche auf einer Leine, aber sie war nicht frisch gewaschen, sondern zurückgelassen.

Ein verrostetes Becken stand im Staub.

Eine Tür war offen.

Dahinter lag ein Raum, der nicht leer wirkte, sondern geräumt.

Sie gingen hinein.

Raum um Raum.

Nichts.

Keine Wachen.

Keine Matratzen mit Wärme.

Keine Waffenlager.

Keine hastig verlassenen Teller.

Nur Staub, Holz, ein paar Stoffreste und diese überordentliche Abwesenheit.

Dann fand Klara im Hauptraum den Tisch.

Darauf stand ein Funkgerät.

Daneben lag eine handgezeichnete Karte.

Der rote Kreis darauf markierte genau das Gebäude, in dem sie gerade standen.

In diesem Augenblick brauchte niemand eine lange Analyse.

„Wir sind verbrannt“, sagte Klara. „Raus. Sofort.“

Das Funkgerät knackte.

Eine Stimme kam durch, ruhig, fast freundlich.

„Welcome to the valley.“

Dann öffnete die Höhe.

Das schwere Maschinengewehr riss die erste Linie durch die Wand.

Lehm zerplatzte.

Steinsplitter schlugen gegen Westen, Helme, Brillen.

Klaras Nachtsicht flammte weiß auf.

Sie riss Heß am Tragegurt zur Seite, und im selben Moment wurde der Türrahmen hinter ihm von Geschossen zerschnitten.

„Gratlinie!“, rief sie. „Richtung Flussbett!“

Eine Rakete schlug in den Hof.

Der Druck warf Klara gegen die Wand.

Sie roch Staub, heißes Metall und etwas Chemisches vom Sprengstoff.

Für zwei Sekunden bestand die Welt aus Pfeifen im Ohr und einem grauen, körnigen Nebel.

Dann packte Berger sie.

„Hoch.“

Es war kein Trost, kein Zuspruch, keine Heldensprache.

Nur ein Befehl, kurz genug, um in der Hölle brauchbar zu bleiben.

Galler kniete bereits im zertrümmerten Durchgang.

Sein leichtes Maschinengewehr lag sauber in der Schulter.

Er feuerte nicht wild.

Er legte Stöße auf die Stellen, an denen das Mündungsfeuer oben blitzte.

Für wenige Sekunden schwieg das schwere MG.

„Geht!“, rief er.

Klara rannte zuerst, weil jemand den Winkel nehmen musste.

Berger folgte.

Heß kam hinterher.

Galler bewegte sich rückwärts, feuernd, stoppend, feuernd, wechselnd.

Dann traf die zweite Rakete den Felsblock neben dem Abbruch.

Kalkstein flog wie Messer.

Ein Splitter riss Gallers linken Oberschenkel auf.

Er fiel, hart und sofort.

Das Maschinengewehr rutschte von ihm weg.

Heß war bei ihm, bevor der Staub lag.

„Arteriell!“

Berger zog Galler unter den Schultern zurück.

Klara schoss auf die ersten Gestalten, die vom Grat herunterkamen.

Sie sah keine Gesichter.

Nur Bewegung, Waffen, Absicht.

Heß zog den Tourniquet hoch an Gallers Bein, drehte den Stab, fixierte ihn.

Galler machte keinen langen Schrei.

Er presste die Luft zwischen den Zähnen heraus, als wolle er dem Tal nicht noch etwas geben.

Klara warf Rauch.

Die Granate schlug auf, rollte, spuckte weißes Grau zwischen sie und die Höhe.

Das reichte nicht für Sicherheit.

Es reichte für eine Entscheidung.

Sie zogen Galler über die Kante.

Der Hang war steil, trocken, voller loser Steine.

Sie rutschten mehr, als sie kletterten.

Klaras Knie schlug gegen Fels.

Berger verlor kurz den Halt, fand ihn wieder, ohne Galler loszulassen.

Heß blieb an Gallers Bein, als wäre seine Hand dort festgeschraubt.

Dann landeten sie im trockenen Flussbett.

Der Graben war tief genug, um direktes Feuer von einer Seite zu brechen.

Aber das Tal hatte zwei Seiten.

Und beide gehörten inzwischen dem Feind.

Klara setzte den Funk ab.

„Adler, hier Trupp Demmer, Kontakt schwer, Verwundeter, benötigen Luftunterstützung und sofortige Aufnahme.“

Rauschen.

Sie wiederholte.

Rauschen.

Berger legte eine kurze Salve auf den rechten Rand.

Heß arbeitete weiter.

Galler war blass, aber wach.

„Nicht einschlafen“, sagte Heß.

„Hatte ich nicht vor“, brachte Galler hervor.

Das war gut.

Wer noch trocken antwortet, ist noch bei ihnen.

Dann kam die Zentrale, zerhackt von Störungen.

Klara verstand nur einzelne Teile.

Flugabwehr.

Tal gesperrt.

Hubschrauber abgedreht.

Keine Luft im Zielraum.

Sie fragte noch einmal nach.

Diesmal war die Antwort klarer, weil sie schlimmer war.

Keine Maschine würde hineingehen.

Nicht jetzt.

Nicht solange die Flugabwehrstellungen aktiv waren.

Heß sah hoch.

Seine Handschuhe waren dunkel.

„Wann kommt Abholung?“

Klara sah ihn an.

Man kann in so einem Moment lügen.

Man kann sagen: gleich.

Man kann sagen: haltet durch.

Man kann einen Satz bauen, der mehr Wärme als Wahrheit enthält.

Klara tat es nicht.

„Sie kommt nicht“, sagte sie.

Berger sagte nichts.

Er nahm nur ein neues Magazin, prüfte den Rand des Grabens und legte sich tiefer.

Dann begann das schwere MG wieder.

Die ersten Geschosse gingen über den Graben hinweg.

Die nächsten tiefer.

Der Schütze oben hatte den Winkel gefunden.

Stein spritzte Klara gegen den Hals.

Berger schrie, nicht panisch, sondern wütend, weil der Satz wahr war.

„Es gibt keinen Ausweg!“

Dann fiel der erste unbekannte Schuss.

Der Grat spuckte Staub.

Das schwere MG schwieg.

Klara wartete einen Atemzug.

Kein eigenes Team war dort oben.

Keine Drohne hatte diesen Winkel.

Kein Hubschrauber war in der Nähe.

Und doch hatte jemand den Schützen getroffen oder wenigstens von der Waffe gerissen.

„Wer war das?“, fragte Berger erneut.

Klara hob die Hand.

Nicht jetzt.

Er verstand.

Das Tal antwortete mit Geschrei von der linken Höhe.

Mehr Männer kamen herunter.

Sie wollten die Gelegenheit nutzen, bevor das unbekannte Feuer erneut sprach.

Klara setzte zwei kurze Stöße.

Berger deckte rechts.

Heß zog Galler weiter in eine Mulde des Grabens, nicht schön, aber geschützt.

Dann kam der zweite Schuss.

Nicht laut in der Nähe, sondern wieder dieses ferne, schwere Reißen der Luft.

Ein Mann mit Raketenrohr oben am linken Absatz fiel hinter den Stein zurück, bevor er ausrichten konnte.

Diesmal sah Klara den Ursprung nicht.

Sie sah nur die Wirkung.

Und Wirkung reicht im Gefecht manchmal aus, um einen Plan zu bauen.

Ihr Funk knackte.

Kein Kanal der Zentrale.

Kein bekanntes Rufzeichen.

Nur Rauschen, dann eine Stimme auf Deutsch, flach, gepresst, als spreche jemand mit der Wange am Boden.

„Demmer, nicht hochkommen. Rechte Höhe zuerst.“

Klara erstarrte.

Berger sah sie an.

„Kennung?“

Die Stimme kam wieder.

„Keine Zeit. Rechts drei Mann. Einer trägt Rohr.“

Klara blickte nach rechts.

Sie sah nichts.

Dann schob sich ein Schatten hinter einem Fels hervor, genau dort, wo die Stimme gesagt hatte.

Berger feuerte.

Klara ging mit.

Der Schatten verschwand.

Die dritte unbekannte Kugel schlug weiter oben ein und nahm den zweiten Mann aus der Bewegung.

Plötzlich war aus einem Grab ein Korridor geworden.

Schmal, gefährlich, aber vorhanden.

Klara schaltete auf eine ruhigere Stimme.

„Unbekannter Schütze, nennen Sie Position.“

„Zu weit für euch. Zu nah für die da oben.“

Mehr kam nicht.

Der Satz war trocken genug, dass Berger trotz allem für einen halben Atemzug die Zähne zeigte.

Dann wurde er wieder ernst.

„Er hat Überblick.“

„Oder er lockt uns“, sagte Klara.

„Dann lockt er gerade sehr hilfreich.“

Das war der Punkt.

Vertrauen war zu viel verlangt.

Nutzen reichte.

Klara nahm die Karte aus der Brusttasche, die inzwischen staubig und an einer Ecke eingerissen war.

Sie hatte die Gräben, die Kanten und den Pfad im Kopf, aber Papier verhindert in schlechten Minuten, dass man sich selbst belügt.

„Wir kommen nicht zurück zum Gebäude“, sagte sie.

„Nein“, antwortete Berger.

„Nicht hoch zum ersten Abholpunkt.“

„Nein.“

Heß sagte, ohne aufzusehen: „Galler braucht eine Aufnahme. Nicht irgendwann.“

„Ich weiß.“

Klara strich mit dem Finger über eine schmale Nebenrinne, kaum mehr als eine Furche im Gelände.

Im Lagebild war sie als trockenes Wasserbett markiert, ohne taktische Bedeutung.

Genau deshalb konnte sie Bedeutung bekommen.

„Wenn wir bis zu dieser Rinne kommen, verlieren sie oben den direkten Winkel.“

Berger sah hin.

„Mit Galler?“

„Mit Galler.“

„Das sind achtzig Meter offen.“

Klara blickte zum Grat.

„Nicht ganz offen, wenn unser unsichtbarer Freund weiterarbeitet.“

Der Funk knackte.

„Ich höre das.“

Alle vier hielten für eine Sekunde inne.

Sogar Galler öffnete ein Auge.

„Dann arbeiten Sie“, sagte Klara.

Die Antwort kam nach einem Moment.

„Auf Ihr Zeichen.“

Das war der erste Satz, der nach Ordnung klang.

Nicht Sicherheit.

Nur Ordnung.

Aber Ordnung ist in einem chaotischen Tal kein kleines Geschenk.

Klara legte den Ablauf fest.

Berger zuerst auf Rauch rechts.

Heß und Galler in der Mitte.

Klara links versetzt.

Unbekannter Schütze auf Höhenziele, Priorität Raketenrohre und MG.

Keine Diskussion.

Keine Heldengesten.

Nur Abfolge.

„Drei“, sagte Klara.

Berger zog Rauch.

„Zwei.“

Heß packte Galler an der Weste und am Gurt.

„Eins.“

Der nächste unbekannte Schuss kam eine halbe Sekunde vor ihrer Bewegung.

Oben brach ein Mündungsfeuer ab.

Dann rannten sie.

Rennen mit einem Verwundeten ist kein Rennen.

Es ist Tragen, Fallen, Zerren, Fluchen und Weitergehen.

Galler half, so gut er konnte, aber jedes Aufsetzen seines Beins war ein Risiko.

Heß blieb an ihm, Berger drückte von hinten, Klara nahm den Winkel.

Geschosse schnitten durch den Rauch.

Ein Stein platzte neben Klaras Hand.

Sie fühlte den Schlag bis in den Ellbogen.

„Weiter“, sagte sie.

Nicht laut.

Der Körper hört kurze Worte besser.

Die unbekannte Waffe sprach wieder.

Dann wieder.

Jeder Schuss war einzeln.

Jeder Schuss nahm ihnen einen Winkel weg, aus dem sie gerade hätten sterben können.

Sie erreichten die Nebenrinne.

Berger rutschte zuerst hinein, dann Galler, dann Heß.

Klara kam als Letzte.

Ein Geschoss schlug in den Rand hinter ihr.

Sie warf sich nach vorn, landete hart auf dem Unterarm und blieb liegen.

Berger packte sie am Schulterriemen.

„Alles dran?“

„Genug.“

Heß kontrollierte Galler erneut.

„Wir verlieren ihn nicht hier“, sagte er.

Es klang nicht wie Hoffnung.

Es klang wie eine Vorschrift, die er dem Tal aufzwingen wollte.

Der Funk zur Zentrale wurde für Sekunden klarer.

Klara meldete neue Position, Verwundetenstatus, feindliche Stärke und den unbekannten Unterstützer.

Die Antwort war nicht beruhigend, aber brauchbar.

Wenn die Flugabwehrstellung am nördlichen Grat ausgeschaltet oder gebunden würde, könne ein Fenster entstehen.

Kurz.

Sehr kurz.

„Wie kurz?“, fragte Klara.

Die Zentrale nannte keine genaue Zahl.

Das sagte genug.

Der unbekannte Schütze meldete sich wieder.

„Nordgrat ist mein Problem.“

Klara sah auf.

„Negativ. Sie bleiben in Deckung und geben Beobachtung.“

„Wenn ich nur beobachte, kommt kein Hubschrauber.“

Berger fluchte leise.

Klara verstand den Satz, und sie hasste ihn sofort, weil er stimmte.

„Wer sind Sie?“, fragte sie.

Eine Pause.

Dann: „Jemand, der zu spät aus dem falschen Tal raus ist.“

Mehr bekam sie nicht.

Kein Name.

Keine Einheit.

Keine Geschichte.

Nur Schüsse.

Und manchmal sagt eine Waffe in der richtigen Hand mehr über einen Menschen als ein Lebenslauf.

Der Nordgrat begann zu feuern.

Nicht auf Klara.

Auf den Ort, an dem der unbekannte Schütze liegen musste.

Jetzt wussten sie, dass er entdeckt worden war.

Der Vorteil kippte.

Klara hätte ihn abschreiben können.

Taktisch hätte man es begründen können.

Vier im Graben, ein Verwundeter, keine Sicht, kein sicherer Weg.

Aber der Unbekannte hatte ihnen drei Mal Sekunden gekauft.

Sekunden sind im Gefecht keine Kleinigkeit.

Sekunden sind Blut, Luft und Entfernung.

„Berger“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Wir geben ihm Feuer auf den rechten Ansatz.“

„Mit dem, was wir haben.“

Heß sah nicht hoch.

„Ich kann Galler nicht tragen und schießen.“

„Du hältst ihn am Leben. Das ist dein Feuer.“

Heß nickte einmal.

Klara und Berger arbeiteten sich zwei Meter nach vorn, genug für einen schmalen Blick.

Sie sahen Mündungsfeuer am rechten Ansatz des Nordgrats.

Nicht viele.

Aber genug, um den Schützen festzuhalten.

„Auf mein Zeichen“, sagte Klara.

Der unbekannte Schütze kam ihnen zuvor.

Ein Schuss.

Ein zweiter.

Dann schwieg seine Waffe.

Nicht freiwillig.

Das merkte Klara sofort.

Eine Waffe hat Rhythmus.

Seine hatte bis dahin entschieden geklungen.

Jetzt war da nur Lücke.

„Unbekannter Schütze, melden.“

Keine Antwort.

„Melden.“

Rauschen.

Berger sah sie an.

In seinem Blick stand die Frage, die niemand stellen wollte.

Klara stellte sie nicht.

Stattdessen feuerte sie auf den rechten Ansatz.

Berger ging mit.

Der Feind oben duckte ab.

Für den Moment reichte es.

Dann kam aus dem Funk ein Atemzug.

Nur ein Atemzug.

Dann die Stimme.

„Nordgrat blind für zwanzig Sekunden.“

Klara presste die Zähne zusammen.

„Bestätigen.“

„Zwanzig Sekunden“, wiederholte er. „Dann laufen Sie.“

Im selben Moment explodierte oben am Nordgrat etwas, nicht groß genug für eine Bombe, aber groß genug, um Feuer und Staub über die Kante zu werfen.

Vielleicht hatte er eine Stellung getroffen.

Vielleicht Munition.

Vielleicht etwas, das dort nie hätte so offen liegen dürfen.

Klara fragte nicht.

„Jetzt“, sagte sie.

Sie bewegten sich wieder.

Diesmal nicht ins Offene, sondern tiefer durch die Rinne, weg vom Hauptgraben, hinein in eine Senke, die auf keiner kurzen Einsatzfolie nach Rettung ausgesehen hatte.

Galler wurde schwerer.

Menschen werden schwerer, wenn Blut fehlt.

Heß redete ununterbrochen mit ihm, sachlich, fast streng.

Name.

Atmung.

Druck.

Nicht weggehen.

Berger trug hinten mehr Gewicht, als sein Körper zugeben wollte.

Klara blieb vorn, suchte Kanten, Schatten, Deckung.

Über ihnen tobte der Grat.

Hinter ihnen suchten Männer den alten Graben ab und fanden nur Staub.

Dann hörten sie Rotoren.

Zuerst so leise, dass Klara dachte, es sei das Blut in ihren Ohren.

Dann klarer.

Tief.

Entfernt.

Noch nicht sicher.

Noch nicht ihnen gehörend.

Die Zentrale kam durch.

„Fenster offen. Sehr kurz. Markieren Sie Position.“

Klara sah zu Berger.

Berger zog die Markierung aus der Tasche.

Heß legte sich fast über Galler, um ihn vor losem Stein zu schützen.

Klara blickte ein letztes Mal zum Nordgrat.

„Unbekannter Schütze, Bewegung zu unserer Position möglich?“

Lange kam nichts.

Dann knackte es.

„Negativ.“

Ein Wort.

Schwerer als jede lange Erklärung.

Klara wusste, was es bedeuten konnte.

Verwundet.

Festgelegt.

Zu weit weg.

Oder schon mit dem eigenen Ende beschäftigt.

„Nennen Sie Koordinaten“, sagte sie.

„Sie haben einen Verwundeten.“

„Nennen Sie Koordinaten.“

Wieder Pause.

Dann kamen Zahlen.

Klara wiederholte sie, sauber, ohne Zittern, obwohl Berger sie ansah, als wolle er ihr sagen, dass das Fenster bereits zu klein wurde.

Sie gab die Koordinaten weiter.

Die Zentrale bestätigte nicht sofort.

Der Rotorenlärm wurde lauter.

Feuer von der Höhe suchte die Senke.

Ein Geschoss schlug so nah ein, dass Erde auf Gallers Brust rieselte.

Heß wischte sie weg, als sei das die wichtigste Ordnung der Welt.

Dann kam die Bestätigung.

Zweiter Punkt aufgenommen.

Keine Zusage.

Aber aufgenommen.

Manchmal ist das der Unterschied zwischen vergessen und gesucht werden.

Der Hubschrauber kam nicht heroisch aus der Sonne.

Er kam tief, schräg, mit zu wenig Zeit und zu vielen Gründen, wieder abzudrehen.

Rauch, Staub, Schreie, kurze Feuerstöße.

Berger und Klara gaben Deckung.

Heß und die Besatzung zogen Galler hinein.

Galler griff im Vorbeiziehen nach Klaras Ärmel.

„Der Schütze“, brachte er hervor.

„Gemeldet“, sagte Klara.

Das war nicht genug.

Aber es war wahr.

Sie stieg als Letzte ein.

Der Hubschrauber zog hoch, hart und niedrig, während die Höhe wieder zu feuern begann.

Klara sah durch die offene Seite das Tal kleiner werden.

Den Hauptgraben.

Den Hof.

Den Nordgrat.

Irgendwo dort lag ein Mensch, der nicht in ihrem Plan gestanden hatte und ohne den keiner von ihnen mehr einen Plan gebraucht hätte.

Später, als Galler in einer gesicherten Station lag und Heß endlich die Handschuhe gewechselt hatte, fragte Berger zum dritten Mal, wer geschossen hatte.

Diesmal klang es nicht taktisch.

Diesmal klang es persönlich.

Klara saß auf einer Kiste, die Karte auf den Knien, und sah auf die zweite Koordinate.

Die Zentrale hatte nur bestätigt, dass an dieser Stelle später Spuren gefunden worden waren.

Eine leere Hülse.

Druckstellen im Staub.

Ein schmaler Abdruck, wo jemand sehr lange gelegen hatte.

Kein Name.

Kein Körper.

Keine saubere Antwort.

Nur eine letzte Funkaufzeichnung, zerkratzt vom Rauschen.

Zwanzig Sekunden.

Dann laufen Sie.

Berger hörte sie sich einmal an.

Dann noch einmal.

Er stellte keine Frage mehr.

Heß stand neben Gallers Bett, die Arme verschränkt, Gesicht müde und leer, wie ein Mann, der erst jetzt merkt, dass seine Hände aufgehört haben zu arbeiten.

Galler schlief.

Klara faltete die Karte nicht sofort zusammen.

Sie strich mit dem Daumen über den roten Kreis beim Gebäude, dann über die dünne Nebenrinne, dann über den Punkt am Nordgrat.

Der Auftrag hatte auf dem Papier einfach gewirkt.

Rein.

Sichern.

Raus.

Aber Papier kennt keine fünfte Waffe in einem Tal.

Papier kennt keine Stimme ohne Namen.

Papier kennt keine zwanzig Sekunden, die vier Leben von einem Ende trennen.

Klara steckte die Karte in ihre Brusttasche.

Dorthin, wo sie während des ganzen Gefechts gesessen hatte.

Ordentlich gefaltet.

Staubig.

Beschädigt.

Noch brauchbar.

So wie sie.

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