Der Name Am Halsband Des Hundes Verriet, Warum Er Lena Blockierte-mejusnhi

Der Hund kletterte auf Lenas Parkbank, während sein Besitzer sich entschuldigte, und stellte seinen Körper zwischen sie und den Weg.

Später würde Lena sagen, dass dieser Moment der erste klare Moment des ganzen Tages gewesen war.

Nicht gut.

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Nicht leicht.

Nur klar.

Alles davor hatte sich angefühlt wie ein Flur ohne Türen.

Der Morgen hatte um 7:12 Uhr begonnen, mit kaltem Kaffee in einer kleinen Küche, deren Miete plötzlich viel zu hoch wirkte.

Lena hatte sich für die Arbeit angezogen, obwohl sie seit Wochen gespürt hatte, dass in der Agentur etwas nicht stimmte.

Die Gespräche verstummten, wenn sie den Raum betrat.

Der Geschäftsführer rief Leute einzeln in sein Büro.

Auf dem Flur standen Kartons, die niemand ansah.

Um 9:18 Uhr war sie dran.

Die kleine Marketingagentur hatte ihren größten Kunden verloren, und damit war die Hälfte des Jahresbudgets verschwunden.

Es gab keine lange Erklärung.

Nur ein ruhiger Ton, ein Blatt Papier, ein letzter Satz über wirtschaftliche Notwendigkeiten.

Lena nickte, weil sie zu erschöpft war, um Würde mit Widerspruch zu verwechseln.

Sie packte ihre Tasse ein, den Schlüsselbund, einen alten Mitarbeiterausweis, zwei Notizhefte und den Bilderrahmen, den sie nie auf den Schreibtisch hätte stellen sollen.

Darauf lächelte ihr Freund neben ihr in die Kamera, als hätte er damals nicht schon innerlich angefangen zu gehen.

Im Empfang tat jeder so, als wäre der Bildschirm wichtig.

Eine Kollegin räusperte sich.

Ein anderer sagte: „Alles Gute“, ohne sie anzusehen.

Das war der deutsche Trost der Büroflure.

Kurz, ordentlich, nicht zu nah.

Lena trug den Pappkarton bis zur Straßenbahn.

Der Karton wurde mit jeder Station schwerer, obwohl nichts Neues darin lag.

Zu Hause stellte sie ihn gar nicht erst ab.

Sie blieb im Flur stehen, weil der Haken für die Jacke ihres Freundes leer war.

Im Bad fehlte seine Zahnbürste.

Im Schlafzimmer war die Schrankseite ordentlich ausgeräumt.

Ordnung kann grausam sein, wenn sie beweist, dass jemand geplant hat.

Um 14:06 Uhr kam seine Nachricht.

Sechs Absätze.

Kein Anruf.

Kein Gespräch am Küchentisch.

Nur ein Text, der sachlich klingen wollte und dadurch noch kälter war.

Er schrieb, er brauche „einen saubereren Anfang“.

Lena las diese Worte dreimal.

Dann las sie sie ein viertes Mal, weil der Verstand manchmal an genau der Stelle hängen bleibt, an der das Herz schon verstanden hat.

Sie setzte sich auf den Boden neben die Wohnungstür.

Der Pappkarton stand neben ihr wie ein Beweisstück.

Um 15:31 Uhr rief ihre Mutter zum ersten Mal an.

Lena ließ es klingeln.

Um 16:02 Uhr rief sie wieder an.

Dann um 16:18 Uhr.

Dann um 16:47 Uhr.

Sie wusste, was passieren würde, wenn sie abhob.

Ihre Mutter würde nicht viele Fragen stellen.

Sie würde nur Lenas Atem hören und sofort wissen, dass etwas zerbrochen war.

Lena war fünfundzwanzig Jahre alt.

Sie lebte mehrere Bundesländer von ihrer Familie entfernt.

Auf ihrem Konto waren zwölf Euro.

Die Wohnung war für zwei Einkommen gedacht gewesen, und plötzlich war sie nur noch ein Raum, in dem sie sich selbst nicht tragen konnte.

Um kurz vor fünf ging sie los.

Nicht mit Ziel.

Nur weg von der Wohnung, weg von dem leeren Haken, weg von dem Schrank, dessen Ordnung schlimmer war als jedes Chaos.

Sie nahm den Karton mit, weil sie nicht wusste, wohin sonst mit den Dingen.

Im Stadtpark war der Kies dunkel vom Regen.

Der Ententeich lag glatt da, bis ein paar Tropfen Kreise hineinzeichneten.

Ein Pfandbon klebte nass an einem Mülleimer.

Eine ältere Frau ging mit einem Schirm vorbei und sah kurz zu Lena, aber nicht lange genug, um verantwortlich zu werden.

Lena setzte sich auf eine Bank.

Das Holz war feucht.

Ihr schwarzer Rock klebte an den Knien.

Ihre Finger waren so kalt, dass der Kartonrand sich stumpf anfühlte.

Sie beugte sich nach vorn und hielt sich beide Hände vor das Gesicht.

Dann kam das Weinen.

Es kam nicht wie in Filmen.

Es kam hässlich, ungleichmäßig, mit abgebrochenem Atem und einem Druck im Brustkorb, als hätte jemand von innen die Luft klein gemacht.

Menschen liefen vorbei.

Niemand blieb stehen.

Das war nicht Bosheit.

Es war Alltag.

Man weiß nie, ob Hilfe gewünscht ist, und manchmal benutzt man diese Unsicherheit als Erlaubnis, weiterzugehen.

Dann berührte etwas Warmes ihr Handgelenk.

Lena hob den Kopf und sah direkt in die Augen eines Golden Retrievers.

Er stand so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem roch.

Erdnussbutter.

Regen.

Hund.

Sein Fell war honigfarben und nass, und an seinem linken Ohr war eine kleine Kerbe, so sauber verheilt, dass sie nicht bedrohlich wirkte, nur eigen.

Er leckte ihr eine Träne von der Wange.

Dann noch eine.

„Es tut mir leid“, sagte eine Männerstimme hinter ihm.

Lena sah an dem Hund vorbei.

Ein Mann kam über die Wiese, die Leine vollständig ausgezogen, die Kapuze seiner dunkelgrünen Regenjacke im Nacken.

„Murphy, komm her“, sagte er.

Murphy kam nicht.

Er setzte beide Vorderpfoten auf die Bank und legte seine Brust gegen Lenas Schulter.

Der Mann zog einmal vorsichtig an der Leine.

Murphy wurde schwer wie ein Sack nasser Wolle.

„Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist“, sagte der Mann.

Lena hätte antworten können, dass sie es auch nicht wusste.

Stattdessen brach sie noch einmal auf.

Sie vergrub ihr Gesicht in Murphys Fell und weinte lauter, als sie es vor einem Fremden jemals getan hätte.

Der Mann sagte nichts mehr.

Er setzte sich auf die andere Seite der Bank, mit so viel Abstand, dass Lena ihn nicht als Gefahr empfinden musste.

Das fiel ihr auf.

Sogar in diesem Zustand fiel ihr auf, dass er nicht näher rückte.

Er ließ die Leine locker.

Murphy blieb.

Zehn Minuten vergingen.

Vielleicht waren es zwölf.

Die Zeit hatte an diesem Tag ohnehin ihre normale Aufgabe aufgegeben.

Als Lena endlich sprechen konnte, wischte sie sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

„Entschuldigung“, sagte sie. „Ich habe den schlimmsten Tag meines Lebens.“

Der Mann sah zu Murphy hinunter.

„Er weiß es“, sagte er.

„Was weiß er?“

„Wenn jemand zu viel trägt.“

Es klang nicht wie ein Spruch.

Es klang wie eine Regel.

Der Mann stellte sich als Jonas Becker vor.

Er war zweiunddreißig, Bauingenieur, und ging mit Murphy fast jeden Abend nach Feierabend durch den Park.

Er sagte das ohne große Erklärung, als ginge es nur um eine Gewohnheit.

Lena merkte erst später, dass Menschen oft die wichtigsten Dinge als Nebensatz tarnen.

Sie sagte ihm ihren Namen.

Murphys Schwanz klopfte einmal gegen die Bank.

Jonas bemerkte es.

Sein Gesicht veränderte sich kaum, aber seine Hand blieb einen Augenblick zu lange an der Leine.

Lena erzählte zuerst von der Kündigung.

Das war einfacher.

Eine Kündigung konnte man in Zahlen erklären, in Budgets, Kundenverlusten, wirtschaftlichen Notwendigkeiten.

Eine Trennung per Nachricht war anders.

Dafür gab es keine ordentliche Ablage.

Trotzdem kam es heraus.

Sie erzählte von den sechs Absätzen, vom ausgeräumten Schrank, von der Formulierung „sauberer Anfang“, die ihr in den Kopf geschnitten war.

Jonas unterbrach sie nicht.

Nicht einmal mit verständnisvollen Geräuschen.

Murphy legte eine Pfote auf ihr Knie.

Als der Regen stärker wurde, zog Jonas seine Jacke aus und legte sie hinter ihre Schultern.

Er berührte sie nicht.

Dieses Nicht-Berühren war so genau, dass Lena fast wieder geweint hätte.

Dann bewegte Murphy sich.

Eine Frau mit kleinem Hund ging vorbei.

Murphy sah nicht hin.

Ein Eichhörnchen huschte am Weg entlang.

Murphy blieb ruhig.

Dann senkte er den Kopf in Lenas Pappkarton.

„Murphy“, sagte Jonas sofort.

Der Hund fasste den Bilderrahmen an einer Ecke.

Sehr vorsichtig.

Er zog ihn heraus, ging drei Schritte über das nasse Gras und legte ihn mit der Vorderseite nach unten ab.

Lena starrte ihn an.

Dann lachte sie.

Es war ein kleines, erschöpftes Lachen, aber es war echt.

Jonas lachte auch.

„Er hat eine klare Meinung“, sagte er.

„Offenbar“, sagte Lena.

Für einen Moment war der Tag nicht gut.

Aber er hatte einen Riss bekommen, durch den ein bisschen Luft kam.

Als Lena aufstand, wurde Murphy sofort ernst.

Er stellte sich quer vor den Weg.

Sein Körper war zwischen ihr und dem Ausgang.

Nicht verspielt.

Nicht ungeschickt.

Absichtlich.

„Murphy“, sagte Jonas leiser.

Der Hund bewegte sich nicht.

Jonas sah Lena an.

Diesmal hatte sein Blick etwas, das sie nicht einordnen konnte.

Vorsicht.

Schuld.

Erinnerung.

„Es gibt etwas, das ich Ihnen sagen sollte“, sagte er.

Er griff unter Murphys Halsband und zog eine kleine silberne Marke hervor.

Lena hatte sie vorher nicht gesehen, weil das Fell darüber gelegen hatte.

Die Marke war schmal, abgenutzt und an den Rändern zerkratzt.

Jonas drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger.

Da stand keine Adresse.

Da stand ein Name.

Anna.

„Anna war meine Schwester“, sagte Jonas.

Murphy setzte sich vor Lenas Schuhe.

Lena schaute auf den Namen, dann auf Jonas.

Es gab Fragen, die man stellen konnte.

Es gab auch Fragen, die schon beantwortet waren, bevor man den Mut dazu fand.

„Sie hat Murphy ausgesucht“, sagte Jonas. „Eigentlich gehörte er ihr.“

Seine Stimme blieb ruhig, aber seine Hand tat es nicht.

Die Marke schlug leise gegen den Metallring am Halsband.

„Anna hat immer gesagt, dass Murphy bei Menschen stehen bleibt, die lügen, wenn sie sagen, es geht schon.“

Lena schluckte.

Ihr Handy vibrierte wieder.

Sie sah auf den Bildschirm.

Mama.

Der achte Anruf.

Diesmal drückte Lena ihn nicht weg.

Sie hielt das Telefon nur in der Hand, als wäre es schwerer als vorher.

Jonas sah es und nickte einmal, ohne sie zu drängen.

Dann erzählte er weiter.

Anna war keine Trainerin gewesen.

Keine Therapeutin.

Keine Frau mit einem perfekten Plan.

Sie war jemand gewesen, der lange so getan hatte, als brauche sie niemanden.

Jonas sagte nicht sofort, was passiert war.

Er begann bei kleineren Dingen.

Anna hatte Murphy als jungen Hund bekommen, weil sie nach der Arbeit nicht mehr direkt in ihre stille Wohnung gehen wollte.

Sie hatte ihn zum Bäcker mitgenommen, zum Ententeich, zu langen Runden nach Feierabend, wenn andere Menschen nach Hause gingen und sie noch nicht konnte.

Sie hatte gelernt, dass Murphy stehen blieb, wenn jemand auf einer Bank saß und so tat, als schaue er nur aufs Wasser.

Er blieb auch stehen, wenn jemand zu schnell atmete.

Wenn Hände zitterten.

Wenn die Stimme beim Satz „Alles gut“ zu glatt klang.

„Sie hat daraus eine Regel gemacht“, sagte Jonas.

„Welche Regel?“

Jonas sah zu Murphy.

„Wenn Murphy nicht weitergeht, geht der Mensch auch nicht allein weiter.“

Lena sagte nichts.

Der Satz war zu einfach, um sich dagegen zu wehren.

Jonas erzählte, dass Anna diese Regel erst für andere erfunden hatte.

Für einen alten Mann, der jeden Dienstag am Teich saß.

Für eine junge Mutter, die neben dem Kinderwagen geweint hatte.

Für einen Studenten, der im Winter ohne Jacke auf der Bank gesessen hatte und immer wieder auf sein Telefon starrte.

Anna blieb dann stehen.

Nicht aufdringlich.

Nicht heldenhaft.

Nur da.

Sie fragte manchmal nur: „Soll ich jemanden anrufen?“

Oder: „Warten wir zusammen fünf Minuten?“

Mehr nicht.

Manche Menschen brauchen keine große Rettung.

Manche brauchen einen Zeugen, bis der schlimmste Impuls vorbeigeht.

Dann war Anna selbst an einen Tag geraten, der ihr zu schwer geworden war.

Jonas sagte diesen Teil sehr langsam.

Nicht, weil er dramatisch wirken wollte.

Weil jedes Wort durch etwas hindurchmusste.

Sie hatte ihre Arbeit verloren.

Nicht in derselben Agentur, nicht aus denselben Gründen, aber mit derselben leisen Grausamkeit eines ordentlichen Gesprächs.

Am selben Abend hatte eine Beziehung geendet, die sie zu lange getragen hatte.

Sie war in den Park gegangen.

Murphy war bei ihr gewesen.

„Sie hat mich angerufen“, sagte Jonas.

Lena hörte den Regen auf den Blättern.

„Ich war beschäftigt“, sagte Jonas. „So habe ich es damals genannt.“

Er sah nicht zu ihr.

„Ich habe gesagt, ich rufe später zurück.“

Lena schloss die Hand um ihr Telefon.

Auf dem Display stand immer noch der verpasste Anruf ihrer Mutter.

„Murphy hat sie nicht allein gehen lassen“, sagte Jonas. „Er hat sich vor sie gestellt, genau wie gerade vor Sie.“

Anna hatte schließlich eine Nachbarin angesprochen, die mit ihrem Hund vorbeikam.

Nicht wegen sich.

Wegen Murphy.

Sie hatte gesagt, dass der Hund nicht weitergehe.

Die Nachbarin war geblieben.

Dann hatte Anna doch noch Jonas angerufen.

Beim zweiten Mal war er rangegangen.

Er fand sie am Ententeich, auf einer Bank, mit Murphy quer vor ihren Knien und der Nachbarin neben ihr.

Anna war nicht gerettet, weil alles plötzlich gut wurde.

So funktionieren echte Abende nicht.

Aber sie war nicht allein geblieben.

Das war der Unterschied.

Der Unterschied war klein genug, um glaubwürdig zu sein.

Und groß genug, um ein Leben in eine andere Richtung zu drehen.

Ein Jahr später zog Anna in eine andere Stadt.

Sie wollte neu anfangen, aber nicht mit sauberer Lüge, sondern mit ehrlichem Anfang.

Murphy blieb bei Jonas, weil Annas neue Wohnung zu klein war und ihre Arbeit zu unregelmäßig.

Bevor sie ging, ließ sie die Marke machen.

Nur ihr Name darauf.

Keine Adresse.

Keine Telefonnummer.

„Warum nur ihr Name?“, fragte Lena.

Jonas strich über das Metall.

„Damit ich jedes Mal daran denke, wessen Regel das ist.“

Murphy schob seine Nase gegen Lenas Knie.

Nicht grob.

Bestimmt.

Lenas Handy vibrierte wieder nicht.

Gerade das machte ihr Angst.

Die Anrufe hatten aufgehört.

Plötzlich wollte sie, dass ihre Mutter noch einmal anrief.

Jonas bemerkte ihren Blick.

„Sie können auch zurückrufen“, sagte er.

Es war kein Befehl.

Kein Rat, der sich wichtig nahm.

Nur eine Tür.

Lena drückte auf den Namen ihrer Mutter.

Es dauerte nur ein Klingeln.

„Lena?“

Ein einziges Wort.

Da brach etwas in ihr, aber diesmal fiel sie nicht ins Leere.

Murphy blieb mit seinem warmen Körper an ihren Beinen.

Jonas saß daneben und sah auf den Kies, um ihr Privatsphäre zu lassen.

„Mama“, sagte Lena.

Mehr brachte sie zuerst nicht heraus.

Ihre Mutter wurde still.

Dann sagte sie: „Wo bist du?“

Lena schaute auf den Ententeich, auf den Pappkarton, auf das umgedrehte Foto im Gras.

„Im Park“, sagte sie.

„Bist du allein?“

Lena sah zu Murphy.

Der Hund blinzelte, als wäre die Antwort offensichtlich.

„Nein“, sagte Lena. „Nicht ganz.“

Ihre Mutter fragte nicht sofort nach Details.

Vielleicht hörte sie genug.

Vielleicht hatte sie diese Mutterfähigkeit, zwischen Atemzügen zu lesen.

Sie sagte nur: „Bleib dran. Wir sortieren das jetzt.“

Dieses Wort traf Lena unerwartet.

Sortieren.

Nicht retten.

Nicht erklären.

Sortieren.

Das war etwas, was man tun konnte, wenn alles zu groß war.

Ein Schritt.

Dann der nächste.

Jonas stand auf und holte den Bilderrahmen aus dem Gras.

Er wischte die Rückseite mit dem Ärmel trocken und hielt ihn Lena hin.

„Sie müssen ihn nicht mitnehmen“, sagte er.

Lena sah das Gesicht ihres Exfreundes hinter dem Glas.

Der Regen hatte den Rahmen an einer Ecke aufgeweicht.

Sie nahm ihn.

Nicht, weil sie ihn behalten wollte.

Sondern weil sie selbst entscheiden wollte, was damit geschah.

Sie legte ihn in den Karton, mit der Vorderseite nach unten.

Dann hob sie den Karton an.

Murphy blieb noch immer vor ihr.

„Murphy“, sagte Jonas.

Der Hund sah Lena an.

Lena hielt das Telefon am Ohr und sagte zu ihrer Mutter: „Ich komme nach Hause. Also, in die Wohnung. Erstmal.“

Murphy blieb.

„Und ich rufe dich an, wenn ich dort bin.“

Murphy bewegte sich nicht.

Lena verstand.

Sie atmete ein.

„Nein“, sagte sie dann. „Bleib bitte dran, bis ich an der Tür bin.“

Da trat Murphy zur Seite.

Nur einen Schritt.

Aber es war genug.

Jonas sah nicht triumphierend aus.

Er wirkte eher erleichtert.

Sie gingen zu dritt bis zur Parkausfahrt.

Lena mit dem Karton.

Jonas mit der lockeren Leine.

Murphy zwischen ihnen, als müsse er überprüfen, ob die Regel eingehalten wurde.

An der Haltestelle blieb Jonas stehen.

„Wollen Sie, dass ich warte, bis die Bahn kommt?“

Lena hätte aus Höflichkeit nein gesagt.

Früher.

An diesem Abend sagte sie: „Ja, bitte.“

Das Wort war klein.

Es fühlte sich trotzdem an wie Arbeit.

Während sie warteten, erzählte Jonas nichts mehr über Anna.

Er musste nicht.

Die Marke an Murphys Halsband glänzte matt im Licht der Haltestelle.

Lena hatte das Gefühl, dass dieser Name nicht mehr wie ein Geheimnis zwischen ihnen lag.

Eher wie ein stiller Auftrag.

Die Bahn kam um 18:42 Uhr.

Jonas hob den Karton hinein, ohne in Lenas Sachen zu schauen.

Murphy setzte eine Pfote auf die Stufe, als wolle er mitfahren.

„Nein, Großer“, sagte Jonas leise.

Murphy sah Lena an.

Lena beugte sich herunter und legte ihre Hand an seine nasse Stirn.

„Ich rufe an“, sagte sie.

Sie meinte ihre Mutter.

Vielleicht auch sich selbst.

Murphy zog die Pfote zurück.

In der Bahn setzte Lena sich ans Fenster.

Ihre Mutter blieb am Telefon.

Sie fragte nach der Kündigung.

Sie fragte nach der Wohnung.

Sie fragte nicht nach jedem Detail der Trennung, nicht sofort.

Stattdessen sagte sie, dass sie am nächsten Morgen gemeinsam die Bank ansehen würden, die Miete, die Kündigungsfrist, den möglichen Heimweg, falls Lena ihn wollte.

Keine großen Sätze.

Nur Ordnung gegen das Chaos.

Zu Hause war der Flur noch immer leer.

Der Haken war noch immer leer.

Der Schrank war noch immer ordentlich ausgeräumt.

Aber Lena war nicht mehr dieselbe Person, die am Nachmittag davor gesessen hatte.

Sie stellte den Pappkarton auf den Küchentisch.

Sie nahm den Bilderrahmen heraus.

Dann öffnete sie den Mülleimer nicht.

Stattdessen legte sie den Rahmen in eine Schublade.

Nicht aus Sehnsucht.

Aus Entscheidung.

Manche Dinge wirft man nicht in der ersten Stunde weg, weil Wut genauso fremdbestimmt sein kann wie Liebe.

Ihre Mutter blieb am Telefon, bis Lena die Wohnungstür abgeschlossen hatte.

Dann sagte Lena zum ersten Mal den ganzen Satz.

„Ich habe heute meinen Job verloren, er ist ausgezogen, und ich weiß nicht, was ich morgen mache.“

Am anderen Ende blieb es kurz still.

Dann sagte ihre Mutter: „Dann machen wir morgen nur morgen.“

Lena setzte sich auf den Küchenstuhl.

Sie weinte noch einmal.

Diesmal leiser.

Nicht, weil es weniger wehtat.

Sondern weil sie nicht mehr beweisen musste, dass sie allein damit fertigwurde.

In den nächsten Tagen wurde nichts filmreif gelöst.

Die Agentur nahm die Kündigung nicht zurück.

Der Exfreund kam nicht mit einer Entschuldigung an die Tür.

Das Konto füllte sich nicht von selbst.

Aber Lenas Mutter half ihr, die Zahlen aufzuschreiben.

Eine Freundin aus dem Studium schickte ihr zwei Stellenanzeigen.

Der Vermieter stimmte einer kurzen Übergangslösung zu, weil Lena rechtzeitig und sachlich fragte.

Jonas schrieb ihr keine langen Nachrichten.

Er schickte nur am nächsten Abend ein Foto von Murphy am Ententeich.

Darunter stand: „Er hat heute drei Bänke kontrolliert. Keine Einsätze.“

Lena lachte, wirklich diesmal.

Eine Woche später ging sie wieder in den Park.

Nicht, weil alles gut war.

Weil sie wissen wollte, ob sie an der Bank vorbeigehen konnte, ohne zu verschwinden.

Jonas war dort.

Murphy sah sie, zog einmal an der Leine und kam zu ihr.

Diesmal stellte er sich nicht vor den Weg.

Er setzte sich neben sie.

Das war ein anderer Auftrag.

Lena kraulte die kleine Kerbe an seinem Ohr.

„Hallo, Murphy“, sagte sie.

Jonas nickte ihr zu.

An Murphys Halsband hing die silberne Marke.

Anna.

Lena sah den Namen an und verstand, dass der Hund sie an jenem Tag nicht gerettet hatte, indem er ihr Leben reparierte.

Er hatte nur verhindert, dass sie den schlimmsten Moment allein weitertragen musste.

Das war keine Kleinigkeit.

Das war die Regel.

Wenn Murphy nicht weitergeht, geht der Mensch auch nicht allein weiter.

Und an diesem Abend, auf einer nassen Parkbank in einer deutschen Stadt, hatte ein Hund diese Regel besser eingehalten als jeder Mensch, der Lena an diesem Tag verlassen hatte.

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