Der dreizehnte Raum kannte jeden Tag bis zu meinem Ruhestand-thtruc2710

Die blaue Tinte glänzte nicht nur frisch, sie roch sogar nach dem Kugelschreiber in meiner Brusttasche, und als ich mit dem Daumen über das schräge R strich, verschmierte die Schrift genauso, wie meine eigene Schrift immer verschmierte.

Ich hatte diese Warnung geschrieben.

Nicht irgendwann in einer fernen Zukunft, sondern während einer der zwölf Begegnungen, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte.

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„Sag meinen Namen nicht mehr“, flüsterte ich in Richtung Telefonhörer.

Meine Kollegin fragte nicht nach dem Grund.

Sie antwortete nur: „Verstanden.“

Im Feld des heutigen Datums erschien ein weiterer winziger Strich.

Der dreizehnte.

Gleichzeitig bewegte sich das Skelett auf meinem Stuhl.

Sein rechter Zeigefinger hob sich knirschend und deutete auf das helle Rechteck an der Uniformjacke, wo ein Namensschild fehlte.

Ich fasste an mein eigenes Schild, zog es aber noch nicht ab.

Aus Raum vierzehn rief die nachgeahmte Stimme erneut meinen Namen, diesmal leiser und eindringlicher, als stünde meine Kollegin direkt hinter mir.

Die echte Kollegin blieb am Telefon stumm.

Die Schritte erreichten die Schwelle von Raum dreizehn, doch niemand trat herein.

Stattdessen änderte sich der Kalender in meinen Händen.

Die schwarzen Markierungen auf den kommenden Seiten verblassten für einen Moment, während auf der Innenseite des Umschlags neue Worte erschienen.

„Eine Stimme öffnet den Weg.“

Darunter folgte ein zweiter Satz.

„Ein Name bestimmt, wer bleibt.“

Ich sagte meiner Kollegin, sie solle ihr Namensschild abnehmen, es umdrehen und weder meinen noch ihren Namen aussprechen.

Während sie gehorchte, ging ich langsam auf Raum vierzehn zu.

Dort stand nicht noch einmal mein Schreibtisch.

Es war ihrer.

Ihre Jacke hing über der Rückenlehne, ihr Becher stand neben dem Telefon, und auf dem Tisch lag ein Kalender, der jeden Arbeitstag bis zu ihrem Ruhestand zeigte.

„Bei mir erscheint eine Tür in der Wand“, sagte sie plötzlich.

Ihre Stimme zitterte jetzt wirklich.

„Und der Griff bewegt sich.“

Ich blieb zwischen den beiden Räumen stehen und sah nicht zurück.

Hinter mir begann das Skelett aufzustehen.

Vor mir drückte sich die Türklinke in dem leeren Raum langsam nach unten.

„Nicht öffnen“, sagte ich.

„Ich fasse sie nicht an.“

„Egal, was du hörst.“

„Was soll ich tun?“

Ich betrachtete ihren kopierten Arbeitsplatz und suchte nach etwas Persönlichem, das der Flur übernommen hatte.

Der Becher war da, die Jacke ebenfalls, sogar der kleine Kratzer am Telefongehäuse.

Aber das private Foto, das auf ihrem echten Tisch neben dem Bildschirm stand, fehlte.

Auch an meinem kopierten Schreibtisch hatte nichts gelegen, was zu meinem Leben außerhalb der Wache gehörte.

Keine Brieftasche.

Kein privater Schlüssel.

Nur Dinge, die zur Schicht gehörten.

Der Flur kopierte nicht uns.

Er kopierte unsere Funktion.

Die Schritte hinter mir verstummten.

Dann hörte ich das Schaben von Knochen über Linoleum.

Das Skelett war vom Stuhl aufgestanden und befand sich nun irgendwo in Raum dreizehn, doch ich zwang mich, nicht über die Schulter zu sehen.

„Ist die Tür noch da?“, fragte ich.

„Ja.“

„Ist dein Namensschild verdeckt?“

„Es liegt mit der Schrift nach unten.“

Der Türgriff auf ihrer Seite hörte auf, sich zu bewegen.

Im kopierten Raum vierzehn verschwand ihr Kalender.

Meiner blieb in meinen Händen.

Das war der erste Beweis dafür, dass wir die Regeln beeinflussen konnten.

Ich nahm den Kugelschreiber aus meiner Brusttasche.

Es war derselbe billige blaue Stift, mit dem die Warnung geschrieben worden war.

An seiner Spitze klebte frische Tinte.

Als ich ihn ansah, kamen die Erinnerungen nicht als vollständige Bilder zurück, sondern als kurze, harte Stöße.

Ich sah mich durch den Flur rennen.

Ich sah meine Hand an einer Klinke.

Ich hörte meine Kollegin meinen Namen rufen.

Ich sah Licht, das sich zu einer schmalen Linie schloss.

Dann wieder den Anfang meiner Runde, den Materialraum, die Taschenlampe und den Flur, der scheinbar nur zwölf Türen hatte.

Zwölfmal hatte ich versucht, hinauszukommen.

Zwölfmal hatte ich auf meinen Namen reagiert oder nach dem Ausgang gesucht.

Und jedes Mal hatte der Flur die letzten Minuten aus meinem Gedächtnis entfernt und mich an den Beginn zurückgesetzt.

Nicht, weil ich gescheitert war, jemanden zu retten.

Sondern weil die Übergabe noch nicht vollständig gewesen war.

„Hörst du mich noch?“, fragte meine Kollegin.

„Ja.“

„Die Wand hinter mir ist kalt geworden.“

„Sie will, dass du dich umdrehst.“

„Woher weißt du das?“

„Weil sie es bei mir genauso gemacht hat.“

Aus dem Telefonhörer neben meinem Schreibtisch ertönte plötzlich meine eigene Stimme.

„Die Tür ist offen“, sagte sie.

Die Worte kamen nicht von mir.

Die nachgeahmte Stimme sprach weiter.

„Du kannst jetzt zurückkommen.“

Meine Kollegin atmete scharf ein.

„Das warst nicht du.“

„Nein.“

„Dann kann es auch deine Stimme benutzen.“

„Es benutzt alles, was es gehört hat.“

Ich hob den Kalender höher und hielt ihn in das Licht aus Raum vierzehn.

Auf der Seite des heutigen Datums standen jetzt weitere Sätze, Zeile für Zeile, als würden sie von einer unsichtbaren Hand geschrieben.

„Die Ablösung wartet.“

„Die Ablösung braucht einen Namen.“

„Der Dienst endet nicht ohne Übergabe.“

Ich dachte an das Skelett auf meinem Stuhl, an die ordentlich auf den Oberschenkeln liegenden Hände und an seine Haltung, als warte dort jemand seit Jahren darauf, dass die nächste Schicht endlich erschien.

Das Skelett war nicht meine Zukunft.

Zumindest nicht nur.

Es war das, was vom jeweils letzten Träger des Flurs übrig blieb, nachdem dessen Name weitergegeben worden war.

Das helle Rechteck auf seiner Uniform war leer, weil der Flur ihm die Identität genommen hatte.

Der nächste Name würde dort befestigt werden.

Meiner, falls ich blieb.

Der Name meiner Kollegin, falls ich hinausging und sie den Flur übernahm.

„Die Tür öffnet sich wieder“, sagte sie.

Im kopierten Raum vierzehn erschien eine dunkle Spalte in der Wand.

Durch sie sah ich nicht den vorderen Dienstraum, sondern einen weiteren Flur.

An seinem Ende brannte meine Taschenlampe auf dem Boden.

Das Licht zeigte auf eine fünfzehnte Tür.

„Siehst du Licht?“, fragte ich.

„Ja“, antwortete meine Kollegin. „Unter der Tür.“

Der Flur existierte jetzt auf beiden Seiten der Wand.

Er hatte eine Verbindung zwischen uns geschaffen.

Ich trat einen Schritt zurück.

Sofort wurde die Öffnung in Raum vierzehn breiter.

Ich ging wieder vor.

Sie verengte sich.

Der Flur reagierte nicht nur auf Namen und Blicke.

Er reagierte auf meine Entscheidung, mich dem Ausgang zu nähern oder mich davon zu entfernen.

Jeder Versuch, zurückzukehren, drückte ihn näher zu meiner Kollegin.

Jeder Schritt tiefer hinein zog ihn von ihr weg.

„Ich gehe weiter“, sagte ich.

„Nein“, erwiderte sie sofort.

Die Tür bei ihr sprang hörbar gegen den Rahmen.

Ich hörte das Geräusch sowohl durch den Telefonhörer als auch aus Raum vierzehn.

„Du hast selbst gesagt, du warst schon zwölfmal dort“, sagte sie. „Beim dreizehnten Mal verschwindest du vielleicht endgültig.“

„Wenn ich zurückgehe, verschwindest du.“

„Dann finden wir einen anderen Weg.“

Die nachgeahmte Stimme wiederholte ihren letzten Satz aus Raum fünfzehn.

„Wir finden einen anderen Weg.“

Dabei lag in ihrer Kopie eine Ruhe, die meine Kollegin nicht gehabt hatte.

Es war kein Trost.

Es war eine Einladung.

Ich nahm das Telefon vom kopierten Schreibtisch und hielt den Hörer näher ans Ohr.

Die Leitung rauschte, doch darunter hörte ich noch etwas.

Ein regelmäßiges Klacken.

Nicht Schritte.

Das Geräusch einer Klemme, die geöffnet und geschlossen wurde.

Ich blickte auf das leere Rechteck der Skelettuniform, ohne den Kopf vollständig zu drehen.

Das Geräusch kam von dort.

Das Skelett bewegte die knöchernen Finger an der Stelle, an der ein Namensschild befestigt werden sollte.

Es wartete nicht darauf, dass ich mich setzte.

Es wartete auf meinen Namen.

Ich zog mein Namensschild von der Uniform.

Im selben Augenblick erlosch das Licht in Raum vierzehn.

Meine Kollegin schrie auf.

„Was ist passiert?“

„Bei mir ist alles dunkel“, sagte sie. „Nur die Tür leuchtet noch.“

Auf meiner Seite begannen sämtliche Telefone zu klingeln.

Das auf meinem Schreibtisch.

Das auf ihrem kopierten Schreibtisch.

Ein weiteres in Raum fünfzehn.

Dann eines hinter der nächsten Tür.

Jeder Apparat klingelte im gleichen Rhythmus, und zwischen den Tönen riefen Stimmen meinen Namen.

Manche klangen wie meine Kollegin.

Andere kannte ich nicht.

Eine Stimme klang wie meine eigene.

Ich hielt mein Namensschild so fest, dass die Kanten in meine Handfläche drückten.

Der Kalender schlug von selbst zu.

Auf seinem Umschlag stand jetzt nur noch ein einziger Satz.

„Zur Übergabe am letzten Arbeitsplatz befestigen.“

Das konnte eine Anweisung sein.

Oder eine Falle.

Der letzte Arbeitsplatz konnte der Stuhl in Raum dreizehn sein.

Es konnte aber auch der Schreibtisch meiner Kollegin sein, falls der Flur bereits entschieden hatte, dass meine Schicht endete und ihre begann.

„Wo liegt dein Namensschild?“, fragte ich.

„Noch immer auf dem Tisch.“

„Lass es dort.“

„Was hast du vor?“

„Ich gebe dem Flur, was er verlangt.“

„Du darfst ihm meinen Namen nicht geben.“

„Das werde ich nicht.“

Hinter mir schabte ein Knochen über den Boden.

Diesmal war das Geräusch so nah, dass es direkt an meinem Rücken zu entstehen schien.

Ich sah trotzdem nicht zurück.

Stattdessen beobachtete ich die spiegelnde Scheibe eines Bilderrahmens auf dem kopierten Schreibtisch.

Darin erkannte ich das Skelett.

Es stand unmittelbar hinter mir.

Sein Schädel war leicht geneigt.

An der Uniform befand sich noch immer das leere Rechteck.

Doch in der Spiegelung sah ich etwas, das ich vorher nicht bemerkt hatte.

Unter dem Stoff zeichneten sich keine menschlichen Rippen ab.

Zwischen den Knochen steckten kleine Metallplatten, Dutzende davon, übereinandergeschoben und von Rost bedeckt.

Namensschilder.

Der Flur hatte sie nicht vernichtet.

Er hatte sie gesammelt.

Jeder Mensch, der die Schicht weitergegeben hatte, war dort zurückgeblieben, reduziert auf eine dünne Platte mit einem Namen, den niemand mehr rief.

Meine Hand zitterte.

Die Erinnerung an eine der früheren Schleifen kehrte zurück.

Ich hatte das Skelett bereits einmal berührt.

Damals war seine Jacke aufgeplatzt, und ich hatte die Metallstücke gesehen.

Ich hatte eines herausgezogen.

Sofort hatte eine fremde Stimme aus dem Flur geantwortet.

Ich war erschrocken, hatte mich zum Ausgang gedreht und alles vergessen.

Deshalb hatte ich die Warnung geschrieben.

Nicht um mich vor dem Skelett zu schützen.

Sondern damit ich beim nächsten Mal begriff, dass es kein einzelner Toter war.

„Kannst du etwas sehen?“, fragte meine Kollegin.

„Zu viel.“

„Die Tür bei mir steht jetzt einen Spalt offen.“

Durch den Hörer hörte ich ein langsames Einatmen auf ihrer Seite.

Dann sagte ihre Stimme meinen Namen.

Die echte Kollegin hatte ihn nicht ausgesprochen.

Das Geräusch kam aus dem Spalt in ihrer Wand.

Der Flur versuchte, mich von beiden Seiten zu rufen.

„Hör nur auf das Telefon“, sagte ich.

„Ich höre dich.“

„Wenn meine Stimme aus der Tür kommt, antwortest du nicht.“

„Und wenn du wirklich dort herauskommst?“

„Dann antworte trotzdem nicht.“

Sie schwieg einen Moment.

„In Ordnung.“

Dieses Vertrauen traf mich härter als jede Stimme im Flur.

Sie konnte nicht wissen, ob ich noch ich selbst war.

Sie konnte nicht wissen, ob meine Anweisungen sie retteten oder tiefer in die Falle führten.

Trotzdem blieb sie am Telefon und befolgte jede einzelne davon.

Ich beschloss, dass der Flur ihren Namen nicht bekommen würde.

Nicht in dieser Nacht.

Nicht durch mich.

Ich legte den Kalender auf den kopierten Schreibtisch und öffnete ihn beim heutigen Datum.

Neben den dreizehn Strichen war noch Platz.

Ich setzte den Kugelschreiber an und schrieb langsam: „Keine weitere Ablösung.“

Die Tinte verschwand sofort.

Ich schrieb denselben Satz erneut.

Wieder löschte der Kalender ihn.

Der Flur akzeptierte keine Weigerung.

Also änderte ich die Formulierung.

Unter die Striche schrieb ich: „Ablösung erfolgt.“

Diesmal blieb die Tinte sichtbar.

Alle Telefone verstummten.

Das Skelett hinter mir neigte den Schädel weiter nach vorn.

Ich drehte das Namensschild in meiner Hand um.

Auf der Rückseite befand sich eine dünne Schicht alter Klebereste, obwohl mein Schild mit einer Klemme befestigt wurde.

Es war schon einmal an einer anderen Uniform gewesen.

Vielleicht in einer früheren Schleife.

Vielleicht hatte ich die Lösung bereits gefunden und war nur nicht weit genug gekommen.

Ich sah in den Bilderrahmen.

Das Skelett hob beide Hände und hielt die Ränder seiner Uniformjacke auseinander.

Zwischen den Rippen lagen die gesammelten Namen.

In der Mitte war eine Lücke.

Genau so breit wie mein Schild.

„Die Tür bewegt sich“, flüsterte meine Kollegin.

„Noch nicht öffnen.“

„Ich öffne sie nicht.“

„Gleich wird das Licht ausgehen.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich etwas beenden muss.“

Ich klemmte mein Namensschild nicht an das leere Rechteck außen auf der Uniform.

Ich schob es durch die Öffnung zwischen den Rippen und setzte es in die freie Stelle zwischen die anderen Namen.

Das Skelett schloss die Jacke.

Im gleichen Augenblick schlug der Kalender sämtliche Seiten auf einmal um.

Die schwarzen Markierungen rasten rückwärts durch die Jahre.

Jeder Strich verschwand, sobald die Seite vorbeischlug.

Monate wurden wieder leer.

Jahre wurden zu unbeschriebenem Papier.

Dann erreichte der Kalender das heutige Datum.

Die dreizehn kleinen Striche lösten sich auf.

Nur mein Satz blieb stehen.

„Ablösung erfolgt.“

Der Boden unter mir bebte.

Die Wände der Räume dreizehn und vierzehn verschoben sich mit einem tiefen Knirschen gegeneinander.

Das Skelett legte eine Hand auf meine Schulter.

Seine Finger waren nicht kalt.

Sie fühlten sich an wie trockener Stoff, dünnes Metall und die Wärme einer Haut, die nur für einen Augenblick zurückkehrte.

Aus seinem Brustkorb kamen Stimmen.

Keine Schreie.

Nur Namen, leise hintereinander gesprochen, als würden Menschen nach sehr langer Zeit wieder aufgerufen.

Ich verstand keinen davon deutlich genug, um ihn zu wiederholen.

Dann fiel das Skelett in sich zusammen.

Die Uniform lag leer auf dem Boden.

Zwischen den Stofffalten befanden sich keine Knochen mehr.

Auch die Namensschilder waren verschwunden.

Mein eigenes ebenfalls.

Die offene Tür zu Raum fünfzehn schlug zu.

Raum vierzehn begann zu schrumpfen.

Der kopierte Schreibtisch meiner Kollegin wurde schmaler, die Wände rückten zusammen und das Licht über der Tür flackerte.

„Was passiert?“, fragte sie.

„Die Verbindung bricht zusammen.“

„Kannst du zurückkommen?“

Ich blickte auf den Kalender.

Auf der Innenseite des Umschlags stand eine letzte Anweisung.

„Nicht umdrehen.“

Mehr nicht.

Ich nahm den Kalender unter den Arm und griff nach dem Telefonhörer.

Das Kabel führte aus Raum dreizehn in den Flur, doch ich wusste, dass es nicht lang genug sein konnte, um bis zum vorderen Dienstraum zu reichen.

Trotzdem war die Leitung noch offen.

„Sprich weiter“, sagte ich.

„Was soll ich sagen?“

„Irgendetwas, aber keine Namen und keine Zahlen.“

Sie begann mir zu beschreiben, was sie sah.

Die Lampe auf ihrem Schreibtisch.

Die geschlossene Verbindungstür.

Den Umriss in der Wand, der langsam blasser wurde.

Ihre Stimme gab mir eine Richtung, ohne mich zu rufen.

Ich ging rückwärts.

Den ersten Schritt setzte ich über die Schwelle von Raum dreizehn.

Der Flur hinter mir knarrte, als würde etwas Schweres aufstehen.

Ich sah nicht hin.

Beim nächsten Schritt erlosch das Licht in Raum vierzehn.

Die Stimme aus der Dunkelheit rief meinen Namen.

Ich antwortete nicht.

Meine Kollegin sprach weiter.

Sie erzählte, dass die feuchte Stelle an ihrer Wand trockener wurde und dass der Türgriff, der dort eben noch gewesen war, bereits halb im Putz versank.

Ich ging weiter rückwärts.

Die Türen an den Seiten schlugen nacheinander zu.

Ich zählte sie nicht.

Aus einigen Räumen hörte ich Telefone.

Aus anderen kamen Schritte, Husten oder das Rascheln von Papier.

Einmal hörte ich meine eigene Stimme sagen, meine Kollegin habe die Tür geöffnet und brauche Hilfe.

Doch durch den Hörer sagte sie im selben Augenblick ruhig, dass sie noch immer an ihrem Schreibtisch saß.

Der Flur begann, Erinnerungen gegen mich zu verwenden.

Ich hörte das Geräusch meines Schlüssels, der in einem Schloss abbrach.

Ich hörte eine Tür, die ich bei einem früheren Versuch aufgestoßen hatte.

Ich hörte mich selbst fluchen, rennen und um Hilfe rufen.

Zwischen diesen Geräuschen lagen kurze Lücken, und in jeder Lücke glaubte ich, direkt hinter mir einen Atemzug zu hören.

Ich blickte nicht zurück.

Der Kalender wurde unter meinem Arm zunehmend leichter.

Seine Seiten lösten sich nicht, doch die Jahre verschwanden.

Das Papier nach dem heutigen Datum wurde leer.

Der Flur hatte meinen Ruhestand nicht mehr markiert.

Er hatte aufgehört, meine verbleibenden Diensttage zu zählen.

„Der Umriss ist fast weg“, sagte meine Kollegin.

„Bleib sitzen.“

„Ich sitze.“

„Auch wenn du mich siehst.“

Sie schwieg kurz.

„Ich sehe dich bereits.“

Meine Füße blieben stehen.

„Wo?“

„Hinter der Wand.“

„Bewegt sich die Gestalt?“

„Sie steht nur da.“

„Siehst du mein Gesicht?“

„Nein.“

Ich wusste, dass der Flur seinen letzten Versuch machte.

Er zeigte ihr eine Form, die meine Uniform trug, aber keinen Namen und kein Gesicht hatte.

Wenn sie die Wand öffnete, würde sie dieser Form vielleicht die Identität geben, die ich gerade entfernt hatte.

„Schau nicht hin“, sagte ich.

„Dann weiß ich nicht, ob du zurückkommst.“

„Du wirst mich hören.“

„Ich höre dich jetzt.“

„Nicht aus der Wand.“

Sie atmete langsam aus.

Dann beschrieb sie wieder die Lampe auf ihrem Schreibtisch.

Ich setzte mich rückwärts in Bewegung.

Die Gestalt hinter mir folgte.

Ich sah ihren Schatten vor meinen Füßen.

Er war länger als meiner und trug die Umrisse einer Uniformmütze, obwohl ich keine trug.

Der Schatten hob den Arm.

Etwas berührte den Hinterkopf meiner Jacke.

Ich ging weiter.

Der Telefonhörer knackte.

Für einen Moment verschwand die Stimme meiner Kollegin.

Dann hörte ich sie sagen: „Mach die Tür auf.“

Ich blieb nicht stehen.

Die echte Kollegin hätte diesen Satz nicht gesagt.

Die Stimme wiederholte ihn lauter.

„Mach die Tür auf.“

Ich hielt den Hörer vom Ohr weg.

Darunter, sehr schwach, hörte ich ein gleichmäßiges Klopfen.

Meine Kollegin klopfte mit den Fingern gegen ihren Schreibtisch.

Nicht als Code.

Nur damit ich wusste, dass sie noch da war, ohne weitere Worte zu liefern, die der Flur nachahmen konnte.

Ich folgte dem Geräusch.

Der Boden unter meinen Füßen änderte sich.

Das glatte Linoleum des unmöglichen Flurs wurde rauer.

Ich spürte eine Fuge, dann den abgetretenen Belag vor dem Materialraum.

Der Schatten vor mir verschwand.

Etwas griff nach meinem Schlüsselbund.

Die Metallringe spannten sich gegen den Gürtel.

Ich ließ die Schlüssel nicht los, zog aber auch nicht daran.

Nach einigen Sekunden löste sich der Griff.

Der Kalender fiel mir aus der Hand.

Ich hörte ihn auf dem Boden aufschlagen.

Instinktiv wollte ich mich umdrehen.

Stattdessen kniete ich rückwärts nieder, tastete über den Boden und fand den Umschlag mit den Fingerspitzen.

Als ich wieder aufstand, berührte mein Rücken eine feste Wand.

Die Stimme meiner Kollegin kam nun nicht mehr aus dem Hörer.

Sie war direkt hinter der Wand zu hören.

„Weiter“, sagte sie.

Ich drückte mich rückwärts dagegen.

Der Putz fühlte sich zunächst kalt und hart an.

Dann gab er nach wie nasser Stoff.

Meine Schultern sanken hindurch.

Für einen Augenblick steckte ich zwischen zwei Räumen fest.

Vor mir lag der dunkle Flur mit seinen Türen.

Hinter mir hörte ich den vorderen Dienstraum.

Aus der Tiefe riefen sämtliche Stimmen gleichzeitig meinen Namen.

Ich hob den Fuß und stieß mich ab.

Die Wand gab nach.

Ich fiel rückwärts auf den Boden des echten Dienstraums.

Meine Kollegin sprang vom Stuhl auf, sagte aber nichts.

Der Telefonhörer rutschte mir aus der Hand und schlug gegen das Tischbein.

Vor uns befand sich nur die gewöhnliche Wand neben dem Materialraum.

Kein Türrahmen.

Kein Lichtspalt.

Kein Flur.

Die feuchte Stelle im Putz zog sich zu einem dünnen dunklen Strich zusammen und verschwand.

Erst dann beugte sich meine Kollegin zu mir.

„Bist du verletzt?“

Ich tastete meinen Hinterkopf, meine Schultern und meine Rippen ab.

„Nein.“

Sie sah auf die Stelle an meiner Uniform, an der mein Namensschild befestigt gewesen war.

„Wo ist dein Schild?“

„Dort geblieben.“

„Warum?“

Ich hielt ihr den Kalender hin.

Sie schlug ihn auf.

Alle Seiten waren leer.

Auch der heutige Tag.

Nur auf der Innenseite des Umschlags stand der Satz, den ich geschrieben hatte.

„Ablösung erfolgt.“

Meine Kollegin las ihn zweimal.

Dann sah sie mich an, und in ihrem Gesicht veränderte sich etwas.

Nicht Angst.

Verwirrung.

„Entschuldige“, sagte sie langsam. „Wie heißt du?“

Die Frage traf mich unvorbereitet.

Ich nannte meinen Namen.

Sie wiederholte ihn, doch schon beim zweiten Versuch stockte sie mitten im Wort.

„Ich kann ihn nicht behalten“, flüsterte sie.

Sie kannte mein Gesicht.

Sie erinnerte sich an unsere gemeinsame Schicht, an meine Warnungen und an den Flur.

Aber mein Name rutschte aus ihrer Erinnerung, sobald sie ihn hörte.

Wir überprüften den Dienstplan.

Dort stand für diese Nacht nur ihr Eintrag.

Mein Arbeitsplatz war vorhanden, doch auf dem Schild an der Tür war keine Funktion für mich aufgeführt.

Im Computer fand sie Berichte, die ich geschrieben hatte, aber die Zeile mit dem Verfasser war leer.

In einem Schrank lagen Formulare mit meiner Handschrift und ohne Unterschrift.

Die Wache hatte meine Arbeit behalten.

Sie hatte nur mich daraus entfernt.

Das war der Preis für die falsche Übergabe.

Der Flur hatte keinen lebenden Nachfolger erhalten, also hatte er meinen Namen genommen und an den Ort gebunden, an dem die übrigen Namen verschwunden waren.

Meine Kollegin setzte sich wieder an ihren Schreibtisch.

Ihr umgedrehtes Namensschild lag noch dort.

Sie berührte es nicht.

„Soll ich es wieder anstecken?“, fragte sie.

Ich sah zur Wand neben dem Materialraum.

Sie war trocken und fest.

„Noch nicht.“

Wir warteten, bis die ersten Geräusche des Morgens aus dem Gebäude kamen.

Eine Tür wurde geöffnet.

Wasser lief durch eine Leitung.

Jemand stellte im entfernten Flur eine Tasche ab.

Gewöhnliche Geräusche, die nichts wiederholten und niemanden lockten.

Als eine weitere Person den Dienstraum betrat, sah sie mich an und fragte, ob sie mir helfen könne.

Sie erkannte die Uniform, aber nicht den Menschen darin.

Meine Kollegin sagte, ich gehöre zu ihrer Schicht.

Die Person warf einen Blick auf den Plan und runzelte die Stirn.

„Hier steht nur ein Name.“

Meine Kollegin antwortete nicht.

Sie schob den Kalender in eine Schublade und schloss sie ab.

Später führte sie mich durch den normalen Ausgang.

Niemand hielt mich auf.

Niemand verabschiedete mich.

Mein Schlüsselbund öffnete noch die Türen, doch in der Liste der ausgegebenen Schlüssel gab es keinen Eintrag für mich.

Als ich die Uniform ablegte, blieb an meiner Brust ein helles Rechteck zurück, genau wie auf der Jacke des Skeletts.

Nur war es auf meiner Kleidung durch Sonne und jahrelangen Gebrauch entstanden.

Auf seiner Uniform hatte es wie eine leere Stelle gewirkt.

Jetzt wusste ich, dass es keine Leere gewesen war.

Es war eine Warnung.

Meine Kollegin konnte meinen Namen auch am nächsten Tag nicht aussprechen.

Sie konnte mich jedoch beschreiben.

Sie erinnerte sich daran, dass ich den Kalender getragen hatte, dass ich rückwärts durch die Wand gefallen war und dass ich ihr verboten hatte, die falsche Tür zu öffnen.

Das genügte, damit die Nacht für sie wirklich blieb.

Wir suchten nicht nach dem Flur.

Wir rissen die Wand nicht auf.

Wir versuchten auch nicht, die verschwundenen Namensschilder zu finden.

Denn die Regeln waren nicht verschwunden, nur weil der Zugang geschlossen war.

Eine Stimme öffnete den Weg.

Ein Name bestimmte, wer blieb.

Und der Flur hatte nun einen Namen, der zu keinem Dienstplan und keiner lebenden Person mehr gehörte.

Meinen.

Wochen später öffnete meine Kollegin die Schublade und legte den Kalender vor mich.

Auf keiner Seite war ein schwarzer Strich erschienen.

Der Tag meines geplanten Ruhestands war leer.

Auch der Satz auf dem Umschlag war verblasst, bis nur noch ein blauer Abdruck zu sehen war.

Sie stellte eine Tasse neben den Kalender.

Ein Tropfen Kaffee lief über den Rand und hinterließ einen runden Fleck auf dem Tisch.

Ich wischte ihn mit einem Papiertuch fort.

Diesmal blieb das Papier trocken.

Es gab keine Kopie in einem dreizehnten Raum, die den Fleck für mich aufbewahrte.

Meine Kollegin steckte ihr Namensschild wieder an die Uniform.

Dann schob sie den Kalender zu mir.

Ich blätterte ein letztes Mal bis zu dem Datum, an dem meine Dienstzeit hätte enden sollen.

Dort stand nichts.

Kein Strich.

Keine Warnung.

Keine Übergabe.

Zum ersten Mal seit Beginn jener Nachtschicht war der Kalender nur Papier.

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